Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 547

Eisenbahnvorarbeiten, die jedem Bahnbau vorausgehenden Erhebungen und Untersuchungen zur Feststellung der zweckmäßigsten Linie und ihre Ausarbeitung zu einem vollständigen Bauentwurf mit den zugehörigen Unterlagen, Kostenanschlägen usw. Man unterscheidet einerseits "allgemeine" und "ausführliche", andererseits "technische" und "wirtschaftliche (kommerzielle)" E. Den Wert sorgfältiger und umfassender E. hat man bisweilen beim Bau von Kolonialbahnen, sehr zum Schaden der Sache, unterschätzt. Verhängnisvolle Fehler in der Linienführung, die hierbei vorkommen, sind später oftmals überhaupt nicht mehr oder nur mit großen finanziellen Opfern gutzumachen. Die E. bei Kolonialbahnen sind in einem unerforschten und unerschlossenen, aller Verkehrs- und Hilfsmittel entbehrenden Neulande allerdings mit großem Zeitaufwande, Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, zumal wenn, wie z.B. in Kamerun, üppigster tropischer Pflanzenwuchs die Übersieht im Gelände unmöglich macht und jede einzelne Versuchslinie durch den dichten Urwald erst durchgeschlagen werden muß. Die Ausführung der E. hierbei darf auch nicht einseitig den Baugesellschaften überlassen werden, die den Bahnbau später unternehmen, sondern die Schutzgebietsverwaltung sollte sich bei dem großen Interesse, das sie an der richtigen Ausführung nehmen muß, mit ihren Technikern von vornherein daran beteiligen oder diese Arbeiten selbst in die Hand nehmen, um über die Linienführung, Bauwürdigkeit und die Kosten der Bahn selbst ein Urteil zu gewinnen und sich dabei nicht gänzlich in die Hand der Unternehmer zu geben. Auch in dieser Richtung sind gelegentlich Fehler gemacht worden. Die wesentlichste Aufgabe der technischen E. ist auch bei Kolonialbahnen die Auffindung der zweckmäßigsten, d. h. derjenigen Bahnlinie, bei der die Anlagekosten und die kapitalisierten jährlichen Gesamtkosten des Betriebs, d. h. die Verzinsung und Tilgung der Anlagekosten mit den jährlichen Betriebsund Unterhaltungskosten, möglichst niedrig werden. Die Grundregel der technisch zweckmäßigsten Linienführung besteht darin, möglichst lange Strecken mit möglichst gleichbleibendem Widerstande - also der richtigen maßgebenden Steigung - zu bilden, auf denen die zweckmäßig anzuwendende Lokomotivgattung und die dementsprechend gewählte Zugeinheit möglichst wirtschaftlich ausgenutzt werden kann. Es müssen also die niedrigsten und bequemsten Paßübergänge, die zur etwa erforderlichen künstlichen Längenentwicklung geeignetsten Täler usw. aufgefunden werden. Verlorene Steigungen und Gefälle, zu scharfe Krümmungen und Steigungen sind zu vermeiden. Bei der 1 m- und Kapspur (s. Eisenbahnspurweite, Kapspurweite, Kapspur), sind Krümmungen bis zu 100 m Halbmesser herab wohl nur in engen Felstälern zu rechtfertigen; bei Anwendung gewöhnlicher Reibungslokomotiven wird man über ein Steigungsverhältnis von 25 Promille = 1 : 40 nicht ohne zwingendste Gründe hinausgehen.

Baltzer.