| Daressalam (arab.: Haus des Heils), Hauptstadt und
Verwaltungsbezirk
von Deutsch-Ostafrika, ferner apostolisches
Vikariat der katholischen Mission.
1. Die Stadt D. ist unter allen guten Hafenorten der
ostafrikanischen
Küste derjenige, der Sansibar, dem ehemaligen Schlüssel des tropischen
Ostafrika, am nächsten liegt. Die zunächst von
N nach S gerichtete äußere Einfahrtsrinne hat zur Rechten das Festland,
zur Linken eine Anzahl von Riffen (s. Tafel 35) und kleinen Inseln
(darunter
Außer- und Innermakatumbe, ersteres mit Leuchtturm, letzteres
Quarantäneinsel).
Inseln und Küstensaum sind zum großen Teil aus pleistozänem gehobenem
Korallenriffkalk aufgebaut, der sich hier und da, so beim Ras (arab.:
Vorgebirge) Tschokir, zu einer bis 5 m hohen Steilküste über die aus
demselben
Material bestehende Abrasionsfläche im Bereich der Gezeitenbewegung
erhebt.
Da etwa, wo über dem tiefen Grün der Kokospalmen und Mangobäume sich im
Hintergrund die beiden Kirchtürme D.s zeigen, biegt der Weg des Schiffes
nach rechts. Man fährt scheinbar auf den Strand los und befindet sich
plötzlich in der eigentlichen S- förmig gekrümmten Einfahrt (nur 270 m
breit, nutzbar an der schmalsten Stelle nur 80 m) in das Hafenbecken.
Diese Überraschung erhöht den Reiz des hervorragend schönen
Landschaftsbildes.
Im Halbkreis auf 5-10 m hohem Steilufer nördlich um den geräumigen Hafen
liegt die Europäerstadt mit ihren weißen Häusern (s. den Plan
und Tafel
35). Die dahinter nach NW zu liegende Eingeborenenstadt hat europäischen
Bauplan. Der eigentliche Hafen ist etwa 1 1/2 zu 1 km groß und gewährt
überall guten Ankergrund. Mit einer über 3 km langen, 700 m breiten
Wasserfläche
schließt sich der Südhafen an; beide sind Creeks
(s.d.). Dieser vorzügliche Hafenplatz wurde vor der Besitzergreifung
durch
Deutschland nur wenig benutzt (s. Bagamojo).
Daressalam hatte vorübergehend in den sechziger Jahren einem Sultan von Sansibar als Nebenresidenz gedient, war
dann wieder schnell gesunken. 1887 bei Gründung der Station hatte der
Ort 3000 bis 4000 Einwohner, am 1. Januar 1913: 22 213, darunter 967
(703
männliche, 264 weibliche) Europäer und etwa 2 500 Inder
einschließlich etwa 250 Goanesen. Die geschickte und an vielen Reizen
reiche Anlage, die Sauberkeit der Stadt werden von jedem Besucher
gerühmt;
durch Austrocknung großer Sumpfwiesen ist D. ein verhältnismäßig
gesunder
Ort geworden. (Regenmenge 1073 mm im 20 jähr. Mittel, weitere Angaben
s. Tabelle unter Deutsch-Ostafrika 4.) D. ist durch seine Lage der
gegebene
Ausgangspunkt für die 1914 bis zum Tanganjika
vollendete Zentralbahn (s.d.). Seit dem Beginn ihres
Baues,
1905, hat sich der Handel sehr gehoben.
Der Ausbruch der Pest in Sansibar im Jahre
1905 und die dadurch nötigen Absperrungen leiteten einen Teil des
Handels
von dem bisherigen Umweg über Sansibar ab, so daß diese Stadt ihre
Stellung
als Umschlagsplatz zu einem Teil an D. abgab. Die Hauptvertretungen
einiger
großer Firmen für Ostafrika, so die der
Deutsch-
Ostafrikanischen
Gesellschaft (s.d.) wurden nach D. verlegt. Noch 1904 waren in
Mill.
