Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 302 ff.

Deutsche Kolonialgesellschaft (D.K.G.) Sitz Berlin W 35, Am Karlsbad 10, im Afrikahaus Gegründet 1887 durch Vereinigung des Deutschen Kolonialvereins mit der Gesellschaft für deutsche Kolonisation. Die D.K.G. bezweckt satzungsgemaß (§1): a) im Dienste des Vaterlandes die Erkenntnis von der Notwendigkeit deutscher Kolonien zum Gemeingut des deutschen Volkes zu machen; b) die Pflege und Förderung des vorhandenen deutschen Kolonialbesitzes in organisatorischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Beziehung wie auch die Klärung und öffentliche Vertretung aller sonstigen kolonialen und überseeischen Interessen der deutschen Nation; c) unter Ablehnung jeder Stellungnahme zu parteipolitischen Fragen alle Parteien im Deutschen Reiche für die deutsch- koloniale Sache zu gewinnen und insbesondere in Zeiten wichtiger :Entscheidungen in solchem Sinne zu wirken.

Mitglied kann jeder unbescholtene Großjährige werden (§4), auch Frauen. Der Beitrag ist für ordentliche Mitglieder, wenn sie in Deutschland, in den deutschen Schutzgebieten oder in Österreich-Ungarn wohnen, auf mindestens 6 M, wenn sie anderswo ihren Wohnsitz haben, auf mindestens 8 M bemessen. In Orten, wo Abteilungen bestehen, wird ein Zuschlag erhoben (§9). Die D.K.G. gliedert sich in Abteilungen (die Mitglieder einzelner Bezirke zusammenfassend) und Gauverbände (Vereinigung mehrerer Abteilungen). Die Organe der Gesellschaft sind a) der Präsident, b) der Ausschuß, c) der Vorstand, d) die Hauptversammlung (§13). Der Präsident wird von dem Vorstand aus seiner Mitte gewählt. Zu seiner Vertretung werden in gleicher Weise fünf Stellvertreter und auf Wunsch des Präsidenten für die Dauer seiner Amtsführung ein geschäftsführender Vizepräsident gewählt (§14). Der Ausschuß wird teils vom Vorstand gewählt, teils vom Präsidenten ernannt. Die Wahl des Vorstandes erfolgt während der Tagung der Hauptversammlung durch die Vertreter der Abteilungen. Alljährlich findet eine ordentliche Hauptversammlung der Mitglieder statt (§24).

Die D.K.G., mit 14838 Mitgliedern gegründet, zählt heute über 42000 Mitglieder. Das Gesellschaftsvermögen belief sich am 1. Januar 1913 auf rund 2000000 M, die Jahreseinnahmen aus Mitgliederbeiträgen 1912 auf 236000 M und einschließlich der sonstigen Einnahmen auf insgesamt rund 360000 M. Die Tätigkeit der Gesellschaft ist einesteils eine werdende, insofern sie das Verständnis und Interesse für Deutschlands koloniale Aufgaben anregen und fördern will, anderenteils eine der praktischen Arbeit zugewandte. Werbend wirkt die D.K.G.

1. durch die von ihr herausgegebene, wöchentlich erscheinende "Deutsche Kolonialzeitung", die allen Mitgliedern kostenfrei zugestellt wird. Die Deutsche Kolonialzeitung, die für die große Menge der Gebildeten geschrieben ist, bringt in möglichst engem Anschluß an die Tagesereignisse kurze, aufklärende Artikels die innerhalb von je 14 Tagen das gesamte Gebiet der deutschen Kolonialbetätigung berücksichtigen, führt Land und Leute des überseeischen Deutschland in Bildern vor, berichtet über die Arbeiten der Gesellschaft, nimmt zu allen wichtigen kolonialen Fragen in knappen Aufsätzen Stellung und ist bemüht., in die koloniale Bewegung Deutschlands führend einzugreifen;

2. durch die von ihr in jährlich 12 Heften herausgegebenen "Kolonialen Monatsblätter, Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft ", welche die Mitglieder zum Selbstkostenpreise erhalten;

3. durch Übermittlung von kolonialen Artikeln und Notizen an die Tagespresse vermittelst der von ihr herausgegebenen kolonialen Korrespondenz "Mitteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft";

4. durch Veranstaltung von Vorträgen über kolonialpolitische Themata in den Zweigvereinen und in anderen Orten, die zur Gründung von Abteilungen schreiten wollen;

5. durch Zusendung von Werbestoff (Karten, kolonialen Abhandlungen, Flugschriften) an die Abteilungen;

