Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 578

Erwerbung der deutschen Kolonien. 1. Allgemeines. 2. Deutsch- Südwestafrika. 3. Kamerun und Togo. 4. Deutsch-Ostafrika. 5. Deutsch-Neuguinea, 6. Marshallinseln, Karolinen, Marianen und Palauinseln. 7. Samoa. 8. Kiautschou.

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1. Mit der Reichsgründung war endlich die Vorbedingung einer staatlichen Kolonialpolitik des gesamten Deutschland gegeben. Wenn trotzdem die ersten kolonialen Erwerbungen nicht vor 1884 erfolgten, so lag das größtenteils an der ablehnenden und gleichgültigen Haltung Bismarcks, der übrigens darin von der Anschauung der überwiegenden Mehrzahl des deutschen Volkes durchaus nicht abwich, während nur wenige Männer, wie z. B. Treitschke, den Wert und die Notwendigkeit der Kolonialpolitik erkannt hatten. Von der ersten Hälfte des Krieges gegen Frankreich (Okt. 1870) an bis zum Einsetzen unserer Kolonialpolitik ist Bismarck immer wieder von Marinekreisen (Prinz Adalbert), wie von Kaufleuten, der Erwerb von Kolonien, und zwar zuerst französischen, dann auch von anderen Gebieten vorgeschlagen worden. Er hat ihn immer, meist mit. geistreichem Hohn und Spott, abgewiesen. Im Laufe der Zeit traten indessen bei Bismarck die hemmenden Momente zurück, die in seiner eigenen Vergangenheit als kontinentaler Politiker und in seiner Besorgnis lagen, er könnte in seiner konsequenten Friedenspolitik durch den Erwerb von Kolonien und die sich daraus ergebenden Verwicklungen gestört werden. Eine unerläßliche Vorbedingung unserer Kolonialpolitik war auch die im Jahre 1878 angebahnte Abwendung vom Liberalismus, der noch in dem bekannten starren, kolonienfeindlichen Dogma befangen war. Schon die bekannte Samoavorlage des Jahres 1880 (s. Kolonialpolitik Bismarcks), die freilich noch keine koloniale Unternehmung darstellte, bedeutete den Bruch mit der liberalen Forderung der Nichteinmischung des Staates auf dem überseeischen Gebiet. Inzwischen, ehe Bismarck im Jahre 1884 zum Erwerb von Schutzgebieten schritt, war auch in manchen Kreisen des deutschen Volkes das Interesse an Kolonien erwacht. Es war, das vornehmlich der Tätigkeit eines Vereins zu danken, nämlich des Deutschen Kolonialvereins (s.d.), der 1882 zu Frankfurt a. M. unter der Leitung des Fürsten Hermann von Hohenlohe-Langenburg (s.d.) ins Leben trat. Er zählte im Jahre 1885 immerhin schon 15 000 Mitglieder. Im April 1884 trat die "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" (s.d.) mit dem Sitz in Berlin hinzu. Im Jahre 1887 erfolgte dann die Verschmelzung der beiden Vereine zur "Deutschen Kolonialgesellschaft" (Sitz Berlin) (s d.), der seither die Ausbreitung des kolonialen Gedankens so viel verdankt.

2. Deutsch-Südwestafrika. Seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts waren im Nama- und Hererolande deutsche Missionare von der Rheinischen Missionsgesellschaft (s.d.) tätig. In den 60er Jahren machte die Regierung der britischen Kapkolonie das englische Kabinett auf das Land aufmerksam und schlug den Erwerb des ganzen Hererolandes vor. Die Londoner Regierung aber wies dieses Ansinnen in der liberalen, kolonienfeindlichen Stimmung, die damals noch auch in England die herrschende war, durchaus ab und besetzte nur 1876 die Walfischbai. Von 1880 an litt die deutsche Mission, wie früher schon öfters, unter den Fehden der Eingeborenen. Sie wandte sich daher um Schutz an die kaiserliche Regierung, die ihrerseits bei der britischen Regierung anfragte, ob sie den Schutz auch für die deutschen Missionare übernehmen könne. Diese antwortete verbindlich, aber ablehnend. Zugleich wies sie die Kapkolonie an, keinesfalls ihr Gebiet nach Norden auszudehnen. Aus dieser Zurückhaltung des liberalen Ministeriums Gladstone ergab sich die Möglichkeit der deutschen Kolonisation. Im Jahre 1882 wurde der Grund für diese durch Franz Adolf Eduard Lüderitz (s.d.) gelegt, einen unternehmungsfrohen Bremer Tabakhändler, der schon im Jahre 1881 eine Faktorei in dem englischen Lagos gegründet hatte, dann aber auf den Gedanken gekommen war, kaufmännische Unternehmungen in Gebieten zu wagen, die noch keiner europäischen Macht gehörten. Dabei richtete er sein Augenmerk auf Teile des.Landes zwischen der Kapkolonie (Oranjefluß) im Süden und dem portugiesischen Angola (18° s. Br.) im Norden. Im Nov. 1882 wandte er sich an die Reichsregierung mit der Frage, ob er auf ihren Schutz rechnen könne. Bismarck fragte daraufhin bei der englischen Regierung an, ob sie auf jene Gebiete Anspruch mache, erhielt aber zunächst, im Januar 1883, eine dilatorische Antwort. Lüderitz ging nun, scheinbar auf eigene Faust, in Wirklichkeit wohl in Fühlung mit der Regierung, tatkräftig vor. Im Mai 1883 ließ er sich durch einen Vertrag, den sein