Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 272 f.

Chinin, als spezifisches Malariamittel bekanntes Alkaloid der Formel C20H24N2O2, welches in den Rinden verschiedener Cinchoneen, einer Unterfamilie der Rubiaceen, vorkommt und daraus auf chemischem Wege gewonnen wird. Die Heimat der Pflanze sind die Kordilleren Südamerikas, und zwar reicht das Verbreitungsgebiet etwa von 10° n. Br. bis 22° s. Br. Die ersten Nachrichten über die Wirksamkeit der Rinde bei Wechselfieber stammen aus dem Jahre 1630. 1820 wurde das Ch. von Pelletier und Caventou aus der Rinde isoliert, 1854 dessen chemische Formel durch Strecker bestimmt, 1891 gelang Grimaux und Arnaud seine Synthese aus dem Cuprein. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts werden die alkaloidreicheren Chinarinden (s.d.) in großem Umfange auf Java und in Britisch-Ostindien kultiviert und bilden dort einen sehr beachtenswerten Ausfuhrartikel. Die wichtigsten Arten sind Cinchona offic. L., Cinch. Calisaya Wedd. und var. Ledgeriana, Cinch. succirubra Paw. Der Gehalt der Rinde an Ch. läßt sich durch geeignete Kulturverfahren bis weit über 10% treiben. Die sog. Cinchona cuprea, welche das Cuprein liefert, ist keine Cinchonenrinde, sondern stammt von Remijia pedunculata Triana. Das Ch. wird in der Regel als Chlorhydrat oder Sulfat verwandt, zwei Salze, die in Wasser löslich sind und sehr bitter schmecken. Viel weniger bitter, aber wasserunlöslich und nur die Hälfte so wirksam ist das gerbsaure Salz (Tannat), welches namentlich in der Kinderpraxis eine ziemlich große Rolle spielt und meist den wirksamen Bestandteil der sog. Ch.chokolade bildet. Das Chlorhydrat und Sulfat verabreicht man wegen des bitteren Geschmackes nur selten in Lösung, sondern vorzugsweise in Form von Pulvern und Tabletten, welche man vor dem Einnehmen in angefeuchtete Oblaten einhüllt. Sehr beliebt ist auch das in Gelatinekapseln eingeschlossene Pulver, die sog. Ch.Perlen. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß man von den Tabletten nur dann eine hinreichende Wirkung erwarten kann, wenn sie Zusätze enthalten, welche ein pulverförmiges Zerfallen dieser stark komprimierten Arzneikörper herbeiführen, sobald man sie ins Wasser wirft. Tabletten, welche diese Eigenschaft nicht besitzen, sind entweder vom Gebrauch ganz auszuschließen, oder mindestens vor dem Genuß feinstens zu pulverisieren. Auch Ch.perlen, welche, ins Wasser geworfen, nach einiger Zeit nicht zerplatzen, sind als unbrauchbar zu bezeichnen, da derartige Perlen den Magendarmkanal in der Regel unverändert passieren. Die löslichen Ch.salze kann man auch durch Einspritzen unter die Haut (subkutan), in die Muskeln (intramuskulär) oder in die Venen (intravenös) zur Wirkung bringen. Am schnellsten tritt diese bei intravenöser Verabreichung ein. (Näheres über Ch.therapie bei Malaria s. Malaria.) - Von den zahlreichen mehr oder weniger geschmacklosen Ch.derivaten, welche durch Veresterung des Ch. gewonnen werden, haben sich nur wenige in der Praxis bewährt, so das nur wenig bittere Euchinin (Chininkohlensäureäthylester) der Firma Zimmer & Co., Frankfurt a. M., und das nahezu ganz geschmacklose Insipin (Chinindiglykolsäureester) der Firma C. F. Boehringer & Söhne, Mannheim-Waldhof. Beide Präparate sind teurer als Ch., wirken schwächer als dieses, und man muß von ihnen etwa die doppelte Menge des Ch. geben, wenn man sichere Erfolge bei Malaria erzielen will. Sie kommen hauptsächlich für die Kinderpraxis in Betracht. - Neben dem Ch. finden sich in den Chinarinden noch einige ihm chemisch nahestehende Alkaloide, die teils nur theoretisches Interesse haben, teils aber auch wichtig für die Therapie der Malaria sind. So ist z. B. durch neuere Untersuchungen festgestellt worden, daß das Hydrochinin (Dihydrochinin) ein sehr wirksames, das Ch. an spezifischer Wirkung übertreffendes Antimalarikum ist, indem bei innerer Verabreichung 0,6 g Hydrochinin bereits dieselbe therapeutische Wirkung entfalten wie 0,8-1 g Ch. Da im übrigen die Giftigkeit beider Körper dem Organismus des Menschen gegenüber ganz gleich ist, darf erwartet werden, daß man sowohl die Malariatherapie wie Malariaprophylaxe in Zukunft mit Hilfe dieses Körpers wird schonender gestalten können als dies mit Ch. bisher möglich war. S. a. Chininprophylaxe und Chinarinde.

Literatur: Pictet-Wolffenstein, Die Pflanzenalkaloide. Berlin 1900. - Flückiger, Die Chinarinden in pharmakognostischer Beziehung. - Giemsa u. Schaumann, Pharmakol. u. chem.-physiol. Stud. über Chinin: Arch. f. Schiffs- und Tropenkrankh. 1907, Beih. 3. - Giemsa u. Werner, Erfahrungen mit einigen Derivaten des Chinins (Dihydrochinin usw.). Ebenda 1912, Beih. 4 S. 65.

Giemsa.