Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 571

Erdarbeiten sind ein wichtiger und umfangreicher Teil der Bauausführung beim Straßen (s. Wegebau) und Eisenbahnbau s.d.) in den Schutzgebieten. Sie sind trotz der dort noch bestehenden niedrigen Arbeitslöhne meist nicht billig wegen der Schwierigkeit, die in dieser Arbeit noch ungeübten, wenig leistungsfähigen eingeborenen Arbeitskräfte zu beschaffen und festzuhalten; auch die Anwerbung hierzu ist in der Regel mit besonderen Unkosten verbunden. In Togo, Deutsch - Ostafrika und Deutsch -Südwestafrika haben sich in dieser Beziehung die Verhältnisse bei den letzten Eisenbahnbauten bereits wesentlich besser gestaltet als in Kamerun, wo es noch recht schwer ist, geeignete Kräfte zu finden. Der Neger ist zwar befähigt, Lasten von 25 -3 0 kg auf dem Kopfe oder der Schulter zu tragen, aber es fehlt ihm an Muskelkraft in den Armen. Infolgedessen hat sich die Anwendung des Schubkarrens bei den E. noch nicht ermöglichen lassen. Auch zur Handhabung des Spatens ist der Neger schlecht befähigt, weil der Fuß meist unbekleidet ist, also beim Einsetzen des Spatens nicht nachhelfen kann wie beim heimischen Arbeiter. Der Erdtransport vollzieht sich meist auf dem Kopfe des Schwarzen in kleinen Körben, die an der Ablagerungsstelle entleert werden. Da die Leistungen der neuangeworbenen Eingeborenen in der Erdarbeit meist sehr gering sind, so muß man das Mißverhältnis durch große Arbeiterzahlen ausgleichen. Der Bedarf an Arbeitern ist um so größer, weil viel Abgang durch Krankheit stattfindet und viele nach der Lohnzahlung nicht wiederkommen. Im Jahre 1910 wurden an der ostafrikanischen Mittellandbahn etwa 14 000, an der Usambarabahn 5800 Arbeiter bei den E. verwendet. Die Verwendung von Pferde- oder Maultierkippwagen bei den E. in den Schutzgebieten ist wegen der Tsetsegefahr meist ausgeschlossen, ebenso Lokomotivbetrieb auf Feldbahnen wegen des Wassermangels. Weite Bodentransporte, lange, tiefe Einschnitte und hohe Dämme muß man daher bei der Bauausführung möglichst vermeiden; auf Massenausgleich zwischen Ab- und Aufträgen kommt es weniger an, als in der Heimat; man wird meist Seitenentnahme und Seitenaussatz anwenden, zumal die Kosten des Grunderwerbs, außer in der Nähe größerer Ortschaften, kaum ins Gewicht fallen. Besondere Schwierigkeiten macht der vielfach vorkommende alluviale schwarze Lateritboden (s.d.); in der Trockenheit wird er steinhart, in der Regenzeit zerfließt er in eine schlammige Masse, die als Dammkörper den Betriebslasten der Bahn natürlich nicht standhält. Steht für die Herstellung der Bahndämme schlechterdings kein. anderer Boden zur Verfügung, so muß man auf solchen Dämmen eine starke Sandschicht und darüber ein Schotterbett aufbringen, das den Gleisdruck aufnimmt.

Baltzer.