Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 524 f.

Einwanderung. Wie in den meisten Kolonialgebieten, so ist auch in den deutschen Kolonien im allgemeinen die Bevölkerung so dünn, daß ihre Vermehrung durch E. erwünscht sein kann. Freilich wird man dabei unterscheiden müssen zwischen den sehr verschiedenartigen Elementen, aus denen die E. sich rekrutieren kann. Die Zuwanderung von Eingeborenen benachbarter Gebiete, die der Bevölkerung der Kolonie artverwandt ist, wird als Bereicherung der Arbeitskräfte willkommen sein. Farbige höherer Kultur können als Bindeglied zu den Eingeborenen nützlich, als Konkurrenten unbequem sein. So wird die E. der Inder (s.d.) in Deutsch- Ostafrika sehr verschieden beurteilt. Im Schutzgebiete Deutsch-Neuguinea finden sich in wachsender Zahl Chinesen (s.d.), als Handwerker, Maschinisten, Stewards, Diener, ein nützliches Element der Bevölkerung. Auch Japaner kommen als Händler im Schutzgebiete vor. In Samoa sucht man zu verhindern, daß aus der Kulieinfuhr (s. Kuli) eine E. werde. Die E. Weißer in die Schutzgebiete besteht überwiegend aus Deutschen, doch kommen die Angehörigen der verschiedensten Völker vor, wie die Bevölkerungsstatistik (s. Bevölkerung) zeigt. Neben den Griechen in Deutsch-Ostafrika sind besonders die Buren (s.d.) in Deutsch-Südwestafrika und in Deutsch- Ostafrika zu nennen, die ein verhältnismäßig wichtiges Element der E. bilden. - Wie anderwärts hat sichauch in den deutschen Schutzgebieten die Notwendigkeit gezeigt, unerwünschte Elemente, insbesondere Mittellose, die zu einer Last werden können, fernzuhalten. In Kolonien mit Eingeborenenbevölkerung wäre die Entstehung eines weißen Proletariats ganz besonders bedenklich. Es sind deshalb in allen deutschen Schutzgebieten (außer in Samoa und in Kiautschou) Verordnungen erlassen, wonach Weißen, die mittellos sind oder die keine Anstellung haben, die Zulassung verweigert wird oder werden kann. Für die Kosten der Rückbeförderung kann Hinterlegung einer Sicherheit verlangt werden. In Deutsch-Südwestafrika, der eigentlichen E.Kolonie, wurde durch V. vom 15. Dez. 1905 verfügt, daß die E. verboten werden könne: Nichtweißen, Personen, die sich nicht hinreichend ausweisen, hinreichenden Unterhalt für sich und ihre Familie nicht nachweisen, sich voraussichtlich dauernd nicht selbst erhalten können, die Unzucht gewerbsmäßig betreiben oder ihr Vorschub leisten, eine Gefahr für die Ruhe des Schutzgebietes oder die öffentliche Sicherheit bilden, wer (so seit 1909) nicht imstande ist, seinen Namen in einer europäischen Sprache zu schreiben. Der Förderung der E. in dieses Schutzgebiet dient die Ausgabe des Amtlichen Ratgebers für Auswanderer nach Deutsch-Südwestafrika und die Errichtung einer Auskunftsstelle für Einwanderer und eines Arbeitsnachweises für Weiße beim Bezirksamt in Swakopmund (15. April 1912). Für Deutsch-Ostafrika sind die Bestimmungen über die E. verschärft durch V. vom 10. Okt. 1912. Sie kann untersagt werden, nicht nur denen, welche keinen hinreichenden Lebensunterhalt nachzuweisen vermögen und denen, welche eine Gefahr für die öffentliche Ruhe und Sicherheit bilden, sondern auch solchen, die mit ansteckenden Krankheiten, namentlich Tuberkulose, behaftet sind. Das ist namentlich auch gegenüber der E. unerwünschter Inder wichtig, ebenso wie die Möglichkeit, die Niederlegung einer Summe von 150 R. von farbigen Einwanderern zu fordern.Die Größe der weißen E. in die Schutzgebiete kann man zahlenmäßig für die meisten Schutzgebiete erst seit einigen Jahren angeben. Merkwürdig ist überall, wie groß die Wanderbewegung im Vergleich zur Bevölkerung ist. In Deutsch-Südwestafrika war die Zahl der

 

Rathgen.