Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 503 f.

Eid. Die Bedeutung des E. liegt in erster Linie auf religiösem Gebiete. Rechtliche Bedeutung hat der E. nur da, wo er vor der zuständigen Behörde und unter Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften abgeleistet wird. Die Verletzung der Eidespflicht wird unter den gesetzlich bestimmten Voraussetzungen als Meineid bestraft (§§ 153 ff RStGB.). Die häufigste Art der Anwendung des E. ist die bei der Vernehmung als Zeuge oder Sachverständiger in Angelegenheiten der Gerichtsbarkeit über Weiße namentlich im Zivilund Strafverfahren, in dem jeder Zeuge und Sachverständige, soweit nicht ein anderes bestimmt ist, zu beeidigen ist. Die Vereidigung geschieht im Zivilprozeß regelmäßig nach der Vernehmung (Nacheid, § 392 ZPO.), im Strafprozeß vor der Vernehmung (Voreid, § 60 StPO.). Wegen der unbeeidigt zu vernehmenden Zeugen (Personen unter 16 Jahren, sog. Eidesunmündige, ferner wegen Bestrafung Eidesunfähige, nahe Verwandte, am Rechtsstreit interessierte Personen, Mittäter usw.) vgl. § 393 ZPO., § 56 StPO. Im Zivilprozeß kommen außerdem vor: der Parteieid, der von der Gegenpartei zugeschoben oder als richterlicher E. auferlegt sein kann (§§ 390 - 392, 410, 445 ff, 473 ZPO.), der Editionseid (§ 426 ZPO.), d. i. die eidliche Versicherung einer Partei, daß sie nicht im Besitze einer Urkunde sei, die als Beweismittel gebraucht werden soll, und der Offenbarungseid (§§ 807, 883 ZPO., § 125 KO., §§ 259, 260, 2006, 2028, 2057 BGB.), d. i. die eidliche Erhärtung des Vermögens, des Nichtbesitzes einer Sache usw. In Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit finden die Vorschriften der ZPO. über das Verfahren bei der Abnahme von E.en entsprechende Anwendung (§ 15 RG. vom 17. Mai 1898). Personen, welche der deutschen Sprache nicht mächtig sind, leisten Eide in der ihnen geläufigen Sprache (§ 190 GVG.). Die Eingeborenen werden, soweit nicht der Bildungsgrad eines Einzelnen eine Ausnahme zuläßt, oder es sich um Angehörige höherstehender Rassen (z.B. Inder und Araber) handelt, als eidesunfähig erachtet, da sie von dem Wesen und der Bedeutung des Eides keine richtige Vorstellung haben. Mit Rücksicht hierauf ist in Angelegenheiten der Eingeborenen - Gerichtsbarkeit die Anwendung des E.s im allgemeinen überhaupt nicht üblich, so daß auch Weiße, die in solchen als Kläger, Zeugen oder Sachverständige auftreten, nicht vereidet werden. Über Ausnahmen (z. B. in Fällen, wo eine Zeugenaussage im Auslieferungsverfahren erwartet werden soll oder höherstehende Farbige beteiligt sind, deren Rechtsanschauungen eine Vereidigung angebracht erscheinen lassen) entscheidet mangels ausdrücklicher, Vorschriften das richterliche Ermessen. In Deutsch - Neuguinea sind nach der V. vom 21. Okt. 1888 (KolGG. 1, 655) weiße Zeugen in Strafsachen gegen Eingeborene durch Handschlag der Eidesformel entsprechend zu verpflichten. Falls die Aussage nicht für gewissenhaft, aber für wesentlich erachtet wird, kann der Bezirksrichter um die eidliche Vernehmung des Zeugen ersucht werden. In Kiautschou ist nach der GouvV. vom 15. April 1899 (MVBl. S. XXV) in Chinesensachen die Vereidigung von Nichtchinesen als Zeugen in das Ermessen des richterlichen, Beamten gestellt. In allen Prozessen, in denen Nichtchinesen beteiligt sind, findet das für diese geltende Recht auch auf Chinesen Anwendung. - Der E. dient ferner zur Verpflichtung des Beamten auf die Erfüllung der Obliegenheiten des ihnen übertragenen Amtes (Diensteid). Die in den deutschen Schutzgebieten angestellten Beamten, welche nicht lediglich Reichsbeamte sind, haben nach der Allerh. V. vom 4. Sept. 1892 den Diensteid in folgender Form zu leisten: Ich N. N. schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser treu und gehorsam sein, meine Dienstpflichten nach Maßgabe der Gesetze und der mir zu erteilenden Instruktionen treu und gewissenhaft erfüllen und das Beste des Reichs und. seiner Schutzgebiete fördern will, so wahr mir Gott helfe usw. Bezüglich der Beeidigung der Gerichtspersonen in den Schutzgebieten - der Richter und Gerichtsschreiber, soweit sie nicht schon einen E. als kaiserlicher Beamter geleistet haben, sowie der Notare - ist für die afrikanischen und Südseeschutzgebiete Bestimmung getroffen durch die V. des RK. vom 25. Dez. 1900 / 8. Mai 1908 (§§ 13, 6, 2, 32). Für Kiautschou vgl. bezüglich der Beisitzer und Gerichtsschreiber §§4 u. 6 der Dienstanweisung vom 23. Okt. 1907 (Amtsbl. S. 325), bezüglich der Richter über Chinesen (Bezirksamtmänner) § 3 der V. des Gouverneurs vom 15. April 1899 (MVBl. S. XXV).

Gerstmeyer.