Vertreter, der bekannte Forschungsreisende Heinrich Vogelsang, mit dem Hottentottenkapitän Joseph Fredericks in Bethanien abschloß, das Land um die Bucht von Angra - Pequena (Lüderitzbucht) und fünf englische Meilen landeinwärts abtreten. Sehr viel m ehr erwarb er durch einen zweiten Vertrag vom August desselben Jahres, nämlich die ganze Küste von der Mündung des Oranjeflusses bis 26° s. Br. und 20 geographische Meilen landeinwärts, im ganzen etwa 900 deutsche Quadratmeilen. Kurz darauf, im November 1883, traf endlich die endgültige Antwort der englischen Regierung ein. Sie fiel - zweifellos infolge von Einwirkungen der Kapregierung - überraschenderweise ungünstig aus: es war darin erklärt, man könne die Besitzergreifung einer fremden Macht zwischen Angola und der Kapkolonie nicht dulden; auch hätten englische Kaufleute auf die Bucht von Angra - Pequena und das umliegende Land alte Rechte. In dem nun folgenden Notenwechsel konnte indessen England seinen Standpunkt nicht in befriedigender Weise begründen. Ein Rechtsstreit mit einer englischen Firma, welche Eigentumsrechte an Ländereien der Bucht von Angra Pequen nachweisen wollte, verlief für diese ungünstig. Der Bericht eines nach Südwest entsandten Marineoffiziers fiel ebenfalls befriedigend aus. So ließ sich Bismarck durch die Haltung Englands nicht beirren. Es scheint, daß Lüderitz, von dem er einen guten Eindruck hatte, ihm den letzten Antrieb zum offiziellen Vorgehen gegeben hat. Von Bremen aus schrieb Lüderitz am 8. April 1884 in diesem Sinne an das Auswärtige Amt. Darauf sandte am 24. April 1884 Bismarck das bekannte Telegramm an den deutschen Konsul in Kapstadt, Herrn Lippert: "Nach Mitteilungen des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden, ob seine Erwerbungen nördlich vom Oranjefluß auf deutschen Schutz Anspruch haben. Sie wollen amtlich erklären, daß er und seine Niederlassungen unter dem Schutz des Reiches stehen." Von diesem Telegramm datiert man mit Recht den Anfang der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. Die Mitteilung des Herrn Lippert hatte zur Folge, daß die Schwierigkeiten, welche von seiten der Engländer gemacht wurden, wuchsen; allerdings gilt das nur von der Kapregierung, welche dadurch antwortete, daß sie ihrerseits das Land nördlich des Oranieflusses für annektiert erklärte. Bismarck befolgte die Taktik, sich ausschließlich an die Londoner Zentralregierung zu halten, von deren Haupte Gladstone er wußte, daß er auf dem Gebiete der auswärtigen Politik immer zu Konzessionen neigte. In der Tat setzte er es, hauptsächlich durch eine Spezialmission seines Sohnes Herbert, durch, daß die englische Regierung bald auf der ganzen Linie nachgab. Schon im Juni wies sie die Kapregierung an, auf jedes Vorgehen in Angra Pequena zu verzichten; wenige Tage darauf erkannte sie die deutsche Schutzherrschaft in aller Form an. Entgegen manchem Urteil über diese Verhandlungen, wird man feststellen können, daß der Widerstand der Londoner Regierung - im Gegensatz zu dem der Kapregierung - rechtlich völlig ungenügend begründet, wie er war, nur schwach und leicht zu überwinden gewesen ist. Nach dieser Seite nun völlig sicher, dehnte Bismarck bald das deutsche Schutzgebiet sehr bedeutend aus, indem er eine Reihe von Verträgen mit Eingeborenen, vor allem mit Maherero, schließen und durch Marineoffiziere die deutsche Schutzherrschaft bis zur Grenze des portugiesischen Angola (18° s. Br.) erklären ließ. Am 7. Sept. 1884 hiervon benachrichtigt, erklärte sich die englische Regierung schon am 22. Sept. damit einverstanden und behielt sich nur den Besitz der ihr ja unzweifelhaft gehörigen Walfischbai, ferner einiger Inselchen zwischen diesem Meerbusen und der Mündung des Oranj estromes vor. Die Grenzen von Deutsch-Südwestafrika wurden dann im wesentlichen durch zwei Verträge, einen mit Portugal und einen mit England, festgesetzt. Der erstere, vom 30. Dez. 1886, legt die Nordgrenze unserer Kolonie zwischen den 17. und 18. Grad s. Br. Sie wird zuerst vom Kunenefluß gebildet, dann von einer geraden westöstlichen Linie, die zum Okavango führt, und schließlich von diesem Flusse selbst. Die Regelung mit England erfolgte durch den bekannten (s. unten) Caprivisehen "Vertrag über Kolonien und Helgoland" vom 1. Juli 1890, der alle Grenzen zwischen englischen und deutschen Kolonien in Afrika bestimmte. In ihm wurde der Oranjefluß als Südgrenze von Deutsch - Südwestafrika beibehalten. Im Osten bildet in einem größeren südlichen Teil des Schutzgebietes der 20°, in einem kleineren nördlichen der 21° ö. L. die Grenze. Bis zum 25° und zum Sambesiflusse erstreckt sich im äußersten Norden eine ziemlich schmale Zunge, der sog. Caprivizipfel. S. a. Grenzfestsetzungen und Deutsch - Südwestafrika, Abschnitt Geschichte.