M die Werte der Einfuhr 4,854, Ausfuhr
1,253, insgesamt 6,106; 1912 dagegen waren die entsprechenden Zahlen
26,936,
5,385, 32,321. Die Einfuhr ist natürlich durch den Bau der Zentralbahn
und die hierbei nötigen Menschenmengen bedingt; an Metallen,
Metallwaren,
Maschinen usw. wurden 1911 für 9,904, an Textilwaren usw. für 7,540, an
vegetabilischen Lebensmitteln für 3,086 Mill. M eingeführt. In der
Ausfuhr
sind wichtig Erzeugnisse der Forstwirtschaft (besonders wild gewachsener
Kautschuk) 1,162, Ölfrüchte 0,860, Fasern (Baumwolle und Sisal) 0,977, tierische Rohstoffe
(bes. Elfenbein) 1,351, mineralische Rohstoffe (bes.
Glimmer) 0,708. Der Schiffsverkehr betrug 1912 164
einlaufende Schiffe mit 644306 Reg.-t, dazu 103 Gouvernementsdampfer mit
15455 Reg.-t. Ferner liefen 702 Dhaus ein mit 15919 t Rauminhalt. D. ist
seit 1890 Sitz des Gouvernements von Deutsch-Ostafrika, hat
infolgedessen
einen rings um das Gouverneurspalais (s. Plan
u. Tafel 36) liegenden
Regierungsstadtteil im O, Postamt, Telegraphenstation
(Endpunkt des von Sansibar kommenden Kabels, des Küstenkabels nach
Bagamojo und zweier Überlandtelegraphen, s. Karte
,
sowie drahtlose Station), evangelische Kirche (s. Tafel 128) und Evangelische Mission, katholische
Kirche,
Bischofssitz und Mission, Bank, 6 Gasthöfe (der Kaiserhof I. Ranges),
Klub, Bierbrauerei, großes Krankenhaus, große Werkstätten der
Gouvernementsflotille
in dem südlich des Hafens gelegenen Kurasini. 18 europäische Handelsgesellschaften waren 1913 in
D. vertreten, dazu kamen 58 europäische Geschäftsleute aller Art, einige
syrische, 4 goanesische, etwa 60 indische Firmen, 15 Wirtschaften für
Farbige. Am 1. April 1914 ist in D. die
ostafrikanische
Städteordnung eingeführt worden
(s. Selbstverwaltung).
2. D. ist auch der Sitz der Verwaltung
des gleichnamigen Bezirks. Dieser, rund 11000 qkm groß, umfaßt jenseits
des 10- 20 km breiten Küstenstreifens (s. Mrima)
im wesentlichen die Landschaft Usaramo
(s.d.). Der Bezirk hatte 1913 161500 Eingeborene,
3616 nichteingeborene Farbige, davon 2874 Inder (darunter 271 Goanesen), hier in D. ausnahmsweise in der
Mehrzahl
Handwerker, nicht Händler. Anfang 1910
waren im Bezirk 695, 1913 1053 Europäer, davon 208 erwachsene Frauen,
117 Kinder (unter 15 Jahren) beiden Geschlechts, ein deutlicher Hinweis
auf die recht günstigen sanitären Verhältnisse. Unter den Europäern
waren
949 Deutsche. Die Volksdichte von D. übersteigt nach Ausscheidung der
Stadt den hohen Betrag von 15. In D. waren 1913 zwei
Pflanzungsgesellschaften
und 38 selbständige Ansiedler meist mit Anbau von Kokospalmen, demnächst
von Kautschuk und Sisal, beschäftigt, viele aber nur im Nebenberuf. 1908
waren 119 qkm Landes an Europäer verpachtet oder verkauft; 1909/12
wurden
vom Gouvernement 41 qkm verkauft, 37 verpachtet.
