Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 485

Dysenterie oder Ruhr. 1. Vorbemerkung. . Die bazilläre D. (Bazillenruhr). 3. Die Amöben - D. (Amöbenruhr). 4. Behandlung der D.

1. Vorbemerkung. Der Name (= Darmstörung) weist auf das Wesen der seit dem Altertum bekannten Krankheit hin; man versteht unter D. eine mit Ausscheidung von Schleim und Blut verbundene Erkrankung des Darmes. Die D. ist keine einheitliche Krankheit; vielmehr haben klinische Erfahrung und wissenschaftliche Erforschung zu dem Ergebnis geführt, daß man zwei nach Ursache und Krankheitserscheinungen verschiedene dysenterische Erkrankungen annimmt, nämlich die bazilläre und die Amöben - D.

2. Die bazilläre D. (Bazillenruhr). Die bazilläre Ruhr ist gegenüber der Amöbenruhr gekennzeichnet durch ihr Vorkommen in allen Zonen, auch außerhalb der Tropen, durch ihre Entstehung durch Infektion mit einem Bazillus (richtiger einer Gruppe von sich nahestehenden Bazillenarten, deren jede Bazillen - D. erzeugen kann), durch den klinischen Verlauf, und endlich den pathologisch -anatomischen Befund. Die Bazillenruhr hat bei ihrem Vorkommen in allen Weltgegenden eine ausgesprochene Neigung zu epidemischem Auftreten; es werden häufig Bazillenruhrepidemien in Gefängnissen, an Bord von Schiffen, auf militärischen Expeditionen beobachtet, besonders da, wo die allgemeinhygienischen Verhältnisse ungünstig sind, wo insbesondere Schmutz des Körpers, der Kleidung und der Nahrung herrschen. Der Erreger der Bazillenruhr ist ein kurzes, unbewegliches Stäbchen, das auf künstlichen Nährböden charakteristische Wachstumseigenschaften aufweist und das mit dem Serum des Erkrankten und Rekonvaleszenten typische Immunitätsreaktion (Agglutination, d. h. Zusammenballung der der Wirkung des Immunserums ausgesetzten Bazillen zu klumpigen Anhäufungen) ergibt. Man kennt mehrere einander verwandte Ruhrbazillenarten. Der längst bekannte ist der Bazillus Kruse - Shiga, so genannt nach seinen Entdeckern. Eine andere Ruhrbazillenart wurde von Flexner beschrieben. Neuerdings wird noch ein Typus Y (Kruse) und ein Typus Strong unterschieden. Die Unterscheidungsmerkmale der einander verwandten Ruhrarten sind einerseits Abweichungen in den Wachstumseigenschaften auf Nährboden und andererseits Verschiedenheit in dem Grade der Giftproduktion der Bazillen. Auch die Immunitätsvorgänge im Blutserum der Erkrankten ermöglichen eine Unterscheidung der verschiedenen Arten von Ruhrbazillen. Die Ruhrbazillen können auf Versuchstiere übertragen werden, welche unter Vergiftungserscheinungen zugrunde gehen; es ist bemerkenswert, daß bei diesen Übertragungsversuchen die Infektion durch den Darmtrakt (Verfütterung) nicht gelingt, sondern nur durch die subkutane oder intraperitoneale Einverleibung. - Die Art der Übertragung ist teilweise die der Kontaktinfektion, d. h. durch Berührung von Mensch zu Mensch, insbesondere durch Übertragung von infektiösem Material, das aus den Darmentleerungen der Ruhrkranken stammt, teilweise erfolgt die Infektion durch infiziertes Wasser (explosionsartiges Auftreten in Heeren, Gefängnissen usw.), endlich kommt auch die Übertragung durch Fliegen in Betracht. - Die klinischen Erscheinungen der bazillären Ruhr sind folgende. Nach einer Inkubation (Zeit vom Augenblick der Infektion an bis zum Ausbruch der ersten Krankheitserscheinungen) beginnt Durchfall, der zunächst nichts Auffallendes hat, aber sehr bald zunächst schleimige dann blutige Beimengungen aufweist. Dabei ist gewöhnlich ein mäßiges Fieber vorhanden, das jedoch auch fehlen kann. . Die Entleerungen des Darmes werden immer häufiger und sind in charakteristischer Weise schmerzhaft. Vor und nach der Entleerung besteht Schmerz im Alter, der den Charakter des Stuhlganges (Tenesmus) hat und der das Befinden des Erkrankten in den schwereren Fällen sehr qualvoll gestaltet. Die Zahl der Entleerungen kann erstaunliche Höhe erreichen, derart, daß die Kranken unter dem Einfluß des geschilderten Stuhlzwanges überhaupt vom Klosett bzw. dem Stechbecken kaum herunterkommen. Dabei besteht lebhaftes Durstgefühl, während der Appetit darniederlegt und nicht selten Brechneigung besteht. Die Zunge ist belegt, der