6. durch Anschaffung von Lichtbilderapparaten, Anlage von Lichtbildersammlungen, Ausarbeitung von erläuternden Vorträgen dazu und deren Verleihung an die Abteilungen und Bewilligung von Unterstützungen an letztere zu derartigen Anschaffungen;

7. durch Versendung von Beitrittseinladungen mit postfreier Anmeldekarte;

8. durch Herausgabe und Unterstützung von Werken und Zeitschriften kolonialen Inhalts;

9. durch Unterhaltung einer umfangreichen :Bücherei, die bereits gegen 12000 Bände, Broschüren und Karten besitzt und deren Benutzung jedem Mitgliede gestattet ist;

10. durch Förderung der Anlage von Kolonialheimen;

11. durch Unterstützung von Büchereien mit kolonialem Lesematerial;

12. durch Verbreitung der Kenntnis über unsere Kolonien in der Jugend;

13. durch Versorgung von Schulbibliotheken mit kolonialem Lesestoff;

14. durch Veranstaltung von kolonialwirtschaftlichen Ausstellungen in Deutschland und Unterstützung landwirtschaftlicher Ausstellungen in den Kolonien.

Praktisch ist die Gesellschaft bemüht, jedes gesunde national deutsche Unternehmen oder Interesse auf kolonialem Gebiet im weiteren Sinne, gleichviel ob dasselbe sich auf Deutsche Schutzgebiete oder außerdeutscheüberseeische Länder bezieht, nach Kräften zu fördern. Dementsprechend hat die D.K.G.:

1. auf alle die Entwicklung der deutschen Schutzgebiete und die Interessen der Deutschen im Auslande berührenden Fragen eingewirkt und den Standpunkt der kolonialfreundlichen Kreise Deutschlands an maßgebender Stelle vertreten. Ausbau unserer Flotte, Haushaltsetat für die Schutzgebiete, Antisklavereibestrebungen, Emin-Pascha-Expedition, Abgrenzungsfragen der Schutzgebiete, :Errichtung von Berufskonsulaten, Ableistung der Dienstpflicht bei der Schutztruppe, 1Eisenbahnbauten, Dampferverbindungen, Bekämpfung der Hungersnot in Deutsch- Ostafrika, Bekämpfung der Viehseuchen, Auswanderungsgesetz, Samoafrage, Erhaltung der Reichsangehörigkeit, :Errichung eines Konsular- und Kolonialgerichtshofes usw.;

2. Expeditionen zur Erforschung der deutschen Schutzgebiete und deren Hinterländer, teilweise in Verbindung mit anderes Organen ausgerüstet und entsandt,

3. die wirtschaftliche Erschließung der Schutzgebiete teils selbst .in Angriff genommen, teils dahin zielende Unternehmungen Jahre hindurch aus ihren Mitteln und durch ihren Einfluß erheblich unterstützt;

4. das Studium der Eingeborenensprachen angeregt und gefördert,

5. die tropenhygienische Forschung angeregt und durch Beschaffung von Material und finanzielle Zuwendungen gefördert;

6. deutsche Schulen in den Schutzgebieten und im Auslande durch namhafte Beträge Jahre hindurch unterstützt;

7. die Siedlung deutscher Landwirte in Deutsch-Südwestafrika und die Siedlung Leudorf am Meruberg (Deutsch- Ostafrika) ins Leben gerufen, den Ansiedlern daselbst zur Begründung wirtschaftlicher Unternehmungen erhebliche Unterstützungen gewährt und zum Zweck der Siedlung eine direkte Dampferverbindung zwischen Hamburg und Deutsch-Südwestafrika begründet;

8. die Selbstverwaltung in den Schutzgebieten und die Errichtung von Gouvernementsbeiräten nachdrücklich gefordert und vertreten;

9. die Notwendigkeit, unsere Kolonien durch den Bau von Eisenbahnen wirtschaftlich zu erschließen, stets auf das nachdrücklichste betont und empfohlen;

10. Gelder aufgebracht, um den durch den Aufstand in Deutsch-Südwestafrika in Not geratenen Ansiedlern über die schlimmsten ersten Zeiten, wo es am Nötigsten gebrach, hinwegzuhelfen;

11. sich mit aller Kraft dafür eingesetzt, daß diese Ansiedler für die durch den Aufstand verursachten Verluste vom Reich in billiger und gerechterweise entschädigt werden;

12. für die aus Deutsch-Südwestafrika zurückkehrenden Kämpfer nach dem Aufstand für längere Zeit einen Stellennachweis eingerichtet;

13. in Windbuk (Deutsch-Südwestafrika) das Elisabethhaus (Wöchnerinnenheim) errichtet;

14. für die I-Iinaussendung von Missionsärzten und Krankenschwestern Beihilfen bewilligt;

15. im Laufe der Jahre Tausenden von Auswanderern auf Anfrage unentgeltliche Auskünfte über Einwanderungsgebiete erteilt (eigene Auskunftsstelle für Auswanderer, Berlin W 35, Am Karlsbad 10, im Afrikahaus), Frauen und Mädchen auf Gesellschaftskosten nach Deutsch- Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika und Kiautschau entsandt, an der Geschäftsstelle für Stellenvermittlung für die aus den Kolonien heimkehrenden Unteroffiziere und Mannschaften der deutschen Schutztruppen teilgenommen usw. usw.

