Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 290 f.

Degeneration. Die Abweichung von dem physiologischen Durchschnitt einer Bevölkerung kann zunächst in dem Auftreten von Merkmalen früherer Zustände bestehen, die dem zurzeit lebenden Typus fehlen, auch eine Reihe von Hemmungsbildungen (Hasenscharte, Reste der Kiemenspalten, Schwanzbildung, Verkümmerung des äußeren Ohres usw.) gehören hierher. Gewöhnlich wird D. mehr im Sinne der Atrophie aufgefaßt, d.h. einer Ernährungsstörung im weitesten Sinne, die anatomische und physiologische Veränderungen mit sich bringt. Mangel an qualitativ und quantitativ genügender Nahrung kann z.B. zu kleinem Wuchs führen, während die Überernährung großen Wuchs befördert. Auch wenn die Zufuhr der Nahrung an sich genügend scheint, kann vor allem durch Krankheiten ihre Ausnutzung im Verhältnis zum Kräfteverbrauch zu gering bleiben. Wichtig sind hier die Infektionskrankheiten, wie Syphilis, Tuberkulose, Malaria; auch Parasiten, wie Ankylostomum u. a., führen zur D., ebenso Alkoholismus und starker Mißbrauch von Alkaloiden. Neben der Ernährung scheint vielfach auch die Zeugungskraft herabgesetzt zu sein. Die Bedeutung der D. liegt nicht allein in den Nachteilen für die betroffenen Individuen, sondern in den Nachwirkungen bei den folgenden Generationen. Auf Syphilis und Alkoholismus der Eltern werden Minderwertigkeit und Geisteskrankheiten der Nachkommen zurückgeführt, und die Vererbung der D. tritt um so wahrscheinlicher ein, wenn nahe Vorfahren beider Eltern oder diese selbst degeneriert sind, oder die Eltern in naher Blutsverwandschaft stehen und ein degeneriertes Individuum in der Ahnentafel (s.d.) beider Eltern vorkommt (s. Inzucht).

Thilenius.