Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 477 ff.

Duala, 1. Ort, 2. Verwaltungsbezirk und 3. Volksstamm in Kamerun.

1. Der Ort D. ist der Hauptort der Kolonie Kamerun. Die Stadt liegt am Südufer des breiten Kamerunästuars (s. Tafel 75) und besteht aus den Eingeborenendörfern Belldorf, Akwadorf, John - Akwa - Dorf und Jossdorf. Zusammen mit Bonabela (Deidodorf), flußaufwärts gelegen, und Bonaberi (Hickorydorf) auf der gegenüberliegenden Flußseite zählt D. etwa 22 000 farbige Einwohner, die dem D.volk angehören. Die Zahl der Weißen ist 347. Sie war in den vergangenen Jahren, während des Bahnbaus, bedeutend größer. Die Lage D.s im Mangrovegürtel des Kamerunstuars war außerordentlich ungesund. Infolgedessen ist der Sitz der Gouvernementsverwaltung 1907 nach Buea (s.d.) am Abhang des Kamerunbergs verlegt worden. Durch Ausfüllung der Sümpfe und zweckmäßigere Wohnungen und Lebensweise sind die Lebensbedingungen in D. wesentlich günstiger geworden. Die Regieungsgebäude sowie zahlreiche Faktoreien und Wohnhäuser der Weißen liegen auf der Jossplatte, einer ebenen Lateritfläche, die sich 10 m über das Flutniveau erhebt. - D. besitzt einen vorzüglichen Hafen. Früher mußten die Schiffe, einer vorgelagerten Sandbank wegen, auf offener Reede ankern, seit der Ausbaggerung legen sie direkt an der Landungsbrücke an. Die Firma Woermann hat im Hafen ein Schwimmdock. Durch Betonnung und Befeuerung des Fahrwassers ist D. einer der sichersten Hafen der Westküste geworden. Der Handel Kameruns bewegt sich neben Kribi (s.d.) in derHauptsache über D. An reinen Handelswerten ist es jedoch von Kribi überflügelt. Dort überwiegt auch die Ausfuhr, während in D. die Einfuhr im Jahre 1910/11 9,7 Mill., die Ausfuhr 5,7 Mill. betrug. Das Überwiegen der Einfuhr ist auf Kosten der zu den Bahnbauten n ötigen Materialien und der Einfuhr an Bargeld zu setzen. Unter den Ausfuhrprodukten nimmt der Eingeborenenkakao mit 336 981 kg bereits eine namhafte Stelle ein, ein Beweis, daß auch der Plantagenbau der Neger eine Zukunft hat. Die Handelsstraßen nach dem Binnenland werden alle von den eingeborenen Händlern beherrscht. Wichtig sind die Wasserstraßen der Flüsse Mungo, Wuri und Dibamba, die bis zu den Stromschnellen bei ihrem Durchbruch durch die unterste Stufe des Hochlandes schiffbar sind. Mit Edea am Sanaga ist D. durch eine Eisenbahn verbunden. Die Manengubabahn, die das Hochland von Südadamaua erschließen soll, geht vom Hafen Bonaberi, gegenüber D., aus. - D. ist durch ein Unterseekabel mit Bonny im englischen Südnigeria verbunden; eine Telegraphenleitung führt nach Buea, eine zweite nach Kribi. - D. ist Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks. Als solche ist es Sitz eines Bezirksamts, eines Bezirksgerichts, einer Kompagnie der Schutztruppe, eines Artilleriedetachements und der Polizeibehörde. In D. befindet sich das Hauptzollamt, das Hauptpost- und Telegraphenamt, eine Funkentelegraphenstation, ein Hafenamt und eine Reparaturwerkstatt, das Eisenbahnkommissariat, die Bauverwaltung. Für die öffentliche Gesundheit wird gesorgt durch ein Krankenhaus, zwei Regierungsärzte, einen Zahnarzt, ein Lepraheim für Eingeborene, zwei Tierärzte und die obligatorische Fleischbeschau, sowie eine Apotheke. Die sechsklassige Regierungsschule hatte 1910 - 1911 317 Schüler. Die evangelische Basler Missionsgesellschaft, die Missionsgesellschaft der deutschen Baptisten und die katholische Kongregation der Pallotiner unterhalten ebenfalls Schulen und Krankenhäuser. An finanziellen und industriellen Instituten seien erwähnt: die Handelskammer D., die deutschwestafrikanische Bank, eine Ziegelei, Dampfwäscherei, Seifensiederei der deutschen Kautschuk-Aktiengesellschaft. Eine Gesellschaft zur Ausbeutung der unweit D. erbohrten Petroleumquellen mußte wegen Unrentabilität aufgelöst werden. D. fällt auf alten Karten unter dem Namen Kamerun auf, doch benannten es die Eingeborenen schon immer D.

