Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 501

Ehrenrechte bei Eingeborenen. Die gesellschaftliche Stellung bedarf des äußeren Kennzeichens, das, aus Vorrechten hervorgegangen sein mag, die man dem Ältesten der Familie, dem Reichen, dem Angesehenen einräumte. Bei dem sehr ausgebildeten Sinn der Naturvölker für gesellschaftliche Unterschiede und ihrer Vorliebe für Äußerlichkeiten sind die E. sehr mannigfaltig ausgebildet. E. beansprucht z. B. ein Stamm vor einem anderen, der politisch abhängig ist (die Leute von Uluthi [Karolinen] müssen den mit einer Fregattvogelschwinge geschmückten Kamm ablegen, wenn sie nach Truk kommen). Innerhalb des Stammes hat der Häuptling, der Sippenälteste, E., aber auch den Angehörigen des Adels, eines Klubs oder Geheimbundes stehen nach ihrem Range abgestufte E. zu. - E. erscheinen zunächst auf dem Gebiete des Schmuckes, der in bestimmten Arten und Formen nur von bestimmten Klassen getragen wird; ferner kann die Benutzung gewisser Waffen und Geräte, die dann entsprechend ausgestattet werden, aber oft genug ihre praktische Verwendbarkeit einbüßen, zum E. werden. Die Gegenstände selbst werden damit zu Abzeichen und Hoheitszeichen. Eine andere Reihe von E. ergibt sich dadurch, daß die Wohnung des Höherstehenden stets an einer besonderen Stelle der Siedelung, größer und mit ihm allein zustehenden Verzierungen errichtet wird; in dem Versammlungs- oder Familienhause, dem Boote werden dem Höheren bestimmte Plätze angewiesen. Wieder andere E. entstehen auf dem Gebiete der Zeremonien; die Unterhaltung des heiligen Feuers, die Aufführung von Tänzen, die Herstellung bestimmter Geräte usw. werden zu E. einzelner Personen oder Gruppen. Endlich bestehen E. auf wirtschaftlichem Gebiete. Die Pflanzung des Höheren wird zuerst bestellt, beim Mahle stehen dem Häuptlinge besondere Stücke des Tieres oder Menschen zu, nach ihm den übrigen Rangstufen. Er erhält Abgaben von den Ergebnissen der Jagd und des Fischfanges, die ihm feierlich überreicht werden, worauf er sie häufig verteilt. Doch ist hier auch der Übergang zu regelmäßigen Abgaben, die das Einkommen des Häuptlings bilden, gegeben.

Thilenius.