3. Kamerun und Togo. In Kamerun bestanden seit den 60ern, in Togo an der Sklavenküste seit Anfang der 80er Jahre Niederlassungen hamburgischer und bremischer Handelshäuser. Daneben fanden sich auch solche anderer Völker, vornehmlich englische, die aber an Zahl hinter den deutschen etwas zurückblieben. Die deutschen Niederlassungen waren in etwas prekärer Lage, da einerseits einige Negerfürsten feindselig gesinnt waren, andererseits England und Frankreich sich im Jahre 1883 anschickten, ihre Interessensphären in Westafrika abzugrenzen: das konnte bedeuten, daß die beiden Mächte auch über Togo und Kamerun verfügten, und das wiederum hätte für diejenigen deutschen Niederlassungen, die sich auf französischem Gebiet befunden hätten, das Ende bedeutet. So entschloß sich die Reichsregierung 1884 nach Beratungen mit den Handelskammern Hamburg und Bremen und mit Adolf Woermann (s.d.), dem hervorragenden Leiter der Westafrikalinie, zum Einschreiten. Sie entsandte Dr. Gustav Nachtigal (s.d.), den berühmten Afrikaerforscher, damals Generalkonsul in Tunis, auf dem Kanonenboot "Möwe" als Reichskommissar. Dieser begab sich zuerst nach Togo, wo er mit dem mächtigen Häuptling Mlaba ein Bündnis abschloß, durch das sich dieser unter deutschen Schutz stellte (5. Juli 1884). Darauf folgte die Hissung der deutschen Flagge in Porto Seguro, Klein - Popo und anderen Orten der Küste. Nachtigal begab sich dann unverweilt nach Kamerun. Dort wurden schon vorhandene Verträge, vornehmlich mit den Königen Aqua und Bell, erweitert und befestigt und ebenfalls die Reichsflagge gehißt (August 1884). In Kamerun fanden sich die englischen Kaufleute nicht ohne weiteres in diese Lage, wahrscheinlich weil sie von Deutschland eine ebenso engherzige koloniale Wirtschaftspolitik befürchteten, wie Frankreich sie überall anwendete, und sich also fälschlich in ihrer Existenz bedroht glaubten. Wahrscheinlich von einigen englischen Kaufleuten aufgestachelt - die britische Regierung war sicher unbeteiligt -, erhoben sich einige Negerfürsten gegen die deutschen Niederlassungen, wurden aber bald von zwei deutschen Kriegsschiffen unterworfen. Doch fiel dabei das erste Opfer der deutschen kolonialen Sache: Pantänius, ein Agent der Woermannlinie, wurde von den Schwarzen fortgeführt und ermordet. Im Jahre 1885 begannen die Grenzregelungen mit England und Frankreich für beide Schutzgebiete. Die Westgrenze Togos gegen die anstoßende englische Goldküste wurde durch den schon genannten Caprivischen Vertrag vom 1. Juli 1890 festgelegt. Doch war die Entscheidung über einen Teil des nördlichen Gebietes offen gelassen, der dann am 14. Nov. 1899 aufgeteilt wurde, wobei die Stadt Jendi an Deutschland kam. Die Ostgrenze wurde gegen das inzwischen von Frankreich besetzte Dahomé am 9. Juli 1897 festgelegt: im Süden wird sie durch den Monufluß -dadurch ist Groß-Popo französisch geworden -weiter nördlich durch eine gerade Linie, welche zwischen dem 1° und 2° ö L. verläuft und schließlich durch unregelmäßige Grenzzüge gebildet. - In Kamerun erfolgten die Grenzregelungen gegen England (Nigeria) - um von derjenigen gegen das kleine Spanisch - Guinea (Muni) im Süden abzusehen zuletzt durch Abmachungen vom 15. Nov. 1893. Der Grenzvertrag mit Frankreich vom 15. März 1894 gab Kamerun die bekannte merkwürdige Gestalt mit dem nördlichen bis zum Tsadsee hingestreckten Zipfel (Entenschnabel) und zerstörte die Hoffnung, daß Deutschland von Kamerun aus in östlicher und nordöstlicher Richtung wirklich tief in Afrika eindringen könne. Doch wurde Kamerun durch den Marokkovertrag (Kongovertrag) vom 4. Nov. 1911 sehr bedeutend vergrößert: Frankreich trat von seinem Kongogebiet ein Stück, in der Größe von mehr als halb Kamerun (das seinerseits an Größe nicht weit hinter Deutschland zurücksteht) ab; dieses schließt sich östlich und hauptsächlich südlich an unsere bisherige Kolonie an und erreicht mit. zwei ziemlich breiten Zungen, einer südlichen und einer östlichen, die großen Verkehrsadern des Kongo und Ubangi. Unser Gebiet umfaßt jetzt Spanisch - Guinea auch von Osten und Süden. Im Norden hat der frühere "Entenschnabel" durch Abrundungen einerseits, Abtretungen andererseits eine völlig veränderte Gestalt erhalten. Doch sind an der Küste des Tsadsees die Verhältnisse unverändert geblieben. S.a. Grenzfestsetzungen und Abschnitt Geschichte unter Kamerun und Togo.

