Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 289 f.

Defekte. Kassendefekte sind Fehlbeträge an amtlichen Kassen. Die geschäftliche Behandlung dieser Fehlbeträge ist durch die Vorschriften des Reichsbeamtengesetzes vom 18. Mai 1907 (§§ 134-148, die nach § 1 des Kolonialbeamtengesetzes in den Schutzgebieten gelten) geregelt. Hiernach sind zunächst diejenigen Beamten, welche die unmittelbare Aufsicht über eine Kasse führen, verpflichtet, vorhandene Defekte und zugleich auch festzustellen, ob ein Beamter für den Kassenfehlbetrag zu haften hat. Fehlbeträge an Materialien usw. bei amtlichen Magazinen sind den Kassendefekten gleichgestellt. Ist ein D. nach der Überzeugung der zur Feststellung verpflichteten Behörde - als solche kommen in den Kolonien alle Instanzen in Betracht, denen eine Kasse oder ein Magazin unterstellt sind - durch Vorsatz oder grobes Versehen eines Beamten entstanden, so hat diese Behörde einen motivierten Beschluß (sog. Defektenbeschluß) abzufassen. Die Verwaltung kann ihre Ersatzansprüche gegen ungetreue oder nachlässige Beamte im Rechtswege geltend machen; die Verpflichtung der Aufsichtsbehörde zum Erlaß von Defektenbeschlüssen sichert ihr aber daneben die in den Kolonien besonders wichtige Möglichkeit der beschleunigten Beitreibung von Fehlbeträgen, die auch noch nach dem Ausscheiden des schuldigen Beamten erfolgen kann. Die Durchführung des Defektenverfahrens geschieht in der gleichen Weise wie bei den Reichsverwaltungen. In der Praxis der Kolonialverwaltung ist hierbei nur die Frage verschieden beantwortet worden, ob die von den Gouverneuren erlassenen Defektenbeschlüsse vollstreckbar sind oder erst durch die Genehmigung des Staatssekretärs des RKA. vollstreckbar werden: die Frage dürfte im ersteren Sinne zu entscheiden sein. (Die im RErl. vom 8. Nov. 1901 - KolGG. VI, 412 - ergangene, im entgegengesetzten Sinne lautende Entscheidung des AAKA. wird nach dem Inkrafttreten des Kolonialbeamtengesetzes als überholt anzusehen sein.) Die in den Schutzgebieten erlassenen Defektenbeschlüsse sind in allen Fällen sofort der zuständigen heimischen Zentralbehörde vorzulegen; außerdem ist ihre Mitteilung an den Rechnungshof vorgeschrieben. Die Niederschlagung von Defekten kann nur unter bestimmten Voraussetzungen und mit Genehmigung des Kaisers erfolgen (§ 30 der Instruktion für die Ober-Rechnungskammer vom 18. Dez. 1824). Neben den D. im eigentlichen Sinne werden sog. Rechnungsdefekte unterschieden. Diese liegen vor, wenn eine öffentliche Kasse infolge rechnerischer Irrtümer oder infolge einer Nichtbeachtung von Vorschriften zu viel verausgabt oder zu wenig vereinnahmt hat. Bei Rechnungsdefekten ist der Erlaß eines Defektenbeschlusses nicht zulässig. Gegen verantwortliche Beamte muß daher in den Schutzgebieten in der Regel wegen der unzureichenden Verkehrsverbindungen zunächst eine Aufrechnung gegen Gehaltsforderungen vorgenommen werden. Die geschäftliche Behandlung von Rechnungsdefekten ist durch einen RErl. des AAKA. vom 21. Dez. 1897 geregelt worden.

Volkmann.