Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 556 ff.

Elfenbein, in erster Linie die Stoßzähne des indischen und afrikanischen Elefanten (s.d.). Es werden aber auch die fossilen Zähne des Mammut und ähnlicher Tiere, sowie die Zähne von Flußpferden (s.d.) und Wildschweinen wie E. verwendet. Die Stoßzähne bestehen nur aus Zahnbein und Zement, der Schmelz fehlt; zu 56 -59% wird die Substanz aus phosphorsaurem und ein wenig kohlensaurem Kalk gebildet, der Rest ist leimgebende Masse. Der Elefant wechselt die Stoßzähne nicht, nachdem er die Milchzähne verloren hat. Ein solcher Zahn ist wurzellos und wächst immer weiter, solange das Tier lebt. In der Jugend ist er fast bis zur Spitze hohl, imAlter nimmt die Höhlung immer mehr ab. Da der Zahn zur Verteidigung und noch mehr zum Ausgraben von Wurzeln oder zur Entwurzelung von Bäumen dient, wird er an der Spitze allmählich stark abgenutzt, und zwar besonders der rechte Zahn. Auf dem Querschnitt zeigt sich die Zahnsubstanz aus Lamellen zusammengesetzt. Ihr spezifisches Gewicht ist 1,75 - 1,90. Ausgewachsene Zähne sind gewöhnlich bis 2 m, selten 2 1/2 m lang. Der schwerste seit langem nach Europa gebrachte Zahn wurde durch die Firma Heinr. Ad. Meyer an der Ostküste gekauft, war 2,60 m lang und wog 94 kg; doch wird aus früherer Zeit von Zähnen bis zu 150 kg berichtet. Die kleinen Zähne junger Tiere werden Escrivillen genannt. Man kann zwei verschiedene Sorten von afrikanischem E., unterscheiden: 1. das harte, transparente, "lebende" oder Glasbein kommt aus dem feuchteren Westen des Kontinents, die es liefernden Elefanten lebten in feuchtem Klima von den Pflanzen der Waldregion; 2. das weiche, "tote", Milchbein ist milchweiß, nicht durchscheinend, nicht gelblich oder etwas röt]ich wie das vorige, auch leichter als jenes. Es ist weniger spröde, elastischer und deshalb besonders für Billardbälle, Klaviaturen und Kämme geeignet, während man aus dem harten Bein Messerhefte, Stockgriffe, Schnitzereien, Bürstendeckel usw. fertigt. Die harten Zähne sind enger und schlanker geformt als die plumperen weichen; letztere Sorte ist teurer als die harte. Die Trennungsgrenze zwischen beiden Sorten ist ungefähr die Linie der großen afrikanischen Seen. Ein gewiegter E.kenner soll es fast jedem Zahne ungefähr ansehen können, in welchem Gebiet sein Träger gelebt hat. - Während in früherer Zeit der Elefant von den Eingeborenen mit Fallgruben usw. gejagt ward, hat die Einführung der Jagd mit Pulver und Blei ihn in vielen Gegenden so gut wie ausgerottet. Um der gänzlichen Vernichtung von diesem und anderem Wilde entgegenzuarbeiten, traten die in Afrika interessierten Mächte zu gemeinsamem Handeln zusammen. Auf der internationalen Jagdschutzkonferenz zu London, deren Protokoll am 9. Mai 1900 unterzeichnet, aber nicht ratifiziert ward, verpflichteten sich die Mächte, Gesetze zu erlassen, nach denen weibliche und junge Elefanten geschont und Zähne unter 5 kg Gewicht konfisziert werden sollten. Demzufolge ist nach der heute geltenden Jagdordnung für Deutsch - Ostafrika vom 5. Nov. 1908 und 30. Dez. 1911 (KolBl. vom 15. März 1912) die Jagd auf Elefanten nur Inhabern vom "großen" Jagdschein gestattet, der 450 Rup. kostet (für nicht in Deutsch-Ostafrika Ansässige 750 Rup.), und für den ersten Elefanten ist noch ein Schußgeld von 150 Rup., für den zweiten 400 Rup. zu zahlen; mehr Tiere dürfen überhaupt von einem Jagdscheininhaber nicht erlegt werden, außer mit besonderer Genehmigung des Reichskanzlers. Elefantenkälber und Weibchen, die von Jungen begleitet sind, dürfen nicht geschossen werden, und Zähne von weniger als 15 Kilo Gewicht unterliegen der Einziehung, doch können die rechtmäßigen Besitzer von untergewichtigen Zähnen sich durch Abstempelung bei den zuständigen Verwaltungsbehörden den rechtmäßigen "Besitz von Zähnen geringeren Gewichtes bescheinigen lassen. -In Kamerun ist die Jagd durch die Verordnung vom. 4. März 1908 geregelt. Danach ist verboten junge Tiere mit Zähnen von weniger als 2 Kilo zu schießen, ebenso die Weibchen. Unter dem 21. Nov. 1907 ward eine Verfügung erlassen, nach welcher der Handel mit Zähnen unter 2 Kilo und, deren Ausfuhr verboten wurde, doch dürfen nach einer Bestimmung vom 14. Juli 1911 minder gewichtige Zähne aus Gouvernementsbesitz in der Tischlerei des Gouvernements verarbeitet