4. Deutsch-Ostafrika. Deutsch-Ostafrika wird durch Gebiete gebildet, welche früher zum großen Teil einer Art von Oberlehnshoheit des Sultans von Sansibar unterstanden, die aber zur Zeit des Erwerbes unseres Schutzgebietes fast jeder tatsächlichen Bedeutung entbehrte. Der Mann, dem Deutschland diese unsere größte Kolonie verdankt, ist der hannoversche Pfarrerssohn Dr. phil. (hist.) Carl Peters (s.d.), geb. 1856 zu Neuhaus an der Elbe, der zwar später, vornehmlich in der Behandlung der Eingeborenen, durchaus nicht vorbildlich gewirkt, der sich aber trotzdem als der tatkräftigste und erfolgreichste unserer Kolonisatoren unvergänglichen Ruhm erworben hat. Peters gründete im April, 1884 die "Gesellschaft für Deutsche Kolonisation" (s. d.). Noch in demselben Jahre begab er sich mit drei Genossen, dem Grafen Pfeil (s. d.), dem Referendar Jühlke (s. d.) und dem Kaufmann Otto in abenteuerlicher Reise, unter falschem Namen in den nordöstlichen Teil unserer heutigen Kolonie und schloß dort mit den Sultanen von Nguru, Useguha, Ussagara und Ukami im November und Dezember 1884 eine Reihe von Verträgen ab. Diese waren nun zwar formal keineswegs einwandfrei; sie waren eilfertig und unklar abgefaßt; die eingeborenen Fürsten haben sie zweifellos nicht verstanden; ferner war in ihnen die Oberhoheit des Sultans von Sansibar unberücksichtigt gelassen. Das verminderte aber keineswegs ihren entscheidenden Wert, der darin bestand, daß ein Gebiet von etwa 140 000 qkm in die Schutzherrschaft von Deutschen übergegangen war. Noch fehlte aber der Schutz des Reiches. Mit seiner großartigen Energie kehrte Peters sofort in die Heimat zurück, gründete die "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft" (s. d.), die nun die Inhaberin jener Vertragsrechte wurde und erbat für sie einen ksl. Schutzbrief. Dieser erging schon am 27. Febr. 1885. Er gestattete der Gesellschaft unter der Bedingung, daß ihre Leitung deutsch bleibe, die Ausübung aller aus jenen Verträgen fließenden Rechte, ferner den Abschluß weiterer Verträge, die allerdings dem Kaiser zur endgültigen Genehmigung vorzulegen waren. Ferner verlieh der Schutzbrief der Gesellschaft die Gerichtsbarkeit über Eingeborene und Weiße und behielt der Reichsregierung nur die Aufsicht vor. Hier war also, gemäß einer Bismarckschen Idee, eine Erwerbsgesellschaft mit Regierungsrechten ausgestattet, eine Methode, die sich aber beim Ausbruch des großen Ostafrikanischen Aufstandes als unhaltbar erweisen sollte. Bismarck benachrichtigte nun die fremden Mächte von der Übernahme des Schutzes über die genannten Gebiete durch das Deutsche Reich. Er stieß bei ihnen auf keine Schwierigkeiten, wohl aber ergaben sich solche aus dem Verhalten des Sultans von Sansibar. Den letzten Antrieb zu dem Versuch dieses Fürsten, seine alten Rechte zu retten, gab das Vorgehen zweier Deutscher in dem (heutzutage englischen) Sultanat Witu, nördlich von den Petersschen Erwerbungen, wo der Sultan von Sansibar ebenfalls die Oberherrlichkeit besaß: im Frühjahr 1885 hatten nämlich die Brüder Clemens und Gustav Denhardt (s. d.) mit dem Sultan dieses Landes auch ihrerseits Schutz- und Handelsverträge abgeschlossen. Im April 1885 sandte der Sultan von Sansibar plötzlich ein Telegramm an die Reichsregierung, in dem er gegen das Vorgehen des Dr. Peters und der Denhardts lebhaft protestierte, während er zugleich in die umstrittenen Gebiete Truppen einrücken ließ. Der Widerstand des Sultans war indessen rasch gebrochen. Nachdem acht deutsche Kriegsschiffe vor Sansibar demonstriert hatten, gab er vollkommen nach; er erkannte nicht nur die von den Deutschen abgeschlossenen Verträge