Der Erwerb Deutsch-Ostafrikas ist lediglich der von der "Gesellschaft für deutsche Kolonisation " ausgerüsteten Petersexpedition (1884) zu verdanken. Die D.KG. selbst hat sich in der Folge mehrfach für die Erweiterung des Kolonialbesitzes eingesetzt:

  1. Erwirkung des Reichsschutzes für die von der Petersschen "Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft" erworbenen Rechte an der Somaliküste zwischen Witu und Kismayu (1889);
  2. erfolgreiche Bemühungen (eigene Expedition) um die Erweiterung des Kamerun -Hinterlandes bis zum Tsadsee (1890/94);
  3. Togo-Hinterland-Expedition, und Eingaben an die Regierung wegen Ausdehnung des Besitzes;
  4. Resolutionen für Errichtung des deutschen Regiments auf Samoa seit 1894 (Samoa deutsch 1899);
  5. schon 1895 Forderung eines deutschen Küstenplatzes in China (Kiautschou erworben 1897).

Als Caprivi 1890 daran dachte, Deutsch-Südwestafrika aufzugeben, suchte die D.K.G. diesem Plan entgegenzuwirken durch die Gründung des "Syndikats für südwestafrikanische Siedlung", das sich später zu der jetzigen "Windhuker Farmgesellschaft" umwandelte. Auch die Verstärkung der Wehrmacht des Reichs hat der D.K.G. im Interesse besseren Schutzes unseres Überseebesitzes stets sehr am Herzen gelegen.

Neben der Schutztruppe, deren Vermehrung wiederholt (zuerst 1890) gefordert wurde, war es vor allem die Flotte, für die sich die D.K.G. einsetzte. Seit 1803 schon entfaltete sie eine rührige Flottenagitation. Wann immer die deutsche auswärtige Politik sich um Probleme kolonialer Art drehte, war die D.K.G. auf dem Posten (Transvaal 1891, 16. Jan. 1896; Marokko 1904 ff). Hierher gehören auch die jahrelangen Bemühungen (seit 1884) für die Aufhebung des preußischen Auswanderungsverbots betreffs Brasilien (v.d. Heydtsches Reskript), die schon 1889 erhobene Forderung nach einem selbständigen Kolonialamt, die Agitation für die Änderung des Reichsangehörigkeitsgesetzes (seit 1889).

Der deutschen Auswanderung hat die D.K.G. besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Neben der Auskunftstätigkeit der von ihr eingerichteten und mit Reichsmitteln unterhaltenen Zentralauskunftsstelle seien folgende Maßnahmen erwähnt: 1800 gründete sie das " Syndikat für südwestafrikanische Siedlung", sie unterstützte ferner die Ansiedlung in Deutsch-Südwestafrika mit Barmitteln und entsandte eine eigene Expedition zur Erforschung der Ansiedlungsmöglichkeiten dorthin. Auch in Deutsch-Ostafrika hat die D.K.G. sich um die Besiedlung bemüht (1903 Expedition nach West-Usambara und Uhehe, Deutsch-Ostafrikanisches Besiedlungskomitee l905). Besonders ist es aber Südamerika, wohin man die Auswanderung zu leiten bestrebt war (Kampf gegen das Auswanderungsverbot für Brasilien, 1885 Begründung der Siedlungsgesellschaft ,"Hermann" für Südbrasilien usw.).

Auch die, Eingeborenenpolitik in unseren Kolonien (Eingeborenenrecht, Kommission zur Erforschung und Bekämpfung der Sklaverei 1888, Hebung der Eingeborenenkulturen usw ) suchte die D.K.G. zu fördern.

