Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 310

Deutsche Kongo-Liga. Der erfolgreiche Versuch des unabhängigen Kongostaats, durch seine eigenartige Domanialpolitik das in der Kongoakte (s.d.) ausgesprochene Verbot von Handelsmonopolen zu umgehen, mußte in den am Handel mit dem tropischen Afrika interessierten Kreisen ebenso Widerspruch finden, wie die Nachahmung dieser Politik im französischen Kongogebiete. Deutsche Interessen waren dabei insbesondere berührt in der Südostecke von Kamerun und durch die gewaltsame Hemmung des Handels des östlichen Kongogebiets nach Deutsch-Ostafrika (die Tötung des Händlers Stokes). Breiteren Widerhall fanden die Klagen über das" Kongosystem" aber, als bekannt wurde, daß es auch zu schweren Ausschreitungen gegen die Eingeborenen des Kongogebietes geführt hatte. Die Bewegung gegen die Kongomißbräuche wurde seit 1902 lebhafter, auch in Deutschland (Beschluß der Deutschen Kolonialgesellschaft vom 4. Juni 1903). In England führte sie 1903 zur Gründung der Congo Reform Association, deren Seele W. Morell war. Nach deren Vorbilde wurde in Deutschland am 31. März 1910, hauptsächlich aus religiös-human interessierten Kreisen, die deutsche K.- L. gegründet, also zu einer Zeit, als nach Annexion des Kongostaats durch Belgien (18. Okt. 1908) die Reformen bereits in Angriff genommen waren, die dem "Kongosystem" ein Ende machen sollten. Als Ziel der Liga war angegeben: 1. Aufklärung weiterer Kreise über die Kongofrage, 2. Schaffung von Bürgschaften für die sittliche und materielle Wohlfahrt der Eingeborenen, 3. Beseitigung der Handelsmonopolien, 4. Wiederherstellung der Handelsfreiheit, 5. Entsendung deutscher Berufskonsuln in den belgischen Kongo, 6. Herbeiführung einer neuen Kongokonferenz. Es wurde erklärt, daß trotz der guten Absichten der belgischen Regierung die Durchführung der Reformen am Kongo noch nicht sicher sei, namentlich wegen des Widerstrebens der alten Kongobeamten und der dortigen Konzessionsgesellschaften. Auch widersprächen die im französischen Kongogebiet bestehenden Zustände durchaus den Absichten der Kongoakte. Auch in anderen Teilen Afrikas seien Mißbräuche gegenüber Eingeborenen zu beseitigen. Als durch das Abkommen vom 4. Nov. 1911 Frankreich erhebliche Teile seines Kongogebiets an Deutschland abtrat (s. Erwerbung der deutschen Kolonien), forderte die deutsche K.-L. die Beseitigung der der Kongoakte widersprechenden Zustände in diesem Gebiete. Nach der Weiterführung der Reformen im belgischen Kongo und der Anerkennung der Annexion durch die englische Regierung (seitens Deutschlands war sie alsbald erfolgt) hat die englische Congo Reform Association am 16. Juni 1913 sich aufgelöst, weil ihre Aufgabe erfüllt sei. Die deutsche K.-L. tat am 5. Dez. 1913 das Gleiche. An ihre Stelle ist nach Analogie der englischen Aborigines Protection Society die "Deutsche Gesellschaft für Eingeborenenschutz" (s.d.) begründet worden.

Literatur: Zahlreiche Mitteilungen in der Kol-Rundsch., insbesondere A. W. Schreiber, Die deutsche Kongoliga. Das. 1911, 753.

Rathgen.