bedingungslos an, sondern er trat auch den wichtigen Hafen Daressalam. der Petersschen Ostafrikagesellschaft ab. Also gesichert, entfaltete diese nun eine äußerst rege Tätigkeit, um ihren Besitz zu konsolidieren und zu vergrößern, was ihr auf das glänzendste gelang. Es fand sich eine erhebliche Zahl von Männern, meist Offiziere und Beamte, aber auch Kaufleute, welche bereit waren, in den Dienst der Gesellschaft zu treten. Schon im Jahre 1885 konnte sie nicht weniger als 11, meist erfolgreiche, Expeditionen ins Innere entsenden. Freilich blieben Rückschläge nicht ganz aus; so verlor bald Jühlke, einer der ersten Genossen Peters', sein Leben. Ein Vertrag Rät England vom 30. Dez. 1886 brachte dann eine vorläufige Grenzregelung, wobei dem Sultan von Sansibar. ein Küstenstreifen zugesprochen wurde; doch verpachtete er im Jahre 1888 seine dortigen Zollstätten auf 50 Jahre an die Peterssche Gesellschaft. In demselben Jahre brach der furchtbare Aufstand aus, bei dessen Bewältigung die Gesellschaft völlig versagte und der erst durch den zum Reichskommissar ernannten Major von Wissmann (s. d.) 1889/90 niedergeworfen wurde (s. Araberaufstand). Endgültig wurden, die Grenzen Deutsch - Ostafrikas gegen England durch den schon mehrfach erwähnten Vertrag über Helgoland und Kolonien" vom 1. Juli 1890 (Sansibarvertrag) geregelt. Der damalige, Reichskanzler v. Caprivi (s.d.) neigte, wenigstens in seinen wirtschaftspolitischen Anschauungen, nach der liberalen Seite und betrachtete unter dem Einfluß der Ideen des Liberalismus unser Kolonialreich mit Mißtrauen - mag ihm immerhin das Wort: "Je weniger Afrika, desto besser", zu Unrecht zugeschrieben werden. Zweifellos hat diese Stimmung bei Caprivi mitgewirkt, als der Vertrag abgeschlossen wurde. Deutschland erkannt ein ihm das britische Protektorat über Sansibar an und verzichtete auf das Sultanat Witu, den Erwerb der Brüder Denhardt. Damit ging auch dessen Hinterland (Uganda) verloren. England erkannte das jetzige Deutsch-Ostafrika als deutsches Schutzgebiet an, trat Helgoland an Deutschland ab und versprach seine guten Dienste beim Sultan von Sansibar, um ihn zu veranlassen, seinen Küstenstrich an Deutschland abzutreten. Das hat er denn auch alsbald für die relativ völlig geringfügige Summe von 4 Mill. M getan. Das Urteil über den Caprivischen Vertrag ist vorwiegend ungünstig und zum Teil zweifellos mit Recht. Freilich fehlt es dabei meistens an der gerechten Abwägung. Wenn auch Bismarck sicher zäher und erfolgreicher verhandelt hätte, geben doch zwei bekannte Marginalien von seiner Hand aus dem Jahre 1889 zu denken: "Lord Salisbury hat für mich mehr Bedeutung als ganz Witu" und "England ist für uns wichtiger als Sansibar und Ostafrika" usw. Es pflegte früher eine Äußerung Stanleys kolportiert zu werden, wonach Deutschland für einen alten Hosenknopf eine neue Hose" hergegeben habe. Diese Äußerung muß aber entweder frei erfunden sein, oder aber sie gibt nur einer vorübergehenden Stimmung Ausdruck. Denn Stanley urteilt in seiner Selbstbiographie weit anders: Danach hätten die Engländer "unglaublich dumm" verhandelt, während allerdings die Deutschen auch nach seiner Ansicht noch mehr hätten herausschlagen können. Es ist ferner klar, daß der Erwerb von Helgoland eine Notwendigkeit und sicher, daß die Anerkennung des rechtlich unanfechtbaren britischen Protektorats über Sansibar unvermeidlich war. Eine berechtigte Kritik wird sich also nur in der Richtung zu bewegen haben, daß die deutsche Regierung den Besitz von Teilen von Witu mit Hinterland hätte durchsetzen können und müssen. S.a. Grenzfestsetzungen u. Deutsch- Ostafrika, Abschnitt Geschichte.