Leib aufgetrieben und in der Gegend des absteigenden Dickdarmteiles (linke Seite des Bauches) druckempfindlich. Unter dem Einfluß des Reizes der gehäuften Entleerungen bildet sich nicht selten eine entzündliche Reizung der Umgebung des Alters aus, und in manchen Fällen, besonders bei kleinen Kindern, kommt es dabei zu einem Vorfall (Prolaps) der Mastdarmschleimhaut. - In schwersten Fällen von, bazillärer Ruhr nimmt die Krankheit von vornherein ein bedrohliches Aussehen an. Es kommt zur Entleerung von brandigen Fetzen (brandig gewordene Teile der Dickdarmschleimhaut). Der Stuhlgang hat dabei einen aashaften Gestank. Der Puls wird klein und stark beschleunigt. Die Körperwärme sinkt unter die Norm und - gewöhnlich gegen Ende der zweiten Woche nach Beginn der Erkrankung - erfolgt der Tod unter den Zeichen von Erschöpfung. In manchen - schweren - Fällen kommt es zu das Leben bedrohenden Blutungen aus wunden Teilen der Darmschleimhaut. Eine andere noch gefährlichere Komplikation der Bazillenruhr ist das Eintreten einer Bauchfellentzündung, welche dadurch zustande kommt, daß Geschwüre bis zum Bauchfellüberzug des Darmes in die Tiefe wuchern. - Pathologisch - anatomisch ist die bazilläre Ruhr ausgezeichnet durch eine in den leichteren Fällen katarrhalische, in den schwereren diphtherische Entzündung der Schleimhaut des Dickdarms und der unteren Partien des Dünndarms. An Stellen, an denen diese Entzündung die Schleimhaut zerstört, bilden sich Geschwüre, die durch ihre flache Beschaffenheit gegenüber denen der Amöbenruhr gekennzeichnet sind. Die diphtherische Entzündung der Schleimhaut führt zur Auflagerung diphtherischer, fibrinhaltiger Membranen auf der erkrankten Schleimhaut, die das Aussehen von grauen Schorfen und von kleienartigen Belegen haben. Die Heilungsvorgänge machen sich bemerkbar durch Bildung von Narben, die nicht selten zu Verengerungserscheinungen des Darmes Veranlassung geben. Auch die erwähnte Beteiligung des Bauchfelles an der Erkrankung kann zu Verwachsungen und Verengerungen des Darmes Veranlassung geben. - Die Behandlung wird bei Besprechung der Behandlung der Amöbenruhr (s. u.) mit erörtert werden. - Die Prophylaxe besteht in Absonderung der erkrankten Personen von Gesunden; die Infektionsgefahr haftet besonders an den Darmentleerungen, weshalb eine Desinfektion dieser Entleerungen durchzuführen ist. Die Stuhlgänge müssen in den Gefäßen bzw. Klosetts, in die sie entleert sind, mit Lysol, Kresolwasser oder Kalkmilch übergossen werden. Die Personen, welche die Gefäße, in denen sich die Entleerungen befinden, angefaßt haben, müssen die Hände nach dem Anfassen in desinfizierender Lösung waschen. Das gleiche ist erforderlich nach Berührung der Leib- und Bettwäsche des Kranken, sowie nach jeder Handreichung, welche zu einer Berührung des Kranken geführt hat. Sehr wichtig ist möglichste Fernhaltung von Fliegen. Wasser soll, wo Ruhrgefahr droht, nur in abgekochtem Zustande genossen werden. Von großer Bedeutung ist in Truppenlagern für die Vermeidung der Ruhrgefahr die hygienische Anlage der Klosetts.

3. Die Amöben - D. (Amöbenruhr). Die Amöbenruhr hat mit der Bazillenruhr viel Gemeinsames. Auch sie ist klinisch durch die Ausscheidung blutig-schleimiger Massen aus dem Darm gekennzeichnet. Von der oben beschriebenen Bazillenruhr unterscheidet sie sich durch folgende Merkmale:

a) Klinisch. Der Beginn der Erkrankung ist weniger stürmisch. Es besteht ausgesprochene Neigung zu jahrelang wiederkehrenden Rückfällen. Häufig ist Leberabszeß als Komplikation der Erkrankung zu beobachten. -

b) Ätiologisch. Die Amöbenruhr wird nicht durch einen Bazillus sondern durch Amöben (s. d.) hervorgerufen (s. farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten II Abb. 9). -

c) Epidemiologisch. Die Amöbendysenterie tritt nicht in Form von sich rasch verbreitenden Epidemien, sondern in einzelnen Fällen auf, deren Zusammenhang häufig auf Kontaktinfektion zu beziehen, häufig aber ganz ungeklärt ist. -

d) Pathologisch - anatomisch. Die Amöbenruhr ist charakterisiert durch einen Geschwürsprozeß, der sich vorwiegend in den tieferen Partien der Schleimhaut (submucosa) abspielt und ausbreitet. -

