Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 294 f.

Deportation (Transportation, Zwangsverschickung) in eine Kolonie ist ein Strafmittel, das teils gegen politische Verbrecher (Rebellen), teils gegen schwere gemeine Verbrecher, teils gegen Arbeitsscheue, Vagabunden, Gewohnheitsverbrecher namentlich in England entwickelt ist in einer Zeit, in welcher der Vollzug von Freiheitsstrafen in geschlossenen Anstalten noch ganz unentwickelt war, um diese unerwünschten Elemente in der Heimat loszuwerden. Die Theorie, daß mit Hilfe der D. Kolonien nutzbar gemacht werden könnten, ist wesentlich französischen Ursprungs. Auch in Deutschland ist in den Anfängen der Kolonialbewegung auf den Nutzen der Kolonien für die Strafvollstreckung öfters hingewiesen und auch später von einzelnen immer wieder die Aufnahme der D. in das deutsche Strafensystem gefordert werden. Es ist zunächst bemerkenswert, daß diese Forderungen in einer Zeit auftraten, als in anderen Staaten die D. teils verschwunden, teils im Abbau war. Die D. aus England nach Neusüdwales ist 1840 suspendiert, 1853 Tasmanien geschlossen, der letzte unbedeutende Rest, die D. nach Westaustralien, 1867 aufgegeben worden. Der Grund lag in dem heftigen Widerstand der Kolonien gegen die verbrecherischen Elemente, der begann, sobald eine etwas zahlreichere freie Bevölkerung entstanden war. In Frankreich wurde die Transportation nach Neukaledonien 1894 suspendiert wegen der kläglichen kolonisatorischen Erfolge, so daß Verbrecher nur noch in geringer Zahl nach Cayenne geschickt werden. Die 1885 neu eingeführte Relegation von Gewohnheitsverbrechern wird immer mehr eingeschränkt. Auch in Rußland ist die Zwangsverschickung nach Sibirien im Abbau. Ob die D. kriminalpolitisch ein geeignetes Strafmittel ist, gehört nicht hierher. Nur darauf sei aufmerksam gemacht, daß die Ansicht, durch die D. werde der Strafvollzug billiger, im Widerspruch zu den englischen und französischen Erfahrungen steht. Kolonialpolitisch wird die D. befürwortet, weil sie ein Mittel sei, der Kolonie nicht nur Arbeitskräfte zuzuführen, sondern auch Kolonisten, die in der neuen Umgebung auch zu neuen Menschen würden. Das kann anerkannt werden nur für Gelegenheitsverbrecher. Für die eigentlich verbrecherischen Naturen, die Gewohnheitsverbrecher, von denen unsere Strafanstalten befreit werden sollen, ist gerade ihre Willensschwäche charakteristisch. Sie sind daher die allerungeeignetsten Elemente für die Kolonisation, die vor allem Willenskraft und zähen Fleiß fordert. Die Bevölkerung würde, wie anderwärts, so auch in den deutschen Schutzgebieten sich gegen einen solchen Volkszuwachs energisch verwahren. Von den deutschen Schutzgebieten scheiden die in der Südsee belegenen von vornherein aus, weil das Deutsche Reich in dem Vertrage mit England vom 10. Mai 1886 und nach der Schlußerklärung zum Samoa-Abkommen vom 14. Nov. 1899 sich verpflichtet hat, dorthin Verbrecher nicht zu deportieren. Die gleiche Verpflichtung für Deutsch-Südwestafrika zu übernehmen, wurde deutscherseits abgelehnt. Doch würde die Einführung der D. in diesem Schutzgebiete in den englischen Nachbargebieten sicher sehr ungünstig wirken. In den afrikanischen Schutzgebieten ist infolge der Agitation für die D. 1895/96 bei den Gouvernements eine Bundfrage erfolgt, deren Ergebnis der Staatssekretär im Reichsjustizamt Nieberding in der Reichstagssitzung vom 31. Jan. 1898 mitgeteilt hat. Die Gouverneure haben sich danach übereinstimmend gegen die Einführung der D. erklärt. In den tropischen Kolonien sei sie aus klimatischen Gründen nicht ratsam. Die Autorität der weißen Bevölkerung würde unter der Anwesenheit der weißen Verbrecher leiden. D. sei nur möglich in Ländern mit ganz dünner Bevölkerung. Die Kolonisten würden die D. sehr ungern sehen. Die Durchführung der Strafe sei schwierig. Sollte durchaus in Deutsch- Südwestafrika ein Versuch gemacht werden, so dürfte nur eine kleine Zahl von Gefangenen, keine solchen, die wegen Eigentumsvergehen Strafe erlitten, und keine weiblichen Personen hingebracht werden, auch müßten die Sträflinge nach Abbüßung ihrer Strafe in die Heimat zurückgebracht werden. Danach ist es begreiflich, daß die Reichsverwaltung Versuche mit der D. nicht gemacht hat, gegen die sich auch der 24. Deutsche Juristentag erklärt hat. Nach den Fortschritten, welche inzwischen die Besiedelung Deutsch-Südwestafrikas gemacht hat, wäre ein solcher Versuch jetzt vollends unmöglich. Der Entwurf zum Strafgesetzbuch (1909) lehnt denn auch folgerecht die Einfügung der D. in das deutsche Strafensystem ab, auch in der Form der Zusatzstrafe. Die rechtlichen, finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Bedenken überwögen weitaus die zu erhoffenden Vorteile. - Die Verbannung oder Verschickung eingeborener politischer Delinquenten aus einem Schutzgebiet in ein anderes ist wiederholt erfolgt, so die samoanischer Häuptlinge nach Inseln der westlichen Südsee. Ostafrikanische Aufwiegler und Meuterer aus Kamerun sind nach Südwestafrika geschickt, Witbois (s.d.) aus Sicherheitsgründen aus diesem Schutzgebiete erst nach Togo, dann nach Kamerun, wo ein großer Teil von ihnen den Wirkungen des Klimas erlegen ist.

Literatur: A. Korn, Ist die Deportation unter den heutigen Verhältnissen als Strafmittel praktisch anwendbar? 1898. - Entwurf zum deutschen Strafgesetzbuch, Begründung I, 29 ff., 1909. - Von Anhängern der Deportation nam. die Schriften von F. F. Bruck, z. B.: Die gesetzliche Einführung der Deportation, 1897.

Rathgen.