Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 295 ff.

Derwische (Islamische Mystik). Unter den Begriff des Derwischtums fällt eine große Reihe religiöser Erscheinungsformen in der islamischen Welt. Das Wort D. ist persisch und bedeutet Bettler, arabische Synonyme sind Fakir, der Arme und Sufi, der Mann im Wollhemd; letzteres ist schon ein technischer Ausdruck und bezeichnet den Mystiker, der sich dem Sufismus, d.h. der mystischen Übung hingibt. D. und Sufis kennt der Koran noch nicht, wie ihm auch die Heiligenverehrung, dies Charakteristikum des heutigen Islam, fremd ist. Die scharfe Trennung zwischen dem Göttlichen und Menschlichen, die der alte und auch noch heute der offizielle Islam lehrt, ist mit dem religiösen Lebensbedürfnis des Orientalen unvereinbar. So wurde schon früh die Kluft zwischen Gott und Mensch überbrückt, erst populär und unter Anlehnung an vorislamische, meist dem Christentum entlehnte Vorstellungen, dann aber auch unter stillschweigender Duldung durch die offiziellen Vertreter der islamischen Religion. Die lokale Ausgestaltung ist aber stets populär geblieben. Zwei Wege hat man dabei beschritten; einmal hat das Autoritätsbedürfnis der Masse in stark religiösen, ja auch nur absonderlichen Persönlichkeiten "Heilige" gesehen, deren Fürsprache bei Gott nützlich ist. Solche Heilige haben in allen islamischen Ländern Lokalkolorit; mag man sie als Lebende oder als Tote, ja als reine Phantasiegeschöpfe verehren, sie beherrschen das Leben. Ihnen eignet die Baraka, die Segnung, eine Kraft, die von ihnen ausstrahlt und die man durch Berührung bei Lebendigen, durch Wallfahrt bei Toten (Gräberkult) erreicht. Ihnen eignen übernatürliche Kräfte, sie sind über Zeit und Raum erhaben. Man nennt einen solchen Heiligen Wali (plur. Aulija), der Gott Nahestehenden oder Mrabit, Gotteskämpfer, woraus die Franzosen Marabut gemacht haben. Ein solcher Heiliger ist ein großer Zauberer, und manche Fäden führen vom Heiligenkult zum Zauberwesen hinüber. Häufig eignet diesen Heiligen die Baraka durch leibliche Abstammung vom Propheten (Scherife, Saijids) oder einem anderen Großen der altislamischen Geschichte, manchmal sind es harmlose Verrückte, die der Orient stets als heilig angesehen hat, manchmal wirklich religiös schöpferische Persönlichkeiten, häufig aber Betrüger und Ausbeuter. Die Macht dieser Leute ist oft groß, gelegentlich erblich, ja es gibt in Nordafrika und der Sahara ganze Marabutfamilien und Stämme, die keine Waffen führen, sondern als unverletzlich betrachtet werden. Der offizielle Sultan ist diesen Kräften gegenüber oft ohnmächtig. In sehr vielen Fällen, namentlich wenn sich der Kultus an Gräber knüpft, liegt eine Islamisierung vorislamischer Heiligenverehrung vor. Zuweilen zeigt ein solcher Kult auch die Form eines religiösen Ordens. - Damit ist die andere Form der Vermittlung zwischen Gott und Mensch genannt, der Sufismus. Das Individuum sucht durch religiöse Gemeinschaftsübungen, die mit Askese verbunden sind - daher der Sufi als Mann im Wollhemd -, über sich selbst hinauszukommen und eine direkte mystische Verbindung mit Gott zu erreichen. Die Verbindung erfolgt in der Ekstase, die durch verschiedene Mittel, Tanzen, Wiederholung bestimmter Formeln unter erregender Musikbegleitung, Essen von Glas, Feuer usw. erreicht wird. Die Praxis ist in den sehr zahlreichen Bruderschaften oder Orden (arab. Tarika, plur. Turuk) verschieden. Diese Mittel werden dann sehr häufig zu Gauklerstücken. Man muß in diesen Tarikas scharf zwischen der populären Praxis der ungebildeten Adepten niederer Grade und der höheren Mystik der Eingeweihten unterscheiden. Für die große Masse bedeutet der Eintritt in eine Bruderschaft nichts anderes als Eintritt in einen Verein; denn die Tarikas sind nicht Orden wie die katholischen Orden, sondern Vereine. Gevatter Schneider und Schuster stehen alltäglich in Beruf und Familie, nur an bestimmten Tagen trifft man sich zum Sonderkultus seines Vereins, zu seinem Sikr (arab. Dhikr, suah. Zikri), d.h. wörtlich der Nennung Gottes, und sucht in Gemeinschaft