Die Symptome der Amöbenruhr haben zu Beginn der Krankheit große Ähnlichkeit mit denen der Bazillenruhr, nur ist der Anfang gewöhnlich ein allmählicher, schleichender; der Stuhlgang wird diarrhöisch, und es kommt zu blutig - schleimigen Beimengungen zum Stuhlgang, gewöhnlich ist ein Teil des Stuhlganges bei Amöbenruhr auch auf der Höhe der Erkrankung fäkulent (kotig), und Blut und Schleim finden sich nur als Beimengungen dazu, im Gegensatz zur Bazillenruhr, bei welcher die gesamte Darmentleerung auf der Höhe der Erkrankung blutig - schleimig zu sein pflegt, ohne fäkulente Bestandteile. Nachdem die akuten. Erscheinungen abgelaufen sind, bleiben gewöhnlich noch lange geringe Beimengungen von Schleim bestehen, in denen häufig auch Amöben noch nachgewiesen werden können. Der Kranke fühlt sich dabei ganz wohl, nimmt an Gewicht wieder zu und hält sich für geheilt, bis es zu einem Rückfall kommt. Rückfälle sind bei Amöbenruhr außerordentlich häufig. So schnell und leicht die Krankheit in den meisten Fällen bei geeigneter Medikation und Diät zu schwinden pflegt, so hartnäckig rezidiviert sie und zwar oft auf Jahre hinaus. Gewöhnlich findet man bei der Untersuchung eines an Amöbenruhr kranken Menschen den Dickdarm druckempfindlich; insbesondere pflegt der absteigende Ast als verdickter druckempfindlicher Strang in der linken Bauchseite fühlbar zu sein. In schweren Fällen, wie man sie namentlich bei Eingeborenen zu sehen bekommt, gehen brandige Schleimhautfetzen mit den aashaft stinkenden Darmentleerungen ab, und es tritt unter den Zeichen schwerster Erschöpfung der Tod ein. Blutungen aus dem Darm kommen bei Amöbenruhr nicht selten dadurch zustande, daß ein Blutgefäß durch ein Darmgeschwür angefressen und eröffnet wird; diese Blutungen sind, wenn sie stark sind, lebensgefährlich. Eine andere das Leben gefährdende Komplikation der Amöbenruhr ist die durch Tieferwuchern der Geschwüre bis zum Bauchfell drohende Bauchfellentzündung, die häufig Todesursache wird. Die häufigste und wichtigste Komplikation der Amöbenruhr ist jedoch der Leberabszeß, über welchen an anderer Stelle berichtet wird (s. d.). - Pathologische Anatomie. Die Amöbenruhr verursacht Darmgeschwüre im Bereiche des Dickdarmes und der unteren Teile des Dünndarmes. Diese Geschwüre sind dadurch ausgezeichnet, daß sie unterminiert sind, daß sie nicht flach wie die Geschwüre der Bazillendysenterie sich ausbreiten, sondern in Gestalt einer bauchigen Flasche mit schmalem Halsteile in die Tiefe und Breite weiterwuchern. Ihr Ausbreitungsgebiet ist die tiefere Schleimhautschicht - die Submukosa. In dieser kriecht die Zerstörung weiter, und zwar befinden. sich die Amöben an den peripheren Partien derselben; sie dringen als Pioniere, in das gesunde Darmgewebe ein, und die Zerstörung (Nekrose) folgt ihnen. Dabei ist der Entzündungsgrad des Gewebes nur ein geringer, bei weitem nicht so stark. wie bei der bazillären Dysenterie. Mikroskopisch findet man nekrotische Zerstörung des Gewebes, umgeben von einer nur schmalen Zone kleinzelliger Infiltration und diese umgeben von den Reihen der in das zerstörte Gewebe eingedrungenen Amöben.

