Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 270 f.

Chinarinde (aus dem span. "Quina"), auch "Chininrinde" oder "Fieberrinde" genannt, Rinden von Stamm und Ästen zahlreicher Arten der Gattung Cinchona (aus der Familie der Rubiaceen), einheimisch im tropischen Kordillerengebiet Südamerikas, vorwiegend Boliviens. Heute wird nur noch ein verhältnismäßig geringfügiger Prozentsatz der Weltproduktion aus wilden Beständen Südamerikas gewonnen; die Hauptmenge stammt aus den Kulturen Javas und Britisch-Indiens, kleinere Lieferungen aus denen Ceylons und Afrikas (San Thomé). Für die Kultur kommen im wesentlichen nur Cinchona succirubra Pavon und C. Ledgeriana Moens, sowie deren künstlich gezogene Bastarde (Hybriden) in Betracht. Erstere bildet schöne, bis über 25 m hohe, schlanke und regelmäßig gewachsene Stämme mit großlaubigen Kronen, Ledgeriana dagegen ist von wenig ansprechendem Habitus, unregelmäßig gewachsen mit lichter Krone (Abb. beider Arten bei Busse). Die Cinchonen sind immergrüne Bäume mit meist tiefgrün gefärbtem Laub; Blüten zu Rispen angeordnet, röhrenförmig, mit 5 Zipfeln, von weißer, rosa- oder purpurroter Farbe und angenehmem Geruch; Frucht eine längliche oder nahezu eirunde Kapsel, im reifen Zustande vom Grunde an aufgeschlitzt, aber an der Spitze zusammengeheftet bleibend; sie enthält zahlreiche, flache, leichte, geflügelte Samen. Der Wert der Ch. beruht auf ihrem Gehalt an verschiedenen, zur chemischen Gruppe der Alkaloide gehörenden fieberwidrigen Stoffen ("China-Alkaloide"), von denen das Chinin (s.d.) bei weitem der wichtigste ist. Die chininreichste Rinde liefert C. Ledgeriana - bis über 12% reines Chinin -, während diejenige von C. succirubra durchschnittlich nur 3% enthält. Hervorragende Resultate hat man auf Java mit Hybriden beider Arten erzielt, die bis zu 13-14% reines Chinin ergaben. Als ausgezeichnete Stammrinde von Hybriden gilt solche mit 10-11%; man rechnet dann für die Wurzelrinde 8-9%, für die Zweigrinde 5%. Der durchschnittliche Chiningehalt der Bestände auf den Plantagen Javas beträgt 6-7%. Auch hat man daselbst durch Pfropfung der C. Ledgeriana auf C. succirubra-Unterlage Typen mit einem durchschnittlichen Gehalt der Stammrinde von 12% Chinin gezogen. (Näheres s. "Jaarverslage".) Der Gesamtalkaloid- wie auch der Chiningehalt der Ch. ist übrigens, abgesehen vom botanischen Typ, in hohem Grade von Klima, Höhenlage und Bodenbeschaffenheit abhängig. - Von den übrigen Alkaloiden der Ch. ist namentlich das Cinchonidin zu beachten, das sich seit Beginn des Jahrhunderts besonderer Wertschätzung erfreut. Mit der fortschreitenden Erschließung der Tropenländer und namentlich der europäischen Kolonien Afrikas und Asiens hat der Chininverbrauch (Malariabekämpfung) und demgemäß die Ch.Produktion außerordentlich zugenommen (Statistik bei Stuhlmann). Technik des Anbaus, Zuchtwahl, Gewinnung hochwertigen Rindenmaterials, Ernte und Behandlung der Rinden sowie auch die chemische Untersuchung der Rinden und die fabrikatorische Darstellung der Alkaloide haben in den letzten Jahrzehnten durch die mustergültigen Arbeiten des Direktors der Regierungs-China-Plantagen ("Gouvernements Kina-Onderneming"), van Leersum, eine ungeahnt hohe Stufe erreicht. Die hier mitgeteilten Angaben beruhen fast ausschließlich auf den dortigen Ergebnissen. Anbau (Einzelheiten bei Semler, Stuhlmann, Busse, Winkler). Die Cinchona-Kultur ist als eine Forstkultur zu betrachten und muß demgemäß nach den Regeln der Forstwirtschaft betrieben werden. Für den Anbau von C. Ledgeriana und C. succirubra, sowie deren Hybriden ist in der engeren Äquatorialzone eine Höhenlage von 