In 25 Europäerbetrieben gab es 1913 481 Rinder, 525 Stück Kleinvieh, 70 Schweine, 193 Esel,
12 Pferde, 123 Maultiere, die
Eingeborenen
besaßen nur 660 Rinder, 7250 Stück
Kleinvieh,
102 Reittiere, 20 Kamele. Uhlig.
3. Das apostolische Vikariat D. umfaßt den südlichen Teil von
Deutsch- Ostafrika. Im Jahre 1888 von den Missionaren der Benediktus-
Missionsgenossenschaft (s. Benediktiner)
übernommen, wurde die Mission in ihrer herrlichen Entfaltung zweimal
gewaltsam
gestört. Der Araberaufstand
(s.d.)
1889 zerstörte die Station Pugu und forderte 3 Menschenleben: 2 Laienbrüder und 1 Schwester wurden ermordet;
4 gefangen genommene Missionare
konnten
erst nach langen Leiden gegen Lösegeld wieder freiwerden. Ein noch
härterer
Schlag war der Aufstand von 1905, der 4 Stationen
zerstörte; der apostolische Vikar Cassian Spieß - seit 1902 ist die
Präfektur
zum Vikariat erhoben -, 1 Pater, 2 Brüder und 3 Schwestern fielen dem Aufruhr zum Opfer. Seit
1906 ist man unter dem neuen Bischof Thomas Spreiter an die
Wiederherstellung
des Zerstörten gegangen, und augenblicklich steht die Mission wieder
recht
in Blüte. Im Jahre 1913 waren in 16 Hauptstationen (Daressalam,
Kurasini,
Lukuledi, Tosomaganga, Madibira, Peramiho, Kigonsera, Kwiro, Ndanda, Namupa, Ifakara,
Kipatimu,
Bihawana, Sali, Lituhi, Mschombe) und 123 Nebenstationen 11609
Negerkatholiken,
310 europäische Katholiken, 370 Goanesen und 2033 Katechumenen gesammelt. 26 Patres, 39 Brüder und 53 Schwestern teilen sich in
die Arbeit, 444 Katechisten stehen ihnen zur Seite. In 439 Schulen werden 14998 Knaben und 7673 Mädchen
unterrichtet;
356 Kinder sind in 18 Internaten untergebracht. Die Mission leistet
Bedeutendes
für die Bodenkultur; in Kwiro beispielsweise wurden in den letzten
Jahren
3000 Stück Nutzholz angepflanzt. Seit 1910 erscheint eine Monatsschrift
für die Eingeborenen, Rafiki yangu, in Auflage von mehr als 3000
Exemplaren.
Ende 1913 wurde der südliche Teil von D. abgetrennt und zur
apostolischen
Präfektur mit dem Sitz in Lindi erhoben.
Die St.
Benediktus-Missionsschwestern (s.d.) arbeiten in der Erziehung
und besonders in der Krankenpflege;
in 13 Spitälern (3 davon für Aussätzige) wurden 1913 an 80 144 Kranke
behandelt.
Schmidlin.
Literatur: Zu 1 u. 2. A. Leue, Daressalam,
Bilder aus dem Kolonialleben. Berl. 1903. - W. Koert und F. Tornau, Zur Geologie
und Hydrologie von Daressalam und Tanga, Abh. d. Preuß. Geol. L.-A., N. F. 63,
Berl.
1910. - Zu 3. Missionsbericht 1912, St.
Ottilien. - Streit, Missionsatlas, Steyl 1906,
19. - Missionsberichte im Weißbuch. - Schwager, Die katholische Heidenmission
der Gegenwart, Steyl 1908, II.
162 ff. - Huch, Bis an die Enden der Erde, Frankenstein 1903, II. 257 ff. -
Mirbt, Mission u.
Kolonialpolitik, Tübingen 1910, 38 f. - Heimbucher, Die Orden u. Kongreg. d.
Kath. Kirche, Paderborn 1907, I² 340/1. -
Missionsblätter von St. Ottilien, St. Ottilien, fortlaufend.
Karten: Situationsplan der Stadt D., 1: 5000,
hgg. v. Gouvt. - D.-Bucht, 1: 50 000, D. Admiral.-Karte Nr. 187, 1905.
- Hafen von D., 1: 7500, ebenda Nr. 110, 1905.
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