4. Behandlung der D.

1.Allgemeine Behandlung nicht spezifischer Art. Erste Regel bei Behandlung einer akuten Ruhr, mag sie nun bazilläre oder Amöbenruhr sein, ist Bettruhe und Anordnung rein flüssiger Diät. Bei Befolgung dieser Anordnung heilen viele Fälle von Dysenterie aus, ohne daß irgendwelche weitere Medikation gereicht wird. Der Umstand, daß Heilung bei Befolgung von Bettruhe und der Darreichung nur flüssiger Speisen häufig spontan erfolgt, ist Veranlassung geworden, Arzneimitteln, die gleichzeitig gereicht wurden, die Wirkung spezifischer Mittel zuzuschreiben, während in Wirklichkeit die Heilung eine Spontanheilung unter dem Einflusse richtiger Diät und Bettruhe war. Solcher fälschlich als Spezifika angesehener Mittel ist eine große Zahl. Es soll damit nicht gesagt sein, daß diese Mittel nicht einen günstigen Einfluß auf den Ablauf der Krankheit haben, doch ist von einer spezifischen Wirkung etwa im Sinne von Chinin bei Malaria nicht die Rede. Solcher Mittel sind: Calomel, Ipecacuanha (emetinfrei), salinische Abführmittel (magnes. sulfur., Karlsbader Salz), Tannin, Simarubarinde, Granatwurzelrinde, Antidysentericum Schwarz u. a. Neben diesen innerlich verabreichten Mitteln spielen Spülungen des erkrankten Darmes mit antiseptischen Lösungen eine große Rolle. Diese Spülungen werden mit dem Irrigator gemacht. Die Spülflüssigkeit gelangt - unterstützt durch geeignete Lagerung des Körpers - bis hoch hinauf in den Dickdarm. Als Spülflüssigkeiten kommen in erster Linie in Betracht Tanninlösung 0,5 %, Kreosotlösung 0,5 % oder einfache Kochsalzlösung. Auch Jodoformklystiere in Gestalt von Einspritzungen von Jodoformglyzerin oder - öl zeitigen bisweilen gute Ergebnisse. Um 'den erkrankten Darm zeitweise von der Stuhlpassage zu entlasten und die antiseptischen Spülflüssigkeiten unmittelbarer einwirken zu lassen, hat man für verzweifelte Fälle sogar die Anlage eines künstlichen Afters in Höhe des Blinddarms (Coecostomie) vorgeschlagen. Es sind eine ganze Reihe günstiger Ergebnisse mit dieser Operation erzielt worden. -

2. Spezifische Behandlung.

a) Bazilläre Ruhr. Für die bazilläre Ruhr sind entsprechend den durch die Infektion mit den Ruhrbazillen eintretenden Immunitätsvorgängen Heilsera hergestellt und zwar für jede ätiologisch in Frage kommende Bakterienart. Wir haben es also zu tun mit mehreren Ruhrheilseris, von denen das Serum Kruse - Shiga und das Serum Flexner die wichtigsten sind. Die Sera werden gewonnen durch Immunisierung von Pferden mit abgetöteten Kulturen. Das Immunstoffe enthaltende Pferdeserum wird den Menschen zu Heilzwecken oder prophylaktisch eingespritzt. Die Heildosis beträgt beim Kruse - Shiga - Serum 20 - 30 cbcm. Durch die Serumbehandlung ist bei Epidemien eine beträchtliche, Herabsetzung der Sterblichkeit an der Krankheit erzielt worden, Auch die subjektiven Beschwerden nehmen unmittelbar nach der Einspritzung ab. Häufig treten nach den Einspritzungen leichte Nebenwirkungen mit Muskelschmerzen und Hautreizungserscheinungen auf. Die für die Prophylaxe erforderliche Serumdosis ist wesentlich niedriger als die für die Heilwirkung. Es genügen im allgemeinen 5 ccm für die prophylaktische Serumwirkung. -

b) Amöbendysenterie. Ein spezifisches Serum wie bei der bazillären Dysenterie ist für die Amöbendysenterie nicht möglich. Die oben für die allgemeine Behandlung der Ruhr angeführten Medikamente haben ihre günstige Wirkung auch bei Amöbendysenterie bewährt ohne daß man von einem einzelnen mit Sicherheit sagen könnte, es liege eine spezifische Wirkung vor. Am nächsten kommt dem erstrebten Ziele der spezifischen Behandlung die Simarubarinde, die eine zweifellos günstige Beeinflussung des Krankheitsbildes in Kürze erkennen läßt. Die neuerdings für die Uzarawurzel behauptete spezifische Wirkung auf die Amöben des Darmes scheint sich nicht zu bestätigen. Zu erwähnen ist noch die in allerletzter Zeit erfolgte Empfehlung des Emetins für die Amöbendysenterie durch Rogers, über welche bereits mehrere günstige Urteile vorliegen.

Werner.