Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 504

Eid bei Naturvölkern. Als feierliche Beteuerung einer Aussage findet sich der E. als Voreid, um für die Zukunft eine Handlung oder ihre Unterlassung zu versprechen, und als Nacheid, um zu bekräftigen, daß eine Handlung begangen oder unterlassen wurde. Dem Voreide zuzurechnen sind Friedensgelöbnisse, Bundes- und Freundschäftseide, Gehorsams- und Verlassungseide, endlich die E., die etwa beim Abschlusse eines Kaufs oder Vertrages von den Beteiligten geschworen werden. Der Nacheid ist der Regel nach ein Reinigungs- oder Unschuldseid des Angeklagten. Die Anrufung eines höheren Wesens beim E. bezweckt dessen Äußerung über die Wahrheit der Aussage oder die Glaubwürdigkeit des Versprechens; der E. wird daher als heilige Handlung angesehen und an heiliger Stätte oder vor dem Priester geschworen. Im Bereich der monotheistischen Religionen wird Gott angerufen; in dem der polytheistischen nicht nur die oberste oder Spezialgottheit, sondern oft eine bestimmte Lokalgottheit; in dem der primitiven Religionen stehen in erster Linie die Ahnengeister, d. h. die als nach dem Tode fortlebend gedachten Seelen der verstorbenen Familien- und Stammesangehörigen. Man schwört daher in Afrika bei dem Namen eines Verstorbenen oder bei seinem Grabe, bei heiligen Gegenständen, die zur Eidesleistung dem Grabe entnommen und nachher wieder dorthin gebracht wurden. Auch die Seelen verstorbener Herrscher, hervorragender Männer oder selbst Feinde können angerufen werden statt der der Blutsverwandten. Der in Despotien vorkommende Schwur bei dem Herrscher i st vielleicht hierher zu rechnen, da der Herrscher seiner Macht nach als den Geistern verwandt angesehen werden kann oder zum Hort des Schwures geeignet erscheint. In manchen E.formen hat der Schwörende einen Einsatz zu leisten, den er für den Fall des Meineides zu verlieren bereit ist. So schwört der Hottentotte bei seiner ältesten Schwester, der Salomonier bei seiner Schwester oder Mutter. Sie setzen dabei das Teuerste, ihre Familie, zum Plande. - So weit erscheint der E. mit dem Gottesurteil (s. d.) verwandt und nur insofern von ihm verschieden, als beim Gottesurteil ein augenblickliches Eingreifen erwartet wird, während beim E. eine längere Zeit zwischen dem Schwur und der göttlichen Strafe verstreichen kann. Der indische Bhil stellt daher beim Schwur eine schriftliche Bestätigung aus, in der er sich für schuldig erklärt, falls ihm oder seiner Familie innerhalb einer bestimmten Frist etwas zustößt. Der E. ist indessen last regelmäßig mit Handlungen verbunden, die aus dem Animismus (s.d.) oder Manismus (s.d.) nicht ausreichend erklärt werden können. Sie weisen vielmehr auf eine viel frühere Stufe zurück, in der allein der Zauberglaube herrschte. Vor allem ist es der Analogiezauber, der noch heute von größter Bedeutung ist und auch den E. beeinflußt. Das Vergraben zweier Gewehre beim Friedensgelöbnis (Kurankogebiet) oder das Niederlegen eines von beiden Parteien gemeinsam geflochtenen Kranzes als Opfergabe (Hawaii), gemeinsame Mahlzeiten beim Friedensschluß, die Verrichtung von Menschen- oder Tieropfern, gehen auf den Analogiezauber ebenso zurück wie etwa der E. des Suaheli, der beim Schwur eine Kokosnuß in der Moschee zerwirft mit dem Ausrufe: "Wenn ich lüge, so möge ich zerschellen wie diese Nuß." Zauberisch wirken Erde, Salz, Blut, Speichel, Kot, die bei E. verwandt werden, und auch die E.formel selbst ist auf präanimistischer Stufe eine selbständig wirkende Substanz, so daß schon das Aussprechen des Namens das betreffende Objekt beeinflußt. Auch das Trinken des E.wassers, das durch bestimmte Zusätze zauberkräftig gemacht wurde, gehört hierher oder das Essen des E. Wenn indessen in den E. Himmel und Erde, Feuer und Wasser, Steine, Pflanzen- und Tierreich vorkommen, so ist es heute nicht möglich, in jedem Falle zu erkennen, ob rein zauberische Anrufungen vorliegen oder animistische Vorstellungen vorherrschen. - Dem Meineide folgt Tod oder Krankheit des Meineidigen oder seiner Familie, Verfall seines Besitzes usw. Bei den Suaheli wird er mit seiner Familie geächtet, wohl damit Unschuldige von der zu erwarten den Strafe nicht mitgetroffen werden. Natürlich kann man sich indessen nicht nur durch Sühnehandlungen und Opfer, sondern auch durch Zauberhandlungen den bösen Folgen des begangenen oder beabsichtigten Meineides entziehen. - Bei dem engen Zusammenhange, in dem ursprünglich der E. mit dem Zauberglauben und der Religion stand, mußte sein Wert und Ansehn groß sein. Die Mitwirkung der Eideshelfer, die die Glaubwürdigkeit des Schwörenden zu bekunden haben, erscheint daher nicht als ursprüngliche Einrichtung, falls man nicht mit Wilutzky in den E.helfern das Ende einer Entwicklung findet, die mit der gemeinschaftlichen Verpflichtung der ganzen Sippe zur E.leistung begann, da auf primitiven Stufen das Individuum überhaupt hinter der Sippe zurücktritt. Allein die Beobachtung, daß die gefürchteten Folgen des Meineides nicht eintrafen, konnte nicht lange ausbleiben. So ergab sich die Abstufung des E. mit Unterstufen, die bei geringfügigen Anlässen angewandt und ohne große Gefahr übertreten werden können, und Oberstufen, die selten angewandt, dann aber bei größerer Heiligkeit auch wohl fast immer gehalten werden. Freilich wird man den E. eines Volkes um so mehr trauen können, je unberührter es von den Einflüssen anderer Kulturkreise und Religionen geblieben ist. Wo diese aber eindringen, verlieren die einheimischen E. an Zuverlässigkeit. Werden auch fremde E.formen eingeführt, so ist zwar nicht abzusehen, welche E.form ein Volk schließlich bevorzugen wird, aber wenn auch der fremde E. den einheimischen verdrängt, geht das Vertrauen des Volkes zum E. leicht verloren. Die ethische Degeneration, die bei Naturvölkern besonders leicht eintritt, wenn sie von einer höheren Kultur berührt werden, da ihre Sittlichkeit viel mehr auf der Wirksamkeit der Sitte und des Herkommens als auf dem Gewissen des Individuums beruht, erstreckt sich auch auf den E.

Literatur: Post, Grundriß der ethnol. Jurisprudenz. Oldenburg und Lpz. 1894. - Lippert, Christentum, Volksglaube und Volksbrauch. Berl. 1882. - Hirzel, Der Eid. Lpz. 1902. Wilutzky, Vorgeschichte, des Rechts. Berl. 1903. - Lasch, Der Eid. Stute. 1908.

Thilenius.