Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 569

Erbrecht der Eingeborenen. Für die Beurteilung des sehr vielgestaltigen E. kommt zunächst die Erbmasse in Betracht. Wo das Land der Sippe oder den Ahnen gehört oder Eigentum einer Adelsgruppe ist, und der einzelne nur ein Nutzungsrecht hat, beschränkt sich die Erbmasse in erster Linie auf Schmuck, Gerät, Gebrauchsgegenstände, Waffen, vielfach auch auf Boot und Haus. Sie verringert sieh erheblich, wenn derartige- Dinge dem Toten ins Grab mitgegeben, Haus, Boot und Pflanzungen zerstört werden. Solchen Zuständen gegenüber erscheint es als Fortschritt, wenn (Marshallinseln) der bewegliche Besitz einfach unter die Verwandten des Verstorbenen verteilt wird oder (Nissan im Bismarckarchipel) außer dem Schmuck auch die Nutzbäume zur Erbmasse gehören. Urbares Land ist auf primitiven Stufen der Regel nach nur dann vererbbar, wenn es sich z.B. um ein außerhalb des Sippenlandes von dem Verstorbenen gerodetes Stück (Bismarckarchipel) oder um eine von ihm gegrabene Wasserstelle (Deutsch-Südwestafrika) handelt. Im Gebiet der Kaufehe (s.d.) gehört meist die Ehefrau ebenso zur Erbmasse wie die Sklaven. Auch die Schulden des Erblassers können zur Erbmasse gehören; bei den Banaka zahlt jeder Erbe einen Anteil der Schulden, bei den Waschambala übernimmt sie derjenige, der die Waffen erbt. - Die Erbfolge hängt von verschiedenen Umständen ab. Vielfach sind nur Männer erbberechtigt; es erben daher nur Söhne, nicht Töchter. Auch die Ehefrau ist gewöhnlich nicht berechtigt oder erhält nur Verbrauchsstücke (Msalala: Stoff zur Kleidung). Bei den Waschambala in Deutsch-Ostafrika bearbeitet sie das bisher von ihr bestellte Land weiter, aber für den Bruder des Erblassers. Die Frau hat im Bereich der Kaufehe selten erhebliches Eigentum, doch zeigt sich der Einfluß neuer Verhältnisse deutlich bei den Bakwiri in Kamerun, wo der meist in Schmuck angelegte Verdienst aus dem Lastentragen Eigentum der Frau bleibt. An der Blanchebucht im Bismarckarchipel hat die Frau eigenes Vermögen an Muschelgeld (s. Geld der Eingeborenen ); daß sie auch in Afrika Eigentum besitzen kann, ergibt sich aus der Bestimmung der Waschambala, wonach der Sohn zwar nicht die eigene Mutter wohl aber die Nebenfrauen seines Vaters beerbt. Indessen ist zu wenig über Eigentum und E. der Frau bekannt, um ein Urteil zu gestatten. - Außer dem Geschlecht kommt das Alter der Erben in Betracht. Vielfach erbt der älteste Sohn mehr als die jüngeren, oder es sind nur die erwachsenen Söhne berechtigt. Endlich ist auch die soziale Stellung wichtig: Ist bei den Banaka ein Sohn zum Häuptling gewählt, so erbt er mehr als seine Brüder, auch wenn sie älter sein sollten als er. Schließlich entscheidet die Familienzugehörigkeit. Ein E. der Gatten besteht nicht überall, gelegentlich erbt der nächstälteste Verwandte des Mannes. Im Bereich der Sippenorganisation nach Mutterrecht (s.d. und Eingeborenenrecht) beerben die Kinder die Mutter, während der Nachlaß des Vaters den Kindern seiner ältesten Schwester zufallen kann; wo das Vaterrecht herrscht, beerben die Kinder den Vater. Die zahlreichen Formen und Übergänge in der Sippenverfassung spiegeln sieh auch im E. wieder: Gehören die Kinder zur Sippe der Mutter, die Enkel zu der des Vaters, so beerben ihn die letzteren (Marshallinseln); außer den eigenen Söhnen erben auch die der ältesten Schwester (Nissan im Bismarckarchipel), endlich können die letzteren berechtigt werden, wenn eigene Söhne nicht vorhanden sind (Banaka). Besonders verwickelt gestaltet sich das Erbrecht dort, wo mutter- und vaterrechtliche Organisationen sich durchkreuzen und außerdem Privateigentum besteht (Herero). Über Erbrecht im Islam s. Scheria.

Thilenius.