Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 408 ff.

Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. Die D.-O.-A. G. ging hervor aus der am 28. März 1884 in Berlin von Dr. Peters (s.d.) und Graf Behr- Bandelin gegründeten "Gesellschaft für deutsche Kolonisation", welche geeignete Gebiete für die Schaffung von deutschen Ackerbau- und Handelskolonien erwerben und die deutsche Auswanderung dorthin lenken sollte. Ihre ursprüngliche Absicht, sich in Südafrika festzusetzen, wurde nach der Besitzergreifung Angra Pequenas durch Lüderitz (s.d.) aufgegeben. Dr. Peters und seine Freunde wandten sich vielmehr im Oktober 1884 nach Ostafrika, wo sie mit dortigen Häuptlingen Schutzverträge abschlossen. Diese sowie die bald darauf gemachten weiteren Erwerbungen wurden durch kaiserlichen Schutzbrief bestätigt (s. Deutsch- Ostafrika, Abschnitt Geschichte). Um der Gesellschaft eine juristische Form zu geben, schuf man eine Kommanditgesellschaft unter der Firma "Karl Peters u. Gen." Persönlich haftende Gesellschafter wurden Dr. Peters, Dr. Fr. Lange, Konsul Roghé und Hofgartendirektor Jühlke. Die Leitung hatte ein Direktorium von 5 Mitgliedern; die eigentliche Geschäftsführung wurde Dr. Peters übertragen. - Während in der Folgezeit das Deutsche Reich, von der Gesellschaft zum Schutze ihrer Rechte in Ostafrika aufgefordert, Verträge mit dem Sultan von Sansibar, mit England und Portugal schloß (s. Deutsch-Ostafrika, Abschnitt Geschichte), fand in der Gesellschaft selbst ein Übergang zu einer den Verhältnissen besser entsprechenden Organisation statt. Bei ihren mannigfachen Aufgaben und großen materiellen Bedürfnissen genügte die Form der Kommanditgesellschaft nicht mehr. Am 7. Sept. 1885 beschloß daher das Direktorium die Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft" (D.-O.-A. G.) umzuwandeln. Die Generalversammlung vom 14. Dez. 1885 genehmigte diesen Beschluß des Direktoriums. An die Spitze der neuen Gesellschaft trat ein Vorsitzender der Direktion (Dr. Peters) mit 2 Direktoren sowie ein Direktionsrat von 21 bis 27 Mitgliedern. Die Anteile wurden, um das kleine Kapital ganz auszuschließen, auf 10,000 M erhöht und insgesamt 3 727 600 M zusammengebracht. Zweck der Gesellschaft war, in den Gebieten von Ostafrika die Landeshoheit auszuüben und die dazu erforderlichen Einrichtungen zu treffen, die Zivilisierung des Schutzgebietes durch Ansiedelung und Handel anzubahnen, sowie Ländereien zu erwerben, zu bewirtschaften und zu verwerten. Die Oberaufsicht über die Gesellschaft übte der Reichskanzler aus. Am 27. März 1887 wurden der Gesellschaft vom König von Preußen Korporationsrechte nach dem allgemeinen Landrecht und am 4. Juli 1889 vom Bundesrat die Rechte einer Reichskorporation verliehen. - Im April 1888 kam zwischen der D.-O.-A. G. und dem Sultan von Sansibar der sog. Zoll- und Küstenvertrag zustande, welcher im August, bei seinem Inkrafttreten, zu dem Araberaufstand (s. d.) führte. Nach der Niederwerfung dieses Aufstandes durch das Deutsche Reich übernahm letzteres durch Vertrag vom 20. Nov. 1890 die Verwaltung und Zollerhebung im Schutzgebiet mit der Verpflichtung, eine von der Gesellschaft aufzunehmende Anleihe von 10 556 000 M mit 600 000 M jährlich zu verzinsen und zu amortisieren. Dagegen hatte die Gesellschaft an den Sultan von Sansibar für die Überlassung des Küstengebiets an das Deutsche Reich einen Betrag von 4 000 000 M zu zahlen. Weiter erhielt die Gesellschaft das ausschließliche Okkupationsrecht an herrenlosen Grundstücken in bestimmten Gegenden des Schutzgebietes, ein Vorrecht zum Bau von Eisenbahnen, das Recht auf Errichtung einer Bank mit Notenausgabe, sowie Privilegien auf bergbaulichem Gebiete. Das Recht der Gesellschaft, Silber- und Kupfermünzen, zu prägen und auszugeben, blieb bestehen. Die auf Grund dieses Vertrages von der D.