werden. Abnehmer erhalten eine Bescheinigung über den Besitz, auf Grund deren die Ausfuhr gestattet wird. Der "große Jagdschein (Nr. A. 1.)", auf den nur ein einzelner Elefant geschossen werden darf, kostet nach der Verordnung vom 24. Dez. 1910 300 M. Nach dem Zolltarif vom 1. Aug. 1911 ist der Ausfuhrzoll für Elfenbein 2 M für das Kilo. - In Deutsch -Südwestafrika ist nach der V. vom 15. Febr. 1909 laut § 2, 1a die Jagd auf Elefanten verboten, doch können die zuständigen Bezirks- oder Distriktsämter in wissenschaftlichem Interesse einen Abschuß gestatten. - Für Togo ist kein Jagdgesetz erlassen, auch besteht kein Ausfuhrzoll auf Elfenbein. - Vgl, E. Lüders, Das Jagdrecht der deutschen Schutzgebiete, Hamburg 1913; Reichskolonialamt, Jagd und Wildschutz in den deutschen Kolonien, Jena 1913. In Ostafrika hatte sich früher eine eigene Elefantenjägerzunft gebildet, nach dem am meisten daran beteiligten Stamme Makua (s.d.) genannt. Sie schossen mit langen Perkussionsgewehren. Als Trophäen wurden dem erlegten Tiere die Schwanzquaste und die Lippen des Rüssels abgeschnitten, "damit die Seele des Getöteten dem Jäger nichts schadete". Auch stellte sich jeder Jäger (fundi) aus der dicken Sohlhaut des Elefanten einen Ring für den Unterarm her. An der Zahl dieser Ringe konnte man sofort seinen ganzen Abschuß ersehen, und niemand anders hätte es gewagt, eine solche Zierde zu tragen. Diese kühnen Männer, die bis weit in das Kongogebiet zur Jagd gingen, sind so gut wie verschwunden. Heute wird zwar der Elefant hier und da noch von Eingeborenen gejagt, meist aber nur von Europäern. - In früherer Zeit mag noch manches E. aus alten, bei den innerafrikanischen Häuptlingen aufgestapelten Vorräten gestammt haben, die es stellenweise sogar zu Umzäu nungen verwandt haben sollen. Die glücklichen Finder solcher Plätze konnten es damals ferne im Innern oft noch billig erwerben. Vielfach hatten die Sultane ihren Schatz auch vergraben, wodurch die oberflächliche Schicht der Zähne stark verändert ward. Zähne, die lange im Rauche der Hütten gehangen und dadurch ganz gebräunt waren, und andere, die durch Brand halb kalziniert waren, kamen vor. Heute aber kennt auch der entlegenste Häuptling den Wert dieses Materials, das ihm teuer durch oft recht komplizierte Transaktionen abgehandelt werden muß. Früher tauchte oft die Sage von großen Sterbeplätzen der Elefanten auf : in einer entlegenen Schlucht sollten alle alten Elefanten der weitesten Umgegend zusammenkommen, um hier zu sterben, und die glücklichen Finder solcher Elefantenfriedhöfe sollen reiche Menschen geworden sein - aber wahrscheinlich gehörten diese Sterbeplätze ins Reich der Fabel. - Hier und da kommen kranke Zähne vor, abgesehen von den durch Verwundung oder Bruch verursachten Schädigungen. So können große Knollen von minderwertigem Dentin an der Umwandung der Höhlung liegen und von da auch nesterweise ins Innere der Zahnmasse dringen. Auch treten in der guten, gesunden E.substanz harte, unbrauchbare Stellen, die Johnen" der Händler, auf. Ferner können die Zähne durch Wachstumsabnormität schraubenartig, statt einfach gebogen sein. Bisweilen findet man braungefärbte Streifen, die durch den ganzen Zahn gehen, die "Pocken" der Händler; wahrscheinlich sind sie durch Caries verursacht. Das Hauptproduktionsgebiet des E. ist Afrika. In den Jahren 1879/83 kamen nach einer Statistik der Firma Heinr. Ad. Meyer von Westafrika durchschnittlich 284 000 kg, von Ostafrika. 564 000 kg, zusammen 848 000 kg, dagegen von Vorderindien 11 000 kg, von Rangun, Chittagong usw. 7000 kg und von Ceylon - Sumatra 2000 kg, alles zusammen in der angegebenen Zeit 868 000 kg im Durchschnitt jährlich. Schon auf den afrikanischen Handelsplätzen, also z.B. in Sansibar, wird das E. nach Qualitäten und Größen gesondert, die alle ihre verschiedenen Preise haben. Und man schneidet sogar die Spitzen und Hohlungen der Zähne oft schon dort ab, um sie nach Ostasien oder Indien zu senden, wo Schnitzereien oder Armringe daraus hergestellt werden. Die Hauptmärkte der Welt für E. sind London und Antwerpen. Die Preise sind nach der Qualität und der Zahngröße sehr verschieden, die Preisnorm ist aber für "gesunde, weiche mittelschwere Zähne von 50 - 70 kg" aufgestellt. Nach der Statistik der oben erwähnten Firma schwankten die Preise pro Kilo der genannten Sorte

