Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 472

Dorf der Eingeborenen. Die D. der E. gehen von der Familie aus, deren Bedarf an Gebäuden für Wohn- und Wirtschaftszwecke das Gehöft ergibt. Es kann isoliert liegen (Einzelgehöft) oder mit anderen zum D. verbunden sein, das überall dort entsteht, wo mehrere Familien sich zusammenschließen oder eine Sippe (s.d.) wohnt. Die einzelnen Gehöfte sind im D. der Regel nach noch erkennbar und meist durch Mauern, Zäune usw. von einander getrennt, auch durch Pflanzungsstücke oder Waldstreifen. Das Zusammenwohnen führt aber zur Beschränkung und Verkleinerung des Gehöfts, indem etwa für alle Familien gemeinsame Plätze zum Dreschen des Korns, zur Unterbringung des Viehs, zur geselligen Arbeit u. a. Zwecken bestimmt werden. Der gleiche Grund ergibt an neuen Gebäuden die Einrichtung eines Beratungsplatzes oder den Bau von Männerhäusern, Kultgebäuden usw.; oft genug umschließt das D. eine Befestigung aus lebenden Hecken und Bäumen, Zäunen, Palisaden u.a. (s. Befestigungen). - Die Lage der Niederlassung wird zunächst durch die leichte Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses bestimmt. Die Pygmäen Afrikas wohnen in ihrem Jagdgebiet, die Herero nahe der Wasserstelle, die Polynesier an der fischreichen Küste oder bei ihren Pflanzungen. Ausgeschlossen von der Siedelung sind normalerweise die Gebiete, die für die Wirtschaftsform der Eingeborenen nicht ertragreich sind, bevorzugt diejenigen, die besonderen Reichtum an Naturprodukten bieten. Dahin gehört neben tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln auch das Material für bestimmte Gewerbe, so siedeln die Wassindja (Deutsch-Ostafrika) bei den Lagerstätten des Eisenerzes. Wie eng die Lage des D. mit wirtschaftlichen Verhältnissen zusammenhängt, ergibt sich aus seiner Verlegung, wenn der Boden in seiner Umgebung erschöpft ist. - Bestimmend ist auch der Handel. Der ursprünglich an der Grenze zweier Gebiete gelegene Platz für den Tauschverkehr entwickelt sich zum D., an den Handelsstraßen entstehen, den Rastplätzen entsprechend, D. Der Ortsname Tura in Unjamwesi (Deutsch-Ostafrika) bedeutet "Setze dich nieder, wirf dein Gepäck ab". Wie einst die Karawanenstraßen, so wirken heute Kunststraßen und Eisenbahnen. Voraussetzung ist dabei der Friede. Wo er fehlt, folgt die Siedelungslage aus dem Schutzbedürfnis. Inseln, mit dem Festlande durch schmale, leicht zu sperrende Landstreifen verbundene Halbinseln (Victoriasee), das Korallenriff (Admiralitätsinseln), Bergkuppen (Salomoninseln), Felsen und Einzelberge (Nordkamerun), aber auch der Wald selbst (Inland in Melanesien) oder der Sumpf (Sambesi) werden aus diesem Grunde besiedelt und die D. außerdem mit Befestigungen versehen. -Endlich kommen religiöse und hygienische Gründe in Betracht. Bei manchen Völkern muß das D. beim Tode des Häuptlings verlassen, ein neues an anderer Stelle errichtet werden. Die heilig gehaltene Überlieferung beschränkt die Umsiedelung; so muß bei den Makonde (Deutsch-Ostafrika) mindestens eine Wegstunde zwischen den Hütten und der Wasserstelle liegen, da in den Tälern und an den großen Wassern Krankheit und Tod wohnen. Anderwärts führt unmittelbare Beobachtung zum Verlassen eines ungesunden D. - Die Form des D. ergibt sich zu einem großen Teile aus der Form der Hütten. Haben die letzteren einen runden oder elliptischen Grundriß, so hat ihn auch das D., sind sie rechtwinklig gebaut, so entstehen D. mit geraden Grenzen. Diese Regel hat indessen zahlreiche Ausnahmen, von denen die wichtigste durch das Gelände bestimmt wird. In Felsen stehen die Rundhütten dort, wo sich gerade Raum bietet, auf Bergkuppen liegen die rechteckigen Hütten auf der Peripherie eines Kreises oder einer Ellipse (Admiralitätsinseln), Hütten mit elliptischem Grundriß folgen dem Verlauf des Strandes oder eines Weges (Samoa); endlich finden sich allerlei Übergangsformen in den Berührungszonen zweier Baustile. - An Dorfsystemen ergeben sich demnach 3 Formen: Der Rundling, dessen Gehöfte im Kreise um einen Platz liegen (Ostafrika), das Straßendorf (Westafrika, Ozeanien), dessen Hütten sich dem Verlaufe eines Weges anschließen, das Haufendorf, das eine regelmäßige Anlage nicht erkennen läßt. Von wesentlichem Einfluß auf die Form ist auch das Verhältnis zu Besonderheiten der Wirtschaft. Der Viehzüchter umfriedigt einen Raum für das Vieh und baut seine Hütten im Kreise darum (Massai, Herero), der Bauer siedelt inmitten seines Feldes oder legt das D. getrennt von der Pflanzung an. Im ersteren Falle liegen die Gehöfte unübersichtlich (z.B. in Kisiba, Deutsch-Ostafrika) in den aneinanderstoßenden Bananenhainen mit kleinen Pfaden, die zu ihnen führen, so daß nur noch Anklänge an das Straßendorf erscheinen, im letzteren Falle kommen D. zustande, wie die der Fan, in denen jederseits vom Wege Hütte an Hütte stößt und die Felder hinter den Hüttenreihen liegen. Hierher gehören auch zum Teil die Tembendörfer (s. Tembe) Ostafrikas.

Literatur: R. Mahler, Siedelungsgebiet und Siedelungslage in Ozeanien. Intern. Arch. f. Ethnogr., Bd. XI, Suppl. 1898. - A. Schacht - Zabel, Die Siedelungsverlhältnisse der Bantu - Neger. Ebda, Bd. XX Suppl. 1911.

Thilenius.