-O.-A. G. als Hauptanteilseignerin der Eisenbahngesellschaft für Deutsch-Ostafrika (Usambarabahn) in den neunziger Jahren gebaute Eisenbahnstrecke Tanga-Muhesa sowie der größte Teil des in Usambara okkupierten Landes ging durch Kauf im Jahre 1899 in fiskalischen Besitz über. Von dem Recht auf Errichtung einer Bank mit dem Privilegium der Notenausgabe hat die Gesellschaft durch Gründung der Deutsch-Ostafrikanischen Bank Gebrauch gemacht (s. Deutsch- Ostafrika, Abschnitt Geld- und Bankwesen, ferner Geld und Geldwirtschaft). Das Münzregal wurde durch Vertrag vom 15. Nov. 1902 gegen anderweitige Entschädigungen aufgehoben und ging auf das Reich resp. Schutzgebiet über (s. Geld und Geldwirtschaft). Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Berlin. Ihre Generalvertretung für Ostafrika befand sich bis zum 1. Nov. 1905 in Sansibar, seitdem in Daressalam. Sie hat Handelsniederlassungen in fast allen bedeutenderen Plätzen des Schutzgebiets, ferner in Sansibar, Entebbe (Uganda), Ibo (Portugiesisch - Ostafrika) sowie in Nossibe, Majunga und Annanalava (Madagaskar). Das Gesellschaftskapital beträgt 8 Mill. eingeteilt in auf den Inhaber lautende Anteile zu 1000 M. Das Kapital ist voll eingezahlt. Auf Beschluß des Verwaltungsrates können weitere Anteile von je 1000 M bis zum Höchstbetrage von 20 Mill. M ausgegeben werden. Die Gesellschaft gliedert sich in den Vorstand, den Verwaltungsrat und die Hauptversammlung. Der Vorstand besteht aus einem oder mehreren Mitgliedern, die von dem Verwaltungsrat gewählt werden. Er vertritt die Gesellschaft nach außen und führt die Verwaltung. Der Verwaltungsrat besteht aus mindestens 11 Mitgliedern, welche von der Hauptversammlung aus den Mitgliedern der Gesellschaft auf 5 Jahre gewählt werden. Mindestens 2/3 seiner Mitglieder muß die Reichsangehörigkeit besitzen. Die Hauptversammlung beschließt über die Genehmigung des Hauptabschlusses, Errichtung von Zweigniederlassungen, Aufnahme von Anleihen, Abänderung der Satzungen, Ausgabe von Vorzugsanteilen u. a. Die Aufsicht über die Gesellschaft wird durch einen vom Reichskanzler zu ernennenden Kommissar ausgeübt. Derselbe hat ein Recht auf Teilnahme an den Sitzungen des Verwaltungsrats und der Hauptversammlung und auf Einsicht der Bücher der Gesellschaft. Die Aufsicht ist darauf gerichtet, daß die Geschäftsführung der Gesellschaft dem Zwecke derselben und den Bestimmungen der Satzungen entspricht und im Einklang mit den gesetzlichen Vorschriften erfolgt. Insbesondere unterliegt der Genehmigung der Aufsichtsbehörde die Wahl der Mitglieder des Vorstands und die Ernennung der oberen Vertreter in Ostafrika, die Ausgabe von Vorzugsanteilscheinen, die Aufnahme von Anleihen und die Änderung der Satzungen. Außer den bereits oben erwähnten Handelsniederlassungen betreibt die D.-O.-A. G. eine Reihe von Pflanzungen. Finanziell beteiligt ist die Gesellschaft an der Deutsch-Ostafrikanischen Bank, der Handelsbank für Ostafrika, der Deutschen Tanganjika-Gesellschaft, der Rheinischen Handei-Plantagengesellschaft, der Zentralafrikanischen Bergwerksgesellschaft, der Ngomeni-Pflanzungsgesellschaft m. b. H., der Ostafrika-Kompagnie, der Lindi-Handels- und Pflanzungsgesellschaft, der Deutschen Holzgesellschaft für Ostafrika, dem Usambara-Magazin u. a. Die D.-O.-A. G. hat in den letzten 5 Jahren (1908/12) einen Gewinn von 526 510,97 M, 723 321,11 M, 978 217,31 M, 1 004 650 M und 1 106 083 M erzielt und eine Dividende von 5, 6, 8, 8 und 9 % verteilt. 1913 wurden ebenfalls 9 % gezahlt.

Literatur: Kurze, die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. Jena 1913.

v. Spalding.