Man sieht also, daß Antwerpen London als Markt etwas überflügelt hat, dank der großen Produktion an E. im Kongogebiet. Immerhin müssen, um das heutige Quantum zu liefern, wohl an 55 000 Elefanten jährlich getötet werden, und die Wahrscheinlichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß mit der fortschreitenden Eroberung Afrikas durch die Europäer die Zufuhren von E. einmal sehr abnehmen müssen infolge der Vernichtung der Elefanten. - Schon im grauesten vorgeschichtlichen Altertum benutzte man das E. (vom Mammut) für Schnitzereien; den klassischen Völkern war es ein gesuchter Luxusartikel, von den Griechen elephas, von den Römern ebur genannt. Heute wird das meiste für Billardbälle, Klaviaturen und Messerhefte benützt, daneben für Bürstendeckel, Schirm- und andere Griffe, Kämme, Fächer, Lineale usw. Zehn Klavierplatten sind 12 - 15 mm dick, und ein Satz für 7 Oktaven wiegt 310 - 330 g. Die Billardbälle werden aus weichen, schlanken Zähnen von 10 bis höchstens 15 kg Gewicht geschnitten, meist in Durchmessern von 50 - 54, 60 - 64 und 70 - 74 mm. Sie müssen nach dem Abdrehen monatelang im warmen Raume austrocknen, bevor sie poliert und versandt werden. Für das gute Bleichen des E. ist Sonnenlicht unersetzlich. In den Jahren 1879/1883 wurden für die verschiedenen Fabrikate jährlich im Durchschnitt verbraucht:

zusammen 939 000 kg. Heute hat sich in diesen Zahlen manches verschoben, indem infolge der geringeren Zufuhren und höheren Preise bei weitem nicht mehr so viel E. für Kämme und Messerhefte wie früher gebraucht wird und Zelluloid oder Hartgummi an seine Stelle getreten sind. Dagegen wird der Verbrauch für Klaviaturen heute höher als damals sein. Aus unseren deutschen Kolonien waren die Ausfuhren nach den amtlichen Statistiken folgende:

Diese Liste zeigt, daß in Deutsch-Ostafrika 1888/89 infolge des Araberaufstandes (s.d.) nur sehr wenig E. ausgeführt wurde; dann stiegen die Zahlen, um seit etwa 1895 ständig abzunehmen, weil das bis dahin aus dem Kongogebiet nach dem Osten gebrachte E. nach Westen ging, sobald die politischen Verhältnisse des damaligen Kongostaates es gestatteten. Die geringe Anschwellung der Ausfuhr 1909 wird auf den Verkauf größerer Mengen von angesammeltem Regierungs - E. beruhen. In Kamerun dagegen ist seit 1896 die Ausfuhr gestiegen, weil die Karawanenwege nach dem Inneren durch die Bestrebungen des Gouvernements geöffnet und gesichert wurden, wodurch der Handel sich in unser Gebiet zog. Doch ist auch hier seit 1907 die Ausfuhr zurückgegangen. In Togo hat sich der Export dank den friedlichen Verhältnissen im Laufe der Jahre stark gehoben, so daß E. der Nachbargebiete an unsere Küste gelangte. -Wie schon erwähnt, dienen bisweilen Flußpferdzähne und Wildschweinzähne als Elfenbeinersatz. Beide sind zwar dem E. nicht gleichwertig und deshalb weit billiger; die ersteren aber haben den Vorteil, daß sie fast gar nicht vergilben. Flußpferdzähne sind 30 - 35 cm lang und 1 - 2 kg schwer. - Aus Deutsch-Ostafrika wurden in den letzten Jahren folgende Mengen beider Sorten ausgeführt:

Die Ausfuhr unserer anderen Kolonien an diesen Artikeln ist in der Statistik nicht aufgeführt.

Stuhlmann.