5. Deutsch-Neuguinea. Während die Westhälfte von Neuguinea alter holländischer Kolonialbesitz ist, hat der ganze Osten der Insel bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein keiner weißen Macht gehört. Doch waren hier deutsche kommerzielle Interessen stark vertreten. Den Antrieb zum Erwerb politischen Einflusses gab dem Deutschen Reich das energische Vorgehen der nächstgelegenen britischen Kolonie in Australien, Queensland. Diese entsandte im Jahre 1883 einen Spezialkommissar, der sich nicht nur im Südosten von Neuguinea festsetzte, sondern auch die englische Schutzherrschaft über den ganzen Osten der Insel verkündete. Allein, genau wie Südwestafrika gegenüber, zeigte die britische Zentralregierung unter Gladstone sehr viel geringere Lust zur Expansion, als die kolonialen Tochterstaaten: sie erkannte den Schritt des queensländischen Kommissars nicht an. Nur durch diese Zurückhaltung ward die Vorbedingung für die Festsetzung des Deutschen Reichs auf Neuguinea gegeben. Jedenfalls aber hatte es sich gezeigt, daß keine Zeit zu verlieren sei. Hansemann (s.d.) gründete nun im Mai 1884 mit Bleichröder die Neuguinea-Kompagnie (s.d.), welche alsbald den Reisenden Dr. Finsch (s.d.) entsandte. Wegen eines ev. Schutzes des Reiches befragt, erklärte Bismarck im August 1884, diesen Schutz allen von Finsch zu besetzenden Gebieten gewähren zu wollen, welche nicht schon nachweislich anderen Nationen gehörten. Finsch hißte dann in der Tat im Dezember 1884 an mehreren Stellen im Nordosten Neuguineas und auf dem Inselarchipel von Neubritannien die deutsche Flagge. Dieses Unternehmen rief nun aber in Australien und vornehmlich wieder in Queensland eine so wilde Erregung hervor, daß der nach allen Richtungen immer nachgiebige Gladstonesich zu feindseligen Schritten Deutschland gegenüber hinreißen ließ; der britische Schutz wurde im Frühjahr 1885 auch über den Nordosten der Insel, von der Huonbai bis zur Ostspitze, erklärt, also in Gebieten, wo z. T. auch eine deutscheFlaggenhissung stattgefunden hatte. Allein auch dieser Widerstand wurde rasch überwunden. Bismarck konnte sich ausnahmsweise auf den Reichstag stützen, der in diesem Falle einmal nicht dem Abgeordneten Bamberger folgte. Der Kanzler deutete England gegenüber leise die Möglichkeit der Aufrollung der ägyptischen Frage an. Es kam entscheidend hinzu, daß damals ein Krieg Englands mit Rußland bevorzustehen schien. So gab Gladstone rasch nach. In einer großen, etwas salbungsvollen Rede gab er selbst den deutschen kolonisatorischen Unternehmungen seinen Segen. Schon im April 1885 kam es zu Grenzabmachungen, die durch zwei Verträge des April 1886 ihre endgültige Form erhielten. Dadurch hat Deutschland den Nordosten Neuguineas erhalten (etwa vom 139 bis 148° ö. L.) mit der umstrittenen Huonbai, aber ohne die Ostspitze der Insel, nicht ganz ein Viertel von Neuguinea. England erhielt den Südosten und die Ostspitze, etwas über ein Viertel der Insel. Das deutsche Gebiet erhielt den Namen Kaiser-Wilhelmsland. Mit dem Nordosten Neuguineas kam die sich daran anschließende Inselgruppe Neubritannien (jetzt Bismarckarchipel) ebenfalls an das Deutsche Reich, ferner der nordwestliche Teil der sich an jene östlich anschließenden, von Franzosen im 18. Jahrhundert zuerst erforschten Salomoninseln, damals einschließlich der Insel Choiseul, die aber im Samoavertrag von 1899 (vgl. u.) wieder an England abgetreten wurde, das auch den Rest der Salomoninseln erhalten hatte. Die Abgrenzung der Interessensphären Frankreich gegenüber war schon im Dezember 1884 erfolgt. Über die Erwerbung des Inselgebietes von Mikronesien s. unter 6. S.a. Grenzfestsetzungen u. Deutsch-Neuguinea, Abschnitt Geschichte.

6. Marshallinseln, Karolinen, Marianen und Palauinseln. Auf verschiedenen Gruppen des Marshallarchipels war der deutsche, vornehmlich hanseatische Handel schon stark vertreten, als im Jahre 1878 ein deutscher Marineoffizier einen Vertrag mit einem Häuptling auf der größten Insel Jaluit abschloß. Die deutschen wirtschaftlichen Interessen nahmen darauf immer mehr zu, und so entschloß sich die Reichsregierung, nachdem sie einmal den Anfang mit kolonialen Erwerbungen gemacht hatte, in der zweiten Hälfte des Jahres 1885, Besitz zu ergreifen. Verwicklungen sind daraus in keiner Richtung entstanden. England erkannte den deutschen Erwerb noch in demselben Jahre an. Sehr viel schwieriger gestaltete sich der Erwerb der Karolinen (mit Marianen und Palauinseln). Sowohl die deutsche, wie die britische Regierung standen auf dem Standpunkt, daß diese Inselgruppen einer europäischen Macht, also auch Spanien, nicht gehörten. Dieser Auffassung hatten sie aus Anlaß eines Konflikts im Jahre 1875 Ausdruck