Gott nahe zu kommen. Die klösterlichen Niederlassungen (Zawija, Tekijje) sind nur Vereinshäuser, in denen arme Brüder oder solche, die sich für einige Zeit zu religiösen Übungen zurückziehen wollen, Aufnahme finden. Die große Beliebtheit der Bruderschaften hat ihren Grund darin, daß sie die islamische Form des Vereinswesens darstellen, für das auch Orientalen und Afrikaner eine Schwäche haben. Die feierlichen D.umzüge mit Fahnen, Emblemen und Musik sind mit unseren Vereinsausflügen zu vergleichen. Mit Fanatismus haben sie nichts zu tun, nur hat der Orient sein Vereinswesen noch nicht entkirchlicht. Während man sich amüsiert, glaubt man Gott zu dienen. Diese Beobachtung der Gegenwart findet ihre Stütze in der Vorgeschichte der Bruderschaften. Wenn nicht alles trügt, sind sie Überreste des spätantiken Vereinswesens; auch Übergänge zur Zunftorganisation liegen vor. Der offizielle Islam hat sich lange gegen diese heidnischen Sitten gesträubt, sie aber dann in islamischer Form anerkannt. Der echte Rechtsgelehrte (s. Scheria) will noch heute von diesen Umzügen und Übungen der D. nichts wissen, er muß aber anerkennen, daß die Ordensscheiche doch mehr Religion ins Volk tragen als wie die gelehrten Kanonisten, die nur der Gebildete verstehen kann. Die gleiche Opposition hatte auch die höhere Mystik zu überwinden und zwar wegen der Gefahr des Pantheismus; denn wenn das Individuum sich der absoluten Verbindung mit Gott bewußt ist, wenn Gott in ihm ist, dann erhebt es sich damit über das Gesetz. Der verbotene Wein wandelt sich auf seinen Lippen zum erlaubten Wasser. Hier berührt sich der Mystiker mit dem Heiligen, der auch ungestraft das Gesetz übertreten kann. Gott ist im Mystiker, ja der Mystiker wird zum Gott. Begreiflicherweise mußte die Orthodoxie diese Folgerungen energisch ablehnen, aber man hat sich schließlich in einem Kompromiß gefunden. Wenn die Mystiker nur Gesetz und Dogma anerkennen, forscht man nicht zu genau danach, wie weit ihr Pantheismus fortgeschritten ist. Alle höhere Stufen sämtlicher Orden sind daher pantheistisch gefärbt; der Islam verliert seinen Sondercharakter, und aus solchen Kreisen tritt sogar einer leichter zum Christentum über wie aus den Sphären der Rechtsgelehrten oder der niederen Stufen der Ordensgemeinschaft. - Die islamische Mystik ist der christlichen wesensverwandt und geht wohl auf christliche Anregung zurück. Erst im 11. Jahrh. erkämpft der abschließende Kirchenvater des islamischen Glaubens, der noch heute viel gelesene Ghazali († 1111) der Mystik das Heimatsrecht im orthodoxen Islam. Jeder Orden hat sein eigenes System. An der Spitze steht der Scheich, den eine mystische Genealogie mit dem Gründer des Ordens, ja mit Mohammed verbindet. Ihm unterstehen Stellvertreter (na'ib, chalifa) und diesen wieder mukaddams, Unterscheiche. Den einen treibt Unglück in der Liebe, den anderen harte Lebensschicksale, wieder andere Tradition und Mode in einen Orden. Er beichtet dem Scheich, bekommt eine religiöse Aufgabe, um langsam seine Seele in die Hand zu bekommen - z.B. täglich 10000mal zu beten "Ich bitte Gott um Verzeihung"; eine enorme Leistung der Selbstzucht; Hilfsmittel für solche Zwecke der Rosenkranz -, er macht die wöchentliche Gemeinschaftsübung, den Sikr, mit und übernimmt die seinem Orden eigentümlichen Zusatzformeln (wird, plur. aurad) zu den fünf täglichen Ritualgebeten. Allmählich steigt er in höhere Stufen empor; zuerst erfüllt er sich mit der Scheria (s.d.), dann steigt er zur Sphäre der Tarika auf, dann weiter zur ma'rifa, der Gnosis, und endlich zur Hakika, der wahren Realität des Seins in Gott unter Auflösung der seelischen Sonderexistenz. - Die Einzelfolge der 7 oder 9 Stufen variiert. Bis zu welchen Höhen der Erkenntnis und des Erlebens die islamische Mystik emporführt, beweist die persische mystische Poesie. Bild und Symbol verschwimmen in eins. Der Lehrer resp. geistige Hirte wird Murschid, der Adept Murid genannt. Der wirkliche Anschluß an die Brüderschaft wird erreicht durch den Ahd, den Schwur des Gehorsams gegenüber dem Scheich, der