Auf dem Gebiete des kolonialen Agrarwesens hat die D.K.G. eine reiche Tätigkeit entfaltet. Zuerst sei der Kampf gegen die Landkonzessionen seit 1892 erwähnt, ferner die Bemühungen um das Bodenkreditwesen seit 1904. Zur wissenschaftlichen Erforschung der Produktionsverhältnisse in den Kolonien wurden zahlreiche Expeditionen selbst ausgerüstet oder unterstützt, landwirtschaftliche Versuchs- und sonstige Stationen eingerichtet u. dgl. m. Große Aufwendungen wurden für die Förderung des kolonialen Baumwollbaus und der Kautschukkultur, für die Beschaffung von Saatmaterial und die chemisch-technische Prüfung von Rohstoffen in den Kolonien aufgewandt; hierbei hat sich die D.K.G. zumeist der Vermittlung des 1896 begründeten Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees bedient, mit dem sie seit 1902 eine enge Gemeinschaft eingegangen ist, derart, daß das Komitee seitdem unbeschadet völlig selbständiger Tätigkeit den Untertitel "Wirtschaftlicher Auschuß der Deutschen Kolonialgesellschaft" führt. Auch der Viehzucht ward manche Unterstützung zuteil, und die Viehseuchenforschung fand dabei besondere Beachtung.

Dem Handel und Verkehr der Kolonien schenkte die D.K.G. viel Beachtung. Bedeutsam ist der langjährige Kampf für die Handelsfreiheit im Nigergebiet (1888 ff) gegen die Obergriffe der "Royal Niger Company", ferner das Eintreten für die Meistbegünstigung der Kolonien. Für die Schiffahrtsverbindungen der Kolonien gab die D. K. G. manche Anregung und forderte für die Postdampferlinien Reichssubventionen (Anregung, betr. eine Postdampferlinie nach Ostafrika, 1887, nach der Südsee 1900; betr. Landungsbrücke in Togo, 1896, Hafenbauten in Tanga und Daressalam 1901, ferner Bau zweier Stahlboote für den Victoriasse 1890, eines Tanganjika-Dampfers 1898, eines Motorschoners für den Gouverneur von Samoa usw.). Ebenso eifrig war die D.K.G. um die Eisenbahnen bemüht (Anregung für die Windhuker Bahn 1897, für die Durchführung der Usambarabahn1897, für die Zentralbahn Daressalam- Morogoro 1900 usw.; Resolution für die allgemeine Meter-Spurweite 1901; seit 1912 ständige Eisenbahnkommission). Auch die Kabelverbindungen wurden nach Kräften gefördert.

Zur wirtschaftlichen Ausnutzung der Kolonien hat die D.K.G. eine Reihe von Unternehmungen ins Leben gerufen und unterstützt (neben den bereits gelegentlich erwähnten Gesellschaften insbesondere noch: 1886 Deutsche Witugesellschaft, Pondo-Gesellschaft in Südafrika, 1900 Südwestafrikanische Schäfereigesellschaft unter Beteiligung mit 300000 Mark u.a.m.; auch der "Verband Deutsch-Ostafrikanischer Pflanzungen" von 1905 ist hier zu erwähnen).

Für die wissenschaftliche Erforschung der Kolonien hat die D.K.G. zahlreiche Expeditionen sowie Forschungsreisende ausgerüstet oder unterstützt; wissenschaftliche Literatur selbst herausgegeben oder dazu bedeutende Beihilfen gewährt; besonders aber, wie teilweise schon erwähnt, wissenschaftliche Institute errichtet oder unterstützt, so u.a.: Witustation, Kilimandscharostation, Botanische Zentralstelle für die Kolonien beim Berliner Botanischen Garten, Kolonialmuseum usw.; wissenschaftliches Material gesammelt, besonders auf dem Gebiet der Tropenhygiene usw.

Dankbar muß man auch der Anregungen und Beihilfen gedenken, die wohltätigen Einrichtungen in den Kolonien zugute kamen (Krankenhaus in Tanga, Genesungsheim im Lauschangebirge, Seemannshaus in Tsingtau u.a.m., vor allem noch das eigene Entbindungsheim "Elisabethhaus" in Windhuk). Hier mag auch die große Hilfsaktion für die durch den Aufstand in Not geratenen Südwestafrikaner erwähnt sein.

Um ihren Bestrebungen ein größeres Gewicht zu verleihen, hat die D.K.G. alle nationalen Verbände mit kolonialen und überhaupt überseeischen Interessen zusammenzuschließen gesucht. Die Peterssche " Gesellschaft für deutsche Kolonisation" machte 1886 den ersten verdienstvollen Versuch dazu, konnte aber auf dem Kongreß in der Berliner Philharmonie nur wenige Verbände vereinigen. Die deutsche Kolonialgesellschaft nahm später den Gedanken wieder auf und veranstaltete mit großem Erfolg 1902 im Reichstag ihren ersten Kolonialkongreß, dem 1905 und 1910 mit wachsender Beteiligung weitere folgten.

Erster Präsident der Gesellschaft war Seine Durchlaucht Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg. Sein Nachfolger in der Stelle des Präsidenten ist Seine Hoheit der Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg seit 15. Jan. 1895.