2. Der Bezirk D. ertreckt sich zwischen den Flüssen Mungo und Dibamba bis zur ersten Hochlandstufe und wird von den Stämmen der D., Abo und Babong bewohnt.

3. Die D. sind ein Bantustamm, der seine Wohnsitze am Kamerunästuar, zwischen den Flüssen Wuri und Dibamba hat. Sie sollen vor 7 Generationen aus dem Innern zur Küste vorgedrungen sein und dabei die Bassa landeinwärts gedrängt haben. Nach Pauli zerfallen sie in die 4 Sippen: Bela, Akwa, Elami, Mudere. Bei der Besitznahme Kameruns durch die Deutschen unterstanden die beiden Hälften des Stammes den "Kings" Akwa und Bell (s. d.). Die D. sind fast ausschließlich ein Handelsvolk. Der Ackerbau genügt nur für den eigenen Bedarf, daneben haben sie Kleinvieh und treiben Eschfang. Vor der Aufhebung der Sklaverei waren die D. vor allem Sklavenhändler, jetzt vermitteln sie den Handel mit Elfenbein, Gummi und Palmöl zwischen dem Hinterland und der Küste. Die D. beherrschen die sämtlichen Handelswege am Kamerunästuar ins Innere, und es ist noch nicht gelungen, ihnen ihr Monopol zu entreißen. Ihre Niederlassungen ziehen sich tief ins Land hinein an den Flüssen hin und sind kenntlich an der Vorsilbe "Bona", die "Sippe" bedeutet. Ihr Hauptdepot ist Bonapuba, unterhalb der Schnellen des Dibamba. - Die D., die noch vor einem halben Jahrhundert dem ärgsten Götzendienst und Kannibalismus huldigten, haben auffallend stark die europäische Zivilisation angenommen. Die Klasseneinteilung in Freie, Hörige und Sklaven hat aufgehört, viele D.sklaven sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Hauptort des D.landes ist D., am Südufer des breiten Kamerunästuars (s. d.). In dem ursprünglichen Kulturbesitz der D., soweit er sich noch erhalten hat oder wenigstens noch in Spuren nachzuweisen ist, sind folgende Züge besonders charakteristisch. Zunächst die außerordentliche Geschicklichkeit zu Wasser. In der älteren Literatur über die D. kommt immer wieder die Bewunderung der Reisenden über die Eleganz der Boote wie auch ihre Handhabung zum Ausdruck. Diese Boote sind Einbäume von oft bedeutenden Abmessungen, bis 25 m lang, bei einer Breite von 1,70 m. Sie sind im Querschnitt halbrund, ohne Kiel und, wie auch die Paddelruder, fast immer sehr lebhaft mit europäischen Farben bemalt (s. farbige Tafel Kamerun Abb. 6 u. 7). Bewegungsart ist das Paddeln, also das Stechen des Ruders in die Flut ohne Zuhilfenahme eines festen Drehpunktes am Boot selbst. Bei der stets sehr dichten Bemannung (50-60 Mann bei den größten Exemplaren) ist die Geschwindigkeit bedeutend, größer oft als die einer europäischen Pinasse oder Barkasse. Zum Boot gehört stets auch ein sehr phantastisch aussehender Schnabel, der mannigfache Tiere in verschiedenen Stellungen enthält, deren symbolische Bedeutung von Leo Frobenius zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht worden ist. - Berühmt sind die D. auch durch die Art und die hohe Ausbildung der Trommelsprache. Abb. 24 der Tafel 86 zeigt eine solche Sprechtrommel. Diese ist aus einem zylindrischen Rotholzblock von verschiedener Dicke und Länge gearbeitet. Bei den Kriegs- und Todestrommeln (die bei Todesfeierlichkeiten gebraucht werden) beträgt die Länge etwa 1,70 m, die Dicke 0,80 m, bei den gewöhnlichen Trommeln 50 und 25 cm. In einer Längslinie des Zylinders befinden sich zwei Schlitze, von denen aus das Innere ausgehöhlt worden ist. Zwischen diesen Schlitzen ragt je eine Zunge nach der Mitte zu vor, zwischen denen ein feinerer Schlitz die Trennungslinie bildet. Wesentlich ist die ungleiche Stärke der Trommelwände, von denen die dünnere naturgemäß den helleren, die dickere den tieferen Ton ergibt. Geschlagen wird die Trommel auf den beiden Wulsten zu beiden Seiten der Zungen mit kurzen Holzschlägeln. Der flach auf dem Boden sitzende Trommler legt das Instrument dabei quer über die Füße. Größere Trommeln werden auf besondere Gerüste, "Palaverstühle", gestellt. Nicht jeder D. ist der Trommelsprache mächtig; fast jeder sucht sie zu erlernen, doch erlahmen die meisten dabei. Dafür hat jeder D. neben