Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 544 f.

Eisenbahnpolitik, der Inbegriff der Grundsätze, nach denen der Bau und Betrieb, die Verwaltung, das Tarifwesen, die Konzessionierung der Eisenbahnen vom Staate behandelt wird. In den Schutzgebieten ist heute das Staatsbahnsystem (s.a. Eisenbahnsysteme) endgültig zum Durchbruch gelangt, d.h. die wichtigsten Eisenbahnen befinden sich im Eigentum des Staats. Da den Schutzgebieten aber die erforderliche Organisation der Eisenbahnverwaltung zur eigenen Betriebsführung der Bahnen noch nicht zu Gebote steht, so ist bisher bei der Mehrzahl der fiskalischen Bahnen der Betrieb auf eine Reihe von Jahren, etwa 10 - 12 Jahre, verpachtet worden. Da der Betriebspächter dem Schutzgebiet meist auf Grund vereinbarter Tarife einen jährlichen Mindestpachtzins zu gewährleisten hat, so ergibt sich, daß bei der Betriebsverpachtung die Beweglichkeit in der Tarifbehandlung wesentlich eingeschränkt ist. Dadurch wird unter Umständen zu große Nachgiebigkeit gegen ungestümes Drängen der Interessenten auf Tarifermäßigungen verhütet, aber auch gelegentlich die wirtschaftliche Entwicklung einzelner Gebiete oder Gewerbe infolge vorenthaltener Fahrplanverbesserungen und Tarifermäßigungen zum Schaden der Allgemeinheit zurückgehalten. Sobald erst größere Eisenbahnnetze in den Schutzgebieten vollendet sein werden, wird sich voraussichtlich die eigene Betriebsführung durch das Gouvernement selbst auch wirtschaftlich lohnen und empfehlen, um so mehr, da sonst der Machtbereich des Betriebspächters leicht zu sehr gesteigert wird.

Baltzer.