Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 588 f.

Etappenwesen. Das E. hat für die Kriegführung mit weißen