1300-1700 m als die beste anzusehen (Frostgefahr muß ausgeschlossen bleiben); unter 1000 m soll man nicht heruntergehen, weil in tieferen Lagen der Chiningehalt sinkt. Nur Saatgut von chininreichen Typen ist zu verwenden, da die Eigenschaft hochgradiger Chininproduktion durch Samen vererbt wird. Die Aussaat geschieht in Saatbeeten, aus denen die jungen Pflänzchen zunächst in das "Entwöhnungsbeet" und dann in die Baumschule gelangen; die gesamte Vorbereitung bis zur Auspflanzung an Ort und Stelle erfordert 1 1/2-2 1/2 Jahre, je nach Höhenlage. Wo C. Ledgeriana wegen ungünstiger Bodenbeschaffenheit oder aus anderen Gründen nicht gut gedeiht, werden Pfropfreiser von ihr oder von Hybriden auf Unterlage der anspruchsloseren und auch gegen Wurzelkrankheiten widerstandsfähigeren Succirubra gepfropft (Methodik bei Stuhlmann und Busse). Hängiges Gelände ist geeigneter als ebenes Plateau. Die Anpflanzungen werden nach vollständiger Klärung des Landes als Hochwälder mit lichtem Kronenschluß gezogen. Willkürliche Bastardierung von Cinchonen verschiedener Art und verschiedenen Chiningehalts ist sorgfältig zu vermeiden (Trennung der Schläge durch Waldschutzstreifen!). Nach Vollendung des dritten Jahres soll die Untersuchung von Stamm- und Zweigrinde auf Gesamtalkaloid- und Chiningehalt beginnen. Die Ergebnisse sind bestimmend für die Saatgewinnung und weitere Kultur. - Ernte. Vier bis fünf Jahre nach dem Auspflanzen erreichen die Bäume den höchsten Chiningehalt; die Ernte beginnt indessen erst einige Jahre später, weil die Rindenausbeute dann erheblich größer ist und der Alkaloidgehalt währenddessen nur wenig abnimmt. Vorher wird aber durch forsttechnische Auslichtung der Bestände schon viel Material gewonnen. Von den verschiedenen Ernteverfahren wird das vollständige Ausgraben der Bäume, wobei auch die Wurzelrinde gewonnen wird, auf Java am meisten angewendet. Daneben wird auch das Kappen, d.h. Absägen der Stämme kurz über dem Boden, benutzt. Hiernach wachsen aus den Stümpfen neue Schößlinge oder stehengebliebene Ersatztriebe zu Stämmen oder Büschen aus (s. Winkler). Die Wurzeln werden zuerst gewaschen und dann entrindet, Stamm- und Zweigrinde sofort geschält; letzteres geschieht mit Hornmessern. Bei der Gewinnung von "Apothekerrinde" für den pharmazeutischen Gebrauch ("Cortex Chinae" der Pharmakopöen), d.h. ausgesuchten Stücken von gutem Aussehen, muß sorgfältiger verfahren werden, als bei der Herstellung von "Fabrikrinde". Die Rinde wird, nach Vortrocknung in der Sonne, in besonderen Apparaten ("Sirocco") getrocknet. Dauer der Vortrocknung und Temperatur im Apparat sind von großem Einfluß auf den Alkaloidgehalt. ("Jaarverslage", Busse und Winkler.) Krankheiten und Schädlinge s. Winkler. Anbau in den deutschen Kolonien. Die Cinchonakultur ist seit Beginn des Jahrhunderts versuchsweise in Ostafrika (Usambara) aufgenommen worden (Stuhlmann). Die bisherigen Ergebnisse waren vorwiegend befriedigend. Die weitere Ausdehnung der Anpflanzungen wird im wesentlichen von der Preisgestaltung auf dem Weltmarkt abhängen. Kleinere Versuche in Kamerun (bei Buea) sind neuerdings aufgegeben worden. S. a. Chinin.

Literatur: Flückiger, Pharmakognosie d. Pflanzenreichs, 2. Aufl. 1891, 525 ff.; mit ausführlicher Zusammenstellung der früheren Literatur. - Semler, Tropische Agrikultur, 3. Aufl. II. Bd., 242 ff. - Jaarverslage der Gouvernements Kina-Onderneming (alljährlich in Batavia erscheinend). - Stuhlmann, Tropenpflanzer 1903, 11 ff. - Ders., Beitr. z. Kulturgesch. von Ostafrika 1909,433 ff. - Busse, Tropenpflanzer 1906, 15 ff. - Winkler ebenda S. 222 ff, 295 ff. - Berkhout ebenda 358 ff.

Busse.