Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 575

Ersatz, der farbige (s.a. Schutz- und Polizeitruppe). Ebenso wie die wirtschaftliche Entwicklung einer Tropenkolonie sich hinsichtlich der Arbeitsverrichtung fast ausschließlich auf den Arm des Eingeborenen angewiesen sieht, muß auch die bewaffnete Macht in den Tropen auf den f. E. zurückgreifen; die schärfere Entwicklung der Sinne und die infolge der Lebensführung des Farbigen mögliche Einschränkung des Trosses sprechen hierbei noch ein besonders entscheidendes Wort mit. Der f. E. besteht aus Eingeborenen des betr. Schutzgebietes und aus Landfremden. Für die Rekrutierung kommen in erster Linie die militärisch besonders veranlagten Stämme und nur freie Eingeborene in Frage; die Ausbildung erfolgt in der Regel bei den besonders hierfür vorgesehenen Formationen (Stammkompagnie, Rekrutendepot). Der Farbige Soldat, im allgemeinen gelehrig und mit hinreichendem Ehrgefühl ausgestattet, bringt neben Lust und Liebe zum Soldatenhandwerk auch ein instinktives Verständnis für die Notwendigkeit der militärischen Disziplin mit. Seine Exerzier- und Schießfertigkeit lassen sich bis zu einem hohen Grad der Vollkommenheit fördern. Auch Mut und Tapferkeit fehlen im Gefecht nicht, solange der Weiße vorangeht; den Führer, der ihm Achtung und Vertrauen abgewonnen hat, läßt er nicht im Stich. Dagegen müssen die heimischen Anforderungen an Pflichtbewußtsein und Gewissenhaftigkeit erklärlicherweise erheblich herabgesetzt werden; überall, wo seine selbständige Verwendung nicht zu umgehen ist, bedarf es schärfster Überwachung, um groben Vernachlässigungen vorzubeugen und seine angeborene Neigung zu Gewalttätigkeiten und Übergriffen gegen seine Stammesgenossen, wo immer sich die Gelegenheit bietet, in Schranken zu halten. -Die Gefahren des f. E. - bedingte Verläßlichkeit im Falle des Kampfes gegen die eigene Rasse; allmähliches Anwachsen eines relativ militärisch geschulten, aber nicht hinreichend zuverlässigen Elements in den Rekrutierungsbezirken infolge der Entlassung nach dreijähriger Dienstzeit - sind in dem Maße gewachsen, als der frühere starke Prozentsatz landfremden E. infolge wirtschaftlicher Nachfrage stetig zurückgegangen ist. Auch ist die Verwendung des einheimischen E. in entfernten, durch Stammesund Religionsgegensätze ausgezeichneten Bezirken desselben Schutzgebietes, sowie die Mischung einander fremd gegenüberstehender Elemente in derselben Kompagnie usw. infolge des zunehmenden Verkehrs und der geistigen Entwicklung der Eingeborenen ein immer zweifelhafteres Aushilfsmittel geworden. Es wird daher angestrebt, durch Gewährung von Prämien, stufenweise Löhnung und Erdienung einer Pension den f. E. länger als zurzeit und soweit erreichbar, für die ganze Dauer seiner aktiven Dienstfähigkeit bei der Truppe zu halten, um neben der Beseitigung vorerwähnter Mängel seine militärische Erziehung über das Formale hinaus zu vertiefen und so mit den entlassenen Reservisten eine Art Sicherheits- und Kulturtruppe in die Kolonie hineinzutragen. Insbesondere bilden die monatlichen Geldbezüge der mit Pension Entlassenen, die natürlich an der Erhaltung dieser Einnahmequelle das lebhafteste Interesse haben, ein wirksames Gegengewicht gegen Unruhe- und Aufstandsbestrebungen; sie ermöglichen eine ununterbrochene Kontrolle dieser Reservemannschaften und gewähren ihnen durch ihre ständige Berührung mit dem Weißen den wünschenswerten Rückhalt für eine nachhaltige Verbreitung unserer von ihnen angenommenen Kultur und Sprache unter ihren Stammesgenossen.

Zimmermann.