gegeben. Damals hatte nämlich der spanische Konsul in Hongkong einem deutschen Schiff die Ausfahrt nach den Karolinen verwehrt, indem er sie als alten spanischen Besitz bezeichnete, wo die Handelsmonopolbestimmungen des 16. Jahrhunderts noch Geltung hätten. Bismarck erklärte darauf in einer geharnischten Note, die spanische Souveränität nicht anerkennen zu können, da sie weder auf Verträgen beruhe - die berühmte Teilung der Welt von 1494 wollte er begreiflicherweise nicht berücksichtigen - noch aber ausgeübt werde, da die Spanier keine Beamten und Behörden auf den Inseln unterhielten. Die englische Regierung schloß sich diesem Standpunkte noch 1875 an. Spanien verzichtete daraufhin zwar auf die Störung des deutschen und englischen Handels mit den Karolinen, aber keineswegs auf die Inselgruppen selbst. Im Jahre 1885 nun verfügten England und Deutschland, bei den schon genannten Grenzabmachungen über Neuguinea und die vorgelagerten Inselgruppen, gemäß ihrer oben dargelegten Rechtsauffassung auch über die Karolinen, Marianen und Palauinseln, die Deutschland zugeteilt wurden. Als nun aber das Reich Besitz ergreifen wollte, erhob sich in Spanien eine lebhafte Erregung. Der Pöbel von Madrid ließ sich zu Beleidigungen von Deutschen, ja der deutschen Botschaft hinreißen. Bismarck verhandelte in dieser Lage außerordentlich vorsichtig und entgegenkommend. Er erklärte sich, wenn nur Genugtuung für die Völkerrechtsverletzung geleistet würde, zu einem Vergleich bereit. Nachdem Spanien diese Vorbedingung erfüllt hatte, schlug Bismarck zur allgemeinen Überraschung den Papst als Schiedsrichter vor, worauf Spanien zögernd einging. Leo XIII. fällte schon im Oktober 1885, den Schiedsspruch. Er stützte sich dabei vernünftigerweise weder auf die Bulle seines Vorgängers Alexander VI., die die Welt geteilt hatte, noch auf den Vertrag von Tordesilla von 1494, entschied aber doch im spanischen Sinne. Er begründete das spanische Eigentumsrecht an den Inseln unter anderem mit ihrer Entdeckung, mit vielen Wohltaten, die Spanien den Karolinen erwiesen habe und mit der Rechtsüberzeugung des spanischen Volkes. Auf der andern Seite wurde Spanien die Verpflichtung auferlegt, eine geordnete Verwaltung auf den Inselgruppen einzurichten, und den Deutschen das Recht zu gewähren, Handel zu treiben, Grund und Boden zu erwerben usw. Damals war also der Erwerb der Karolinen, Marianen und Palauinseln dem Deutschen Reiche mißlungen. 14 Jahre später sind sie ihm dennoch zugefallen. Nach dem völligen Zusammenbruch gegen die Vereinigten Staaten, in schrecklicher Finanznot, beschloß die spanische Regierung nach langem Zögern, auf den Vor schlag Deutschlands einzugehen, ihr die drei Inselgruppen abzukaufen. Der Kaufpreis betrug 16,75 Mill. M. Der Vertrag kam am 30. Juni 1899 zustande. Die zur Marianengruppe gehörige Insel Guam verblieb den Vereinigten Staaten, welche sie, zusammen mit den Philippinen, im Kriege Spanien abgenommen hatten. S.a. Deutsch-Neuguinea, Abschnitt Geschichte u. die einzelnen Inselgruppen.

7. Samoa. Auf der Samoagruppe war seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts die große Hamburger Firma Godeffroy & Co. (s.d.) tätig (zu deren Gunsten Bismarck im Jahre 1880 vergeblich die Samoavorlage im Reichstage durchzubringen versuchte). Daneben fanden sich bald amerikanische und englische Kaufleute und Missionare ein. Ende der siebziger Jahre erwarben alle drei Mächte je einen Hafen. Die Rivalität der drei Völker nahm bald sehr scharfe Formen an und zwar vor allem deswegen, weil sie sich mit dem Streit eingeborener Fürsten, vornehmlich auf der zweitgrößten Insel, Upolu, verquickte (s. Samoa 7 d). In den achtziger Jahren bekämpften sich hier die Großhäuptlinge Tamasese und Mataafa, von denen der erstere unter dem Einfluß des ehemaligen deutschen Offiziers Brandeis (s.d.) stand. Gegen Mataafa, der sich nicht nur gegen seinen Rivalen, sondern auch die ihn beschützenden Deutschen allerhand herausnahm, schritten diese seit 1887 mehrfach mit den Waffen ein. Am nachdrücklichsten war der im Jahre 1888 unternommene Versuch des deutschen Konsuls Knappe (s.d.) in Apia, der deutsche Marinesoldaten landen ließ, vielleicht in der Hoffnung, dadurch Tamasese zum Herrn der Insel zu machen und durch ihn eine deutsche Schutzherrschaft zu gründen. Das Unternehmen schlug aber fehl, da die Deutschen von der Übermacht der Mataafaleute, welche von dem Amerikaner Klein geführt wurden, unter empfindlichen Verlusten (2 Offiziere, 14 Mann tot) zurückgeworfen wurden. Die amerikanische und die englische Regierung protestierten gegen das deutsche Vorgehen, und auch Bismarck sprach sich im Reichstag gegen Knappe aus, der ohne Genehmigung der Regierung