Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 514

Eingeborenenschiedsgerichte. An Stelle der regelmäßig für die Gerichtsbarkeit über Eingeborene zuständigen Verwaltungsbeamten (V. des RK. vom 22. April 1896, KolBl. S. 241) sind für eine Reihe von Stämmen und Gegen den in den Küstenbezirken Kameruns zur Ent scheidung von Zivil- und Strafsachen, bei denen lediglich Eingeborene beteiligt sind, durch GouvV. (abgedruckt in der KolGG. Bd. 1 u. 2, zum Teil auch im KolBl.) E. eingesetzt. In Betracht kommen die V. a) vom 16. Mai 1892, KolGG. Bd. 1 S. 251 für den Dualastamm; b) (Landschaften usw. im jetzigen Duala bezirk) vom 12. Sept. 1895 (KolBl. S. 570), für die Dörfer am mittleren Wuri, 25. April 1896 KolBl. S. 364), für die Landschaft Dibombari, 21. Mai 1896 (KolGG. Bd. 2 S. 229), für die Landschaft Ndokama, 21. Mai 1896 (KolBl. S. 439), für die Landschaft Dibamba, vom 3. Juli 1896 (KolBl. S. 575), für die Bakoko - Niederlassungen am unteren Abo, vom 27. Juli 1896 (KolBl. S. 607), für das linke Aboufer, vom 20. Nov. 1897 (KolBl. 98 S. 51), für die Landschaft Lungasi; im jetzigen Jabassibezirk, vom 12. Sept. 1895 (KolBl. S. 571), für die Landschaft Bodiman; c) vom 9. Dez. 1893 KolBl. 94 S. 103) für den Victoriabezirk; d) (Edeabezirk) vom 30. Sept. 1895 (KolBl. S. 572) für die Bewohner des Sanaga. Die Mitglieder der E. werden (widerruflich) durch den Gouverneur ernannt. Das E. selbst ernennt einen. Vorsitzenden und einen Sekretär (als Protokollführer). Die E. sind in erster Instanz zuständig für diejenigen Zivil- und Strafsachen, welche nicht zur Zuständigkeit der Häuptlinge gehören. (Den letzteren sind überwiesen bürgerliche Streitigkeiten, sofern der Wert des Streitgegenstandes 100 M nicht übersteigt, und Strafsachen, sofern Gegenstand der Urteilsfindung eine Tat bildet, deren Ahndung keine höhere Strafe als 300 M Geldstrafe oder 6 Monate Gefängnis erfordert.) Die Verbrechen des Mordes und Totschlags sind jedoch der Rechtsprechung des S. entzogen, also derjenigen der Verwaltungsbeamten vorbehalten, und die E. sind auch nicht befugt, auf Todesstrafe oder Freiheitsstrafen von mehr als zwei Jahren zu erkennen. Die E. sind ferner als zweite Instanz für Berufungen gegen die Urteile der Häuptlinge zuständig. Gegen die Entscheidungen der E. selbst ist Berufung an den für Eingeborenensachen zuständigen Verwaltungsbeamten statthaft, die bei diesem binnen einer Woche nach Verkündigung der Entscheidung schriftlich oder mündlich anzubringen ist. Die E. haben ihrer Rechtsprechung die an Ort und Stelle in Übung stehenden Gebräuche und Gewohnheiten zugrunde zu legen. Über den Streitfall ist ein Protokoll zu führen. Die Protokolle, welche auch die erlassene Entscheidung enthalten müssen, sind jahrgangsweise zu einem Aktenstück zu vereinigen. Der zuständige Verwaltungsbeamte ist jederzeit befugt, die Protokolle einzusehen oder den Sitzungen der E. beizuwohnen.

Gerstmeyer.