Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 547 f.

Eisenbahnwagen (Fahrzeuge, Betriebsmittel). Die E. der Schutzgebietsbahnen zeigen im allgemeinen, entsprechend der geringeren Spurweite, Fahrgeschwindigkeit und leichteren Bauart die Formen und Anordnungen der Fahrzeuge der heimischen Neben- und Kleinbahnen. Bei den E. hat man zunächst zu unterscheiden: Personenwagen, Post- und Gepäckwagen (meist in einem Fahrzeug vereinigt) und Güterwagen; letztere bedeckt oder offen, mit Hoch- oder Niederbordwänden, ferner für besondere Zwecke gebaut, z.B. Viehwagen, auch doppelbödig; Sisalwagen, Schienenwagen, Plattformwagen mit Rungen, Holztransportwagen, Kranwagen, Bauwagen, Wasserwagen oder, Wassertender. Die Wagen sind überwiegend zweiachsig und zum Teil mit freien Lenkachsen versehen. 1. Personenwagen: Zum Schutz gegen die Tropensonne ist das Dach, behufs Gewinnung einer ruhenden Luftschicht, doppelt angeordnet und zum Teil an den Seitenwänden beiderseits als besondere Sonnenschürze - mit klappbaren Blenden versehen - bis zur Fensteroberkante herabgeführt. Für Lüftung ist in besonders reichlichem Maße Sorge getragen. Mit Rücksicht auf die Rassengegensätze sind drei verschiedene Klassen eingerichtet, bezeichnet als I., II., III. Klasse, die in der Raumbemessung und Ausstattung etwa der der heimischen 2., 3. und 4. Klasse entsprechen. In der ersten Wagenklasse werden nur Weiße befördert (vornehme Farbige ausnahmsweise, mit Genehmigung der Eisenbahnverwaltung); die Benutzung der zweiten Klasse steht jedermann frei, und für Weiße werden besondere Abteile freigehalten. Die Benutzung der dritten Klasse ist im allgemeinen den Weißen nicht gestattet (in Togo ist abweichend hiervon mit Rücksicht auf die Missionare die dritte Klasse auch den Weißen freigegeben). Die überwiegende Form der Personenwagen ist die mit 2 den Zugang bildenden überdeckten Endplattformen und einem Mittel- oder Seitengang, von dem aus die einzelnen Abteile zugänglich sind. Die Sitzbänke sind meist rechtwinklig gegen die Fahrrichtung angeordnet. Es bestehen Wagen, welche vereint die 1. und 2. Klasse nebst einem Abort enthalten (AB), und Wagen III. Klasse (C), vorwiegend zweiachsig, neuerdings auch vereinzelt vierachsig, mit 2 Drehgestellen von 1,42 oder 1,5 m Radstand ausgerüstet, für die längeren Reisestrecken bestimmt. - Bei den Wagen der 60 cm - spurigen Otavibahn ist die erforderliche Standsicherheit durch eine künstliche Beschwerung des tiefgelegten Untergestells mit Beton- und Eiseneinlagen (1200 kg) erreicht; der Wagenfußboden liegt dabei im Innern, 15 cm tiefer als an den Endplattformen. Für Sonderfahrten der Gouverneure und Betriebsleiter sind besondere, besser ausgestattete, meist vierachsige Revisionsoder Saalwagen vorhanden, die mit Schlaf- und Kücheneinrichtung versehen sind. - 2. Die vereinigten Post- und Gepäckwagen enthalten ein Postabteil für die Zwecke der Postbeförderung und entsprechen in ihrer allgemeinen Anordnung ungefähr der heimischen; sie sind überwiegend zweiachsig. - 3. Die Güterwagen sind eingerichtet für Ladegewichte von 5000, 7000, 10 000, 12 000 und 15 000 kg; die vierachsige Bauart kommt nur ausnahmsweise vor (insbesondere bei der 60 cm - spurigen Otavibahn). Als Besonderheit sind zu nennen: fliegensichere Viehwagen für Ostafrika, die zum Schutz gegen die Tsetsegefahr an den Öffnungen mit dichtem Drahtnetz bespannt sind. Eine besondere Wagenform zur Beförderung des Sisilhanfs auf der ostafrikanischen Nord- (Usambara- )bahn ist der Sisalwagen: er ist oben in der Mitte offen und mit einer auf Laufrollen wagerecht verschieblichen Decke versehen, die zur Seite geschoben werden kann, um beim Beladen des Wagens das Ausfällen des Laderaums von oben her bis zum letzten Rest zu ermöglichen. Die Wagen sind mit durchgehender Bremse (s.d.), und zwar Luftsaugebremse, Bauart Hardy oder Körting, versehen. Zahlreiche Teile der E. der 1 m- und Kapspur werden heute nach festgesetzten Musterentwürfen hergestellt, z.B. die Radsätze, 800, früher 700 mm Durchmesser des Laufkreises, 1707 mm Achslänge, - die Achsbüchsen aus Flußeisenformguß, die Zug- und Stoßvorrichtungen, die Bremsgestänge, die Bremsschläuche mit ihren Verbindungen und Kupplungen, die Federböcke und Achshalter der Untergestelle u. dgl. Als besondere Fahrzeuge bestehen noch Bahnmeisterwagen und Bahnmeisterdräsinen für Handbetrieb, sowie Motordräsinen (s. a. Motorwagen).

Baltzer.