gehandelt habe. Daraufhin vereinigten sich die drei Mächte in der Samoaakte vom 14. Juni 1889, durch welche, mittelst sehr komplizierter Bestimmungen, de facto eine gemeinsame Schutzherrschaft Deutschlands, Englands und der Vereinigten Staaten eingerichtet wurde. Als oberster König wurde ein dritter eingeborener Fürst, Malietoa, anerkannt, während der ewig unruhige Mataafa einige Jahre später (1893) von den Deutschen nach den Marshallinseln deportiert wurde. Aber auch durch die Samoaakte wurde der Insel die dauernde Ruhe nicht- gebracht. Vor allem wurde die Lage wieder kritisch, als nach dem Tode Malietoas (1898) Mataafa zurückkehrte. Es kam nun zu neuen Kämpfen zwischen ihm und dem Sohne des verstorbenen Malietoa. Die Mehrzahl der Samoaner trat auf die Seite Mataafas, und schon schien er Herr von ganz Upolu werden zu sollen, als die Engländer und Amerikaner mit den Waffen gegen ihren einstigen Schützling einschritten. Sie bombardierten Anfang 1899 Apia, dessen Mataafa sich bemächtigt hatte. Dabei wurden auch deutsche Häuser getroffen und deutsches Eigentum zerstört. Es kam nun zu gereizten Verhandlungen zwischen dem Deutschen Reich einerseits, England und Amerika andererseits, aus denen aber die endgültige Regelung der Samoafrage hervorging. Sie wurde erzielt durch den Vertrag vom 14. Nov. 1899 (Samoavertrag), der im März 1900 endgültig bestätigt wurde. Durch ihn zog sich England, das vor dem Burenkriege stand, völlig aus Samoa zurück, wofür ihm Deutschland u. a. zwei Salomoninseln, darunter Choiseul (vgl. o.) und seinen Anspruch auf die Tonga- oder Freundschaftsinseln, südlich von Samoa, abtrat. Samoa seinerseits wurde zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten geteilt, wobei das Reich den Löwenanteil erhielt, nämlich den westlichen Teil der Inselgruppe: Sawaii (1700 qm), Upolu (700 qm) und die beiden zwischen den genannten Inseln liegenden Inselchen Apolima und Manono. Die Vereinigten Staaten kamen in Besitz der östlichen Gruppe, einer Anzahl von kleineren Inselchen, von denen die größte, Tutuila, nur zwischen 1/3 und 1/4 des Flächeninhaltes von Upolu umfaßt. S. a. Samoa 7 d: Politische Geschichte.

8. Kiautschou. Bis 1897 hatte dem Deutschen Reiche in Ostasien noch völlig ein Stützpunkt für seinen Handel gefehlt, wie ihn alle andern Weltmächte schon besaßen. In dem genannten Jahre sollte hierin Wandel geschaffen werden. Als im November d. J. in der Provinz Shantung zwei deutsche Missionare ermordet worden waren, besetzten drei deutsche Kriegsschiffe überraschend die Kiautschoubucht und die an ihrem Eingang gelegene befestigte Stadt Tsingtau und ließen dort die deutsche Flagge hissen. Dieses Unternehmen, das von Anfang an als dauernde Festsetzung geplant war, führte am 6. März 1898 zu endgültigen Abmachungen mit China. Die Bucht von Kiautschou mit ihren Inseln, ein größeres Gebiet nördlich von ihrem Eingang (mit Tsingtau) und ein kleineres südlich, im ganzen rund 550 qkm Land, wurden Deutschland auf 99 Jahre unter Verzicht auf alle Regierungsrechte von seiten Chinas, verpachtet. Zweitens wurde ein weit größeres, sog. neutrales Gebiet, dessen Grenze nämlich überall 50 km von der des deutschen Pachtgebiets halbkreisförmig verläuft, eingerichtet, in dem China keine Regierungsmaßregeln irgendwelcher Art ohne Zustimmung des Deutschen Reichs treffen darf. Drittens erstreckt sich der deutsche wirtschaftliche Einfluß maßgebend auf die ganze Provinz Shantung, in der zwei deutschen Gesellschaften sehr bedeutende Eisenbahn- und Bergwerksgerechtsame eingeräumt wurden. S.a. Kiautschou, insbesondere Abschnitt 2 u. 23. S.a. Okkupation.

Literatur: Gute, Knappe Überblicke über den Erwerb unserer Kolonien in den einleitenden Abschnitten von H. Schnee, Unsere Kolonien Lpz. 1908. - Kurt Hassert, Deutschlands Kolonien, 2. AuiZ. Lpz. 1909. (In letzterem Werke findet allerdings eine meist unberechtigte Animosität gegen England Ausdruck.) Ganz knapp auch in Dietrich Schäfers Kolonialgeschichte. 1. Aufl. Lpz. 1903 (Sammlung Göschen). - A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien. Gotha 1906. - F. Fabri, Fünf Jahre deutscher Kolonialpolitik. Gotha 1889. - Frhr. von Stengel, Fünfundzwanzig Jahre deutscher Kolonialpolitik. München 1909. - Kurt Herrfurth, Fürst Bismarck und die Kolonialpolitik. Berl. 1909. (Teil von Penzlers Geschichte des Fürsten Bismarck in Einzeldarstellungen.) - Henoch, Franz Adolph Eduard Lüderitz. Berl. 1909 (Koloniale Abhandlungen, Heft 25). C. Peters, Die Gründung von Deutsch-Ostafrika. Erinnerungen und Betrachtungen. Berl. 1906. - G. Roloff, Geschichte der europäischen Kolonisation seit der Entdeckung Amerikas. Heilbronn 1913.

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