etwa in der Mitte der Stufen liegt. Während man die niederen Weihen in mehreren Orden nehmen kann, ist der Ahd nur in einem möglich. Dadurch wird der Murid gegenüber seinen Murschid, "wie der Tote in der Hand des Totenwäschers". Man vgl. das jesuitische usque ac cadaver. - Das islamische Ordenswesen hat die europäischen Kolonialverwaltungen, besonders die französischen, sehr lebhaft beschäftigt. Gewiß liegen hier nach außen unsichtbare Beziehungen vor, die lokal von großer Bedeutung sein können wie alle Vereinsbildung. Aber man darf an diese Gruppierungen nicht den Maßstab des europäischen Organisationsgedankens legen. Gerade sein Mangel an Organisationsfähigkeit ist die größte Schwäche des Orients gegenüber Europa. Wohl gibt es bestimmte Orden, die sich über die ganze islamische Welt verbreitet finden, aber es fehlt der Zusammenhalt. Überall überwiegt das Sonderinteresse der Lokalorganisation, und Ablösungen sind etwas Alltägliches. Daher die ungeheuer große Zahl von Bruderschaften. Unter lokal günstigen Umständen und unter einem ehrgeizigen Führer können Schwierigkeiten entstehen, so waren z.B. die ersten Anhänger des Mahdi von Chartum bruderschaftsmäßig an ihn angeschlossen, aber da spielten auch andere, wichtigere Momente mit (s. Mahdi ). Jedenfalls müssen die europäischen Beamten an Orten mit einer starken Tarika den persönlichen Einfluß des Scheichs im Auge behalten. Auch in Europa können religiöse Vereine gelegentlich ein Eingreifen, der Polizei nötig machen; man wird darum nicht in jeder religiösen Gesellschaftsbildung eine politische Gefahr wittern. - Das D.wesen ist in Afrika sehr verbreitet. Es seien hier nur einige Orden genannt. Eine der ältesten und angesehensten Gemeinschaften sind die Kadiri, die sich nach dem Obermystiker Abd al-Kadir al-Gilani, dem Pol der Pole, nennen. Er ist in Afrika besonders unter den Somalis verbreitet und kommt daher auch in Deutsch-Ostafrika vor, aber auch im Tsadseegebiet ist er vertreten. Dort ist am häufigsten der ganz Westafrika beherrschende Orden der Tidjani zu finden, der erst im Anfang des 19. Jahrh. von Ahmed at-Tidjani begründet wurde. Andere häufig in Afrika zu findende Bruderschaften sind die Schadili, die Chelwati-Einflüsse im Hinterland von Kamerun nachweisbar -, die Rifa'i - besonders in Nordafrika,; es sind die Glas- und Feueresser -, die Mirgani-Orden der Berberiner und Sudanesen - ihr Sikr erinnert an afrikanische Kriegstänze; es lebt eben nicht nur asiatisches, sondern auch afrikanisches Gesellungsbedürfnis in diesen Tarikas weiter - und endlich die viel zu berühmten Senussi. Der Senussiorden hat allerdings einen etwas anderen Charakter als die anderen und eine antieuropäische Tendenz. Er hat schon vor dem Auftreten Europas in der Sahara Frieden geschaffen und auch kulturell sehr segensreich gewirkt. Daß er die Eingeborenen gegen die fremden Eroberer organisierte, wird man ihm nicht verübeln können. Eines seiner Häupter hieß Sidi Mahdi, und dieser Mahdiname wurde gelegentlich als Mahdititel verstanden (s. Mahdi), wodurch nach den Erfahrungen mit dem Mahdi von Chartum Besorgnisse am Platz schienen. Die Einflußsphäre des Ordens ist das Hinterland von Tripolis bis nach dem Tsadsee hinunter. Deutsch Bornu fällt nicht mehr in sein unmittelbares Bereich. Der Gründer des Ordens starb 1859; ihm folgte Mohammed Scherif († 1896), dann Sidi Mahdi († 1902). Der derzeitige Oberscheich ist S. Mahdis Sohn Sidi Ahmed Scherif. - Das Derwischtum ist eine kolonialpolitisch wichtige Seite des Islam; es spielt aber in unseren Kolonien nicht die Rolle wie z. B. in Französisch- Nord- und Westafrika.

Literatur: J. Goldziher, Vorlesungen über den Islam. Heidelberg 1910. - L. Rinn, Marabouts et Khouan. Alger 1884. - Depont et Coppolani, Les Confréries religieuses musulmanes. Alger 1897. - E. Doutté, Les Marabouts. Rev. Hist. Rel. XL, XLI. - H. Duveyrier, La Confrérie musulmane de Sidi Muhammed ben 'Ali Es- Senoûsi. Paris 1886. - Gairdner, "The Way" of a Mohammedan Mystic, Leipzig 1912. - C. Snouck Hurgronje, Mekka II, 287 ff.

C. H. Becker.