seinem gewöhnlichen Namen einen oder mehrere Trommelnamen, die für die betreffende Person und ihre Eigenschaften bezeichnend sind (Zweifler, Spötter, Schlaukopf, der Kampfbereite usw.). Auch jeder bekanntere Europäer des Landes wird durch solch einen Trommelnamen bezeichnet. Getrommelt wird bei jeder Gelegenheit, doch bevorzugt man naturgemäß die ruhigen Stunden des Abends, der Nacht oder des Morgens, um den Schall recht weit dringen zu lassen. Die Trommelsprache setzt die Zerlegung der gewöhnlichen Sprache in Laute voraus, die auf der Trommel hervorzubringen sind. Das sind, wie gesagt, tiefere und höhere. Diese werden denn auch in der dem zu trommelnden Begriff entsprechenden Reihenfolge zum Ertönen gebracht. Interessanterweise haben die D. die Trommelsprache auch in eine Mundsprache in der Weise übertragen, daß sie die tiefen Trommeltöne durch die Sprachsilben to, go, ko, Lo, die hohen durch gu, ku, lu, u wiedergeben. So bedeutet der Ausspruch kolo kulu togologuku loguloto nichts anderes als die Worte na mapula da = ich will essen, indem kolo kulu gleich ist dem Ausdruck na mapula, ich will, wünsche, während der Rest identisch ist mit der Silbe da, essen, die Speise. Ein weiterer bedeutsamer Charakterzug der D. war und ist zum Teil noch heute ihre Neigung zum Geheimbundwesen mit allen seinen Folgeerscheinungen. Dieses Geheimbundwesen ist bei vielen Naturvölkern festgestellt worden, wie es sich ja auch bis zu den Trägern höchster Kultur hinaufgerettet hat, doch besitzt es sozusagen sein Dichtigkeitsmaximum gerade im Küstengebiet Kameruns und insonderheit bei den D. und ihren Nachbarn. Die Grundlage des Ganzen sind hier wie anderwärts Zauberglaube, Animismus und Manismus, d. h. die Absicht, dem Nächsten durch die eigne Zauberkraft, mit Hilfe der beseelt gedachten Natur und der Seelen der Verstorbenen zu schaden, sich selbst zu nützen, kurz, sich selbst gewissermaßen selbst übernatürliche Kräfte zu verschaffen. Name der Geister ist Losango. Dieser Ausdruck ist weiterhin auf die Objekte übertragen worden, in denen die Geister wohnen. Schließlich bedeutet Losango die Gesamtheit aller Wissenden, also aller Geheimbundmitglieder selbst. Der reale Endzweck der Bünde ist Einschüchterung, Ausbeutung und Unterdrückung aller Nichtmitglieder und der Frauen. Häufig stehen sie im Dienst der Häuptlinge, die dadurch ihre Macht zu vergrößern suchen. Die Vereine haben. verschiedene Masken, mit denen sie ganze Tänze aufführen, Umzüge veranstalten, das Volk schrecken usw. (s. farbige Tafel Kamerun I Abb. 1 (Geheimbundmaske), 2 (Geheimbundmaske), farbige Tafel Kamerun II Abb. 4 (Tanzmaske), 7 (Jujukopf), 9 (Kopfaufsatz), 11 (Tanzmaske), 12 (Tanzmaske) und Tafel 86, Abb. 3). Diese Masken gelten dabei als zeitweilige Aufenthaltsorte der betreffenden Geister. Aufnahme in die Bünde erfolgt nur nach einer gewissen Lehrzeit und unter oft grausamen Abschlußprüfungen, sowie gegen Geldzahlungen von bestimmter Höhe. Es gibt Geheimbünde für Freie und Sklaven; auch das weibliche Geschlecht hat sich in ihrer Bildung versucht. Geheimbünde der Freien sind oder waren: Elong, Mungi, Ekongolo, Ojengu, Njo, Ngwa, Panga. Der Ekongolo stammt wahrscheinlich aus dem Abolande; er wohnt in einem mehrere Meter hohen Aufbau von Palmrippen, der außen und innen mit buntfarbigen europäischen Stoffen und Flitterwerk bekleidet ist (s. farbige Tafel Kamerun Abb. 4). Der Geist Ekongolo ist nur nachts in diesem Gebäude anwesend. Dann sitzt ein Wissender im Innern, der gegen entsprechendes Honorar weissagt, Recht spricht u. dgl., und der zur Bekräftigung seiner Entscheidungen und Aussprüche mittels verborgener Fäden die außen am Fetisch angebrachten Schirme sich öffnen und schließen, die Schwimmvögel mit den Köpfen nicken läßt u. a. m. König Bell (s,. d.) baute für den Ekongolo ein eigenes Haus, zu dem er Eintritt nur gegen bestimmte Gebühren gewährte. Nach seinem Tode ist dem Geheimbundwesen seitens der Deutschen nachhaltig entgegengetreten worden. Über die Sprache der D. s. Dualasprache.

Passarge - Rathjens.