Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 287 f.

Dattelpalmen (s. Tafel 26). A. Echte D. 1. Botanisches und Verbreitung. 2. Kultur. 3. Anbau in den Schutzgebieten. 4. Dattelsorten. 5. Nebenutzungen. B. Andere Dattelpalmen.

A. Echte D.

1. Botanisches und Verbreitung. Unter D. versteht man mehrere Arten der Gattung Phoenix; davon ist bei weitem die wichtigste: P. dactylifera L., die "echte" D. Vielleicht ist diese durch Zuchtwahl aus P. reclinata (s.u.) hervorgegangen. Die echte D. ist wild nicht bekannt, findet sich dagegen bisweilen verwildert. Die Anfänge der veredelten Dattelkultur sind in den Euphratländern, im alten Babylonien zu suchen (Geschichtl. bei Th. Fischer u. Stuhlmann). Ihre jetzigen Hauptgebiete liegen in Nordafrika und Arabien, Mesopotamien und Persien, eine europäische Enklave in Spanien (Elche). In den nordafrikanischen und arabischen Wüsten bildet die Dattel die wesentlichste Grundlage der menschlichen Ernährung; von ihr allein hängt die Existenz der Oasenbewohner ab. In neuerer Zeit sind Kulturen in Nordamerika (Kalifornien, Arizona), Australien und Südafrika entstanden. Als Ziergewächs ist die D. an der ganzen Mittelmeerküste verbreitet. Die D. bildet geradgewachsene, selten gegabelte Stämme von 15-25 m Höhe, nur unter bestimmten Kulturbedingungen (s. Fischer) kurze gedrungene. Krone aus meist 40-60 Fiederblättern von 3-4 m Länge bestehend; Fiedern hart, zugespitzt, 20-40 cm lang. Blüten eingeschlechtig und zweihäusig, d. h. jeder Baum trägt entweder nur männliche oder nur weibliche Blüten. Blütenstände von einer, erst bei Entfaltung der Blüten sich öffnenden Scheide umgeben. Die männlichen Rispen tragen bis zu 12000 wohlriechende Blüten; in jeder weiblichen Rispe bilden sich 80-200 Beerenfrüchte (Datteln) aus. Diese sind frisch gelb bis rotbraun, rundlichoval, länglich oder zylindrisch, von Pflaumengröße - einige Sorten bis 9 cm lang - und enthalten in dem süßen, saftigen Fruchtfleisch einen steinharten länglichen Samen. Nach Form, Farbe, Mächtigkeit und Zuckergehalt der Früchte usw. werden zahllose Kulturformen und Lokalrassen der D. unterschieden; auch kennt man frühreife, mittlere und spätreife Sorten.

2. Kultur (Angaben von Schweinfurth u. Kearney beachten!). Wesentlichste Bedingungen für Gewinnung guter Früchte sind Wärme und Lufttrockenheit; Mindestmaß mittlerer Jahreswärme 20-22° C, jährliche Regenmenge 135-215 mm (Ausnahmen u. a. Elche, Hadramaut). Bei genügender Bewässerung kann für diese Palme die Luft nie zu heiß und nie zu trocken sein. Gegen Fröste (bis -7° C) ist sie dagegen bei geringerer Grundfeuchtigkeit nicht empfindlich. An den Boden stellt die D. keine besonderen Ansprüche; nur verträgt sie weder felsigen, noch sumpfigen Boden. Mäßiger Salzgehalt ist nicht schädlich. - Anzucht und Pflanzung. Auswahl hochwertiger Sorten erwünscht; Güte der Früchte wird aber jedenfalls vom Standort beeinflußt. Fortpflanzung im allgemeinen nicht durch Samen, sondern durch Wurzelschößlinge, deren Gewinnung und Pflege besonderer Sorgfalt bedarf. Die besten Schößlinge sind die 5jährigen (Gewicht 30-40 kg); werden in Gruben ausgesetzt. Pflanzweite im endgültigen Bestand 10m; jeder Baum braucht mindestens 30 qm Grundfläche. Im zweiten Jahr nach dem Auspflanzen Hacke, im dritten Düngung; die im vierten Jahr schon erscheinenden Blütenstände werden abgeschnitten. Beginn der Ernte im fünften, also an 9- 10jährigen Pflanzen. Wo stagnierendes Grundwasser vorhanden, muß zunächst entwässert werden. Die Künstliche Bewässerung, bei der Anzucht der Schößlinge beginnend, muß in möglichst gleichmäßiger Gabe erfolgen und reichlich sein. In Südalgerien steht jede Palme in einer Grube von 3 cbm Fassungsvermögen. Die Bewässerung richtet sich nach Klima und Jahreszeit; die Wassergaben von je 3 cbm erfolgen je nachdem in Abständen von 7-60 Tagen (vgl. Swingle). Düngung mit animalischem Dünger, eventuell noch Chilesalpeter. - Bestäubung. Da die D. zweihäusig ist, die Übertragung von Blütenstaub von männlichen Bäumen auf weibliche durch den Wind aber sehr unsicher, muß die Bestäubung künstlich vermittelt werden. Man zerschneidet eine männliche Blütenrispe in ihre einzelnen Äste und steckt je einen durch die geöffnete Scheide in die Mitte des weiblichen Blütenstandes, der dann oben zusammengebunden wird. Nach 1 1/2-2 1/2 Monaten werden die männlichen Blüten wieder entfernt. (Der Blütenstaub ist bei geeigneter Aufbewahrung 2-3 Jahre haltbar, kann auch versandt werden!) Einige Zeit nach der Befruchtung werden die reifenden Fruchtstände auf das nächste untere Palmenblatt gebogen und daran befestigt. - Ernte und Erträge. Gute Sorten müssen vorsichtig geerntet werden, damit die Früchte unversehrt bleiben. In Nordamerika läßt man neuerdings mit künstlicher Wärme nachreifen (s. letzte Angabe im Literaturverzeichnis). Ein Baum bringt pro Jahr 5-20, durchschnittlich 12 Fruchtstände, jeden zu 5-15 kg Datteln hervor. Ungefähr mit dem 40. Jahr erreicht die D. die Höhe ihrer Ertragfähigkeit; wird sie dann besonders gepflegt, so gibt sie noch lange Zeit gleichbleibende Erträge. Altersgrenze 80-100 Jahre, je nach Standort, Behandlung und Intensität der Ausbeutung. - Rentabilitätsberechnungen bei Hubert S. 227 ff. - Als beachtenswerter Schädling wird (für Nordafrika) genannt der Käfer Cocotrypes (Bostrichus) dactyliperda Fab., der in den Blütenständen lebt und seine Eier in die noch unreifen Früchte ablegt; die Larven bohren sich in die jungen Dattelkerne ein, die sie allmählich zerstören. Als einziges Bekämpfungsmittel gilt Verbrennen der angestochenen Früchte. In Südwest-Afrika macht sich die Schildlaus Parlatorea Blanchardi unangenehm bemerkbar.

3. Anbau in den Schutzgebieten. In Deutsch-Ostafrika nur gelegentliche Einführungen durch die Araber (vgl. Stuhlmann), meist ohne Erfolge bezüglich der Fruchtproduktion, da Klima im allgemeinen ungeeignet. Gewisse Aussichten scheinen in Tabora zu bestehen. In Togo (Sokode) durch Kersting versuchsweise angebaut; soweit Wasser vorhanden, dürften im sudanischen Teile der Kolonie überhaupt günstigere Vorbedingungen für den Anbau gegeben sein. Für die übrigen tropischen Schutzgebiete kommt die Dattelkultur nicht in Betracht. Dagegen hat sie in Deutsch-Südwestafrika, so am Swakop, in Omaruru und Grootfontein, bereits festen Fuß gefaßt (s. Tafel 26). Näheres bei Dinter.

4. Dattelsorten. Die Dattelsorten (s. Schweinfurth, Kearney) lassen sich in 4 Kategorien einteilen: 1. Obstdatteln, lassen sich nicht trocknen, sondern müssen frisch (als Tafelobst) verzehrt werden, da das Fruchtfleisch wegen geringen Zuckergehalts alsbald in Gärung übergehen würde. Hierzu viele spätreife Sorten. 2. Weichdatteln, beim Trocknen weich bleibend, sämtlich durch hohen Zuckergehalt (bis zu 60 % der getrockneten Früchte) ausgezeichnet. Beim Trocknen fließt häufig viel überschüssiger Saft aus, der als Dattelhonig aufgefangen wird. Entweder werden die Weichdatteln (fast nur für den Export) an den Fruchtstandsästen gelassen und reihenweise in Kästen oder Schachteln gelegt (unsere "Sultansdattel", in Algerien und Tunesien "Diglet Nur" genannt) oder ohne Stiele aber mit den Kernen zu einer festen, mehrere Jahre haltbaren Masse zusammengepreßt (die billigeren "Preßdatteln" unseres Marktes, in Ägypten "águeh", in Algerien und Tunesien "ghars" genannt). Letztere im Binnenhandel der Produktionsländer ein Massenartikel des täglichen Konsums. 3. Trockendatteln, beim Trocknen ganz hart werdend; hierher die meisten Sorten aller Dattelländer, an wirtschaftlicher Bedeutung alle anderen übertreffend, da allein zur täglichen Nahrung geeignet. 4. Halbweiche Dattel, in der Konsistenz der getrockneten Frucht und sonstigen Eigenschaften zwischen 2 und 3 stehend. Chemie der Dattel. Die getrockneten Datteln bestehen zu 10-18,5% aus Kernen, 80-85% aus Fruchtfleisch, 5% aus Fruchtschale. Wassergehalt des getrockneten Fruchtfleisches 17-29 %, Eiweißgehalt 0,23-2,97 %, N-freie Extraktstoffe, größtenteils Zucker, bis über 66 %, im Mittel 51 % (die vorliegenden Analysen dürften sich nur auf Gruppe 2 [s.o.] beziehen!). Der Zucker besteht aus Dextrose, Lävulose und Saccharose in wechselndem Verhältnis. Die Kerne, in Ägypten gemahlen als Schweinefutter verwendet, enthalten 5-6 % Roheiweiß, 4-10 % Fett, durchschnittlich 48 % N-freie Extraktstoffe und 12-23 % Rohfaser.

5. Nebennutzungen. Fast alle Teile der Dattelpalme werden verwendet: Blätter zu Geflechten, Matten, Stricken, auch gehackt als Viehfutter, Kerne s. oben, Blütenstandsstiele zu Besen, Blattstiel und Mittelrippe für Bettstellen, Geflügelkäfige, Fenstergitter, Stämme für Balken zum Häuser- und Brückenbau und für Bootsbau, Bast zu Stricken und Badeschwämmen. Männliche Bäume liefern auch Palmwein (s.d.) und Palmkohl (s.d.).

B. Andere Dattelpalmen.

1. Die wilde D., P. reclinata Jacq., in Ostafrika "mkindu" genannt, im tropischen Afrika weitverbreitet. Wird nicht angebaut. Liebt feuchte Standorte, wo sie bisweilen dichte Gebüsche bildet oder auch - namentlich in den Gebirgen - graziöse Stämme bis über 6 m Höhe. Die jungen Blätter zu Flechtwerk verschiedenster Art benutzt, in Ostafrika u. a. zu den schönen Matten von Chole und Mwoa. Auch in Kamerun ist die wilde D. (für Westafrika in der früheren Literatur als P. spinosa aufgeführt) häufig und wird auch dort von den Eingeborenen in ähnlicher Weise genutzt. 2. Die indische D., P. silvestris L., im Tale des Indus noch wild, in Indien zur Zuckergewinnung viel kultiviert, daher auch "Dattelzuckerpalme" genannt, kommt in den Schutzgebieten nicht vor. Näheres bei Semler.

Literatur: Theob. Fischer, Die Dattelpalme, Ergänzungsheft Nr. 64 zu Peterm. Mitt., 1881. - Ders., Mittelmeerbilder, S. 61 ff, 458 ff. Leipz. u. Berl. 1906. - Semler, Tropische Agrikultur, 2. Aufl. Bd. 1 (1897) S. 671 ff. - Swingle, I. in Yearbook of the U. S. Dept. of Agriculture 1900 (Washington 1901) S. 461 ff. II. Bull. Nr. 53 d. Bureau of Plant Industry. Wash. 1904 (in französ. Bearbeitung unter dem Titel "Le Palmier-Dattier" als Supplément Nr. 4 des Bull. de l'Office du Gouvernement Général de l'Alggrie erschienen. Paris 1913). - Schweinfurth, Über d. Kultur der Dattelpalme, Gartenflora 50 (1901) S. 506 ff. - Fairchild, Persian Gulf Dates. U. S. Dept. of Agric. Bur. of Plant. Ind. Bull. Nr. 54. Wash. 1903. - Kearney, Date Varieties and Date Culture in Tunis. Ebenda Bull. Nr. 92. Wash. 1906. - Fesca, Pflanzenbau in d. Tropen und Subtropen, Bd. II, 162 ff. Berl. 1907. - Stuhlmann, Beitr. zur Kulturgesch. von Ostafrika, S. 32 f. Berl. 1909. - Dinter, Deutsch-Südwestafrika, S. 161 ff. Leipz. 1909. - Hubert, Fruits des pays chauds, S. 204 ff. Paris 1912. - La maturation artificielle des dattes aux Etats-Unis (nach amerikan. Arbeiten von Vinson und Freeman). Supplém. Nr. 23 du Bull. Off. Gouvern. Général Algérie. Paris 1912.

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