Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 549

Eisenindustrie der Eingeborenen. Das Überall in Afrika vorkommende Eisen ist schon sehr frühe von den Eingeborenen verarbeitet worden; auf ägyptischen Denkmälern erscheinen Eisenwaren als Tribut der Neger. Indessen ging auch in Afrika der Eisenzeit eine Zeit voraus, in der Hackenklingen usw. aus Stein oder, wie noch jetzt z. B. in Turu ( Deutsch-Ostafrika), aus Holz gefertigt wurden. Die E. zerfällt in zwei Abschnitte, die Bearbeitung der Erze (meist Rot- oder Brauneisenstein) und die des Eisens. Das Eisenerz wird in Tagbauen aus der Erde oder durch Schlämmen aus Bächen gewonnen; letztere Arbeit verrichten in Ostafrika Frauen und Kinder. Die für das Schmelzen nötigen Holzkohlen beschaffen die Männer. Der Schmelzofen (s. Tafel 11) besteht aus einem tönernen Hohlkegel von etwa 3 1/2 m Höhe (Togo, ähnlich Ostafrika), oder einem Zylinder aus dicht aneinander gestellten, innen und außen mit Blattwerk verstärkten Bananenstämmen (Mpangwe), mitunter auch aus einer einfachen Erdgrube, die etwa 1/2 m tief und ebenso breit ist. Im Boden des Ofens befindet sich eine oft etwas nach außen durch die Wand vortretende flache Grube zur Aufnahme des geschmolzenen Eisens; bei den Mpangwe ist diese Grube (auch der unterste Abschnitt des Ofens selbst) mit grünen Blättern ausgefüllt; unter ihnen führt als Fortsetzung der Grube ein enger Kanal senkrecht in die Erde, auf dessen Boden ein Topf mit dem das Gelingen der Arbeit sichernden Zaubermittel steht. In den Unterrand des Ofens sind in Abständen Löcher eingeschnitten, durch die hölzerne oder tönerne Röhren von außen her eine Strecke weit in die Lichtung des Ofens ragen. Durch diese Düsen wird mittels einer größeren Zahl von Blasebälgen die zur Schmelzung des Erzes erforderliche Luft zugeführt. Der afrikanische Blasebalg kommt in zwei Formen vor, die beide einen gleichmäßigen Luftstrom erzeugen. Der Gefäßblasebalg besteht aus zwei nebeneinander liegenden und in je eine Röhre ausgehenden Schalen; die Röhren vereinigen sich nach kurzem Verlauf. Jede Schale ist (nach Art einer Trommel) mit einem Stück Fell oder Leder überbunden. doch ist es nicht straff gespannt, sondern kann in der Mitte von den Fingern einer Hand oder mittels eines eingebundenen senkrechten Stabes auf und nieder bewegt werden. Diese Blasebälge werden von je einem Manne bedient, der mit jeder Hand die Decke einer Schale oder den Stab faßt und abwechselnd hebt und senkt. Der Schlauchblasebalg besteht gleichfalls aus zwei Röhren, die sich zu einer vereinigen, doch münden sie nicht in Schalen, sondern sind luftdicht an einen Schlauch gebunden, der aus einem ganzen Ziegenfell besteht. Das freie Ende des Schlauches öffnet sich in einem Schlitz, der von zwei Stäben eingefaßt ist. Der Arbeiter faßt mit jeder Hand einen Schlauch am Schlitz, spreizt die Stäbe, um Luft in den Schlauch zu lassen, schließt darauf den Schlitz und drückt den Schlauch auf die Erde nieder, um ihn in die Röhre zu entleeren; bei dem folgenden Heben der Schläuche, das abwechselnd geschieht, wird der Schlitz wieder gespreizt. Soll die Verhüttung vor sich gehen, so wird der Ofen mit Holzkohle beschickt, in deren oberster Schicht das Erz liegt. Darauf wird die Füllung entzündet und die Glut durch die Blasebälge gesteigert. Das schmelzende, sehr kohlenstoffreiche Eisen tropft dann allmählich durch die Kohle durch in die vorgesehene Grube, aus der nach Beendigung des mehrere Tage ununterbrochener Arbeit erfordernden Prozesses die Luppe entnommen wird. Die Verhüttung ist Sache der Männer, doch werden die Blasebälge meist von Knaben bedient, die sich Tag und Nacht ablösen, in Pare z. B. und bei den Waitumba besorgen indessen Frauen die Verhüttung und stehn dabei unter Aufsicht eines Schmiedes. - Die Luppe (s. Tafel 11) ist ohne weiteres schmiedbar. Der Schmied hat als Werkzeuge den meist aus einer flachen, mit Holzkohle gefüllten Erdgrube bestehenden Ofen und einen Blasebalg, den ein Gehilfe bedient, ferner eine Zange aus einem zusammengebogenen Holzspan oder aus Eisen, endlich den aus einem großen Stein hergestellten Amboß und den Hammer, der früher allgemein aus einem handlichen Steine bestand, jetzt aber immer mehr nach Form und Material dem europäischen entspricht. Zum Drahtziehen bedient er sieh der Zange und des Ziehgeräts, das aus Eisen, seltener aus anderem Material (z.B. Knochen) besteht. - Die Verhüttung des Eisens ist nicht nur an das Vorkommen von Erz, sondern auch genügender Mengen von Holzkohle gebunden. Während der Regel nach Hüttenorte gleichzeitig Schmiedeorte sind, wird auch das Roheisen verhandelt und anderwärts ausgeschmiedet; indessen tritt jetzt immer mehr europäisches Eisen (Draht) an die Stelle des einheimischen Eisens mit Ausnahme der Hüttenorte. Wo die E. sich zum Stammes- oder Ortsgewerbe entwickelt hat, stehen den Produktionszentren von Roheisen und von Eisenwaren Konsumtionszentren gegenüber. Zuweilen erzeugt ein Stamm übrigens nur bestimmte Eisenwaren selbst, während der andere von auswärts bezieht; die Wadoe z.B. fertigen eiserne Geräte, beziehen aber die Waffen. Im übrigen findet sich das Schmiedegewerbe auch als Wandergewerbe, so bei den Ovambo u.a., und wird dann mit Vorliebe auf den Märkten betrieben, wo es dann freilich meist auf Reparaturen beschränkt bleibt. Sonst findet es sich als Lohn- und Handwerk. Eine Besonderheit der afrikanischen Schmiede bildet ihre soziale Stellung, die zwischen hohem Ansehen und Verachtung wechselt, die allerdings mit einer gewissen Furcht verbunden ist, da der Schmied als zauberkundig gilt (s.a. Gewerbetätigkeit der Eingeborenen).

Literatur: R. Andree, Die Metalle bei den Naturvölkern. Lpz. 1884. - H. Schurtz, Das afrikanische Gewerbe. Lpz. 1900.

Thilenius.