Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 545

Eisenbahnspurweite. Als Normalspur unserer Schutzgebietsbahnen muß die Meter- und die um nur 67 mm breitere Kapspur (s.d.; 1,067 m = 3 1/2 Fuß englisch) gelten; beide stehen in ihrer Leistungsfähigkeit ungefähr gleich. Die Meterspur entspricht unserem metrischen System und ist außer in Deutsch-Ostafrika, Togo und Kamerun vorwiegend in den französischen Kolonien (Senegal, Niger, Guinea, Elfenbeinküste und Dahomé) und auf der britischen Ugandabahn (s.d.) eingeführt. Die Kapspur entstammt dem englischen Maßsystem und ist in Ägypten und im Sudan, an der Goldküste, in Nigerien, in Portugiesisch-Ostafrika und den britischen Kolonien von Südafrika, sowie den Staaten der Südafrikanischen Union vorherrschend; sie ist auch die Spurweite der in ihren nördlichen und südlichen Zweigstrecken weit vorgeschrittenen Kap - Kairo - Bahn (s.d.). Wo bei unseren Bahnen ein Anschluß an das englische Bahnnetz künftig in Frage kommen kann, hat man die Kapspur gewählt, so bei der Südbahn und bei der Nordsüdbahn in Deutsch-Südwestafrika, deren künftiger Anschluß an die südafrikanische Bahn Kapstadt - Kimberley - Bulawayo heute nicht mehr in nebelgrauer Ferne liegen dürfte. In dem Bestreben, die Anlagekosten der Kolonialbahnen möglichst herabzumindern, ist mehrfach von der Feldbahnspur von 0,60 m Gebrauch gemacht worden. Diese Spurweite mit ihren beschränkten Zugeinheiten wird indes - für südwestafrikanische Verhältnisse - schon bei einem Jahresverkehr von etwa 50 - 60 000 t insofern unwirtschaftlich, als die jährlichen Mehrkosten des Betriebes und der Unterhaltung gegenüber einer Anlage in Meter oder Kapspur bereits diejenige Summe übersteigen, die der jährliche Zinsendienst für die einmaligen Mehrkosten der Bauausführung in Meter- oder Kapspur erfordern würde; diese Mehrkosten bei gleicher Leistungsfähigkeit sind durch vergleichende Kostenanschläge für Deutsch - Südwestafrika zu etwa 15 000 M f. d. km ermittelt worden; der Zinsendienst für dieses Mehr bei 4% iger Verzinsung beträgt also jährlich 600 M f. d. km. - Ähnliche technische und wirtschaftliche Mängel, wie die 0,60 m - Spur, wenn auch in geringerem Maße, zeigt die Spurweite von 0,75 oder 0,76 m, die in der belgischen Kongokolonie und in der Heimat, besonders im Königreich Sachsen, ferner in Bosnien und Deutsch - Ostafrika vereinzelt bei der Sigibahn zur Anwendung gelangt ist. Auch ihre Wirtschaftlichkeit ist an enge Grenzen gebunden. Im Interesse der Einheitlichkeit der Spurweiten erscheint es zweckmäßig, von dieser Spurweite für künftige Bahnbauten völlig Abstand zu nehmen und sich bei zeitlich oder örtlich beschränktem Verkehr mit der Spurweite von 0,60 m zu begnügen.

Literatur: Zur Frage der Spurweiten für die Deutschen Schutzgebietbahnen. Wirtschaftsbereich der Feldspur von 0,60 m. Zentralbl. d. Bauverwaltung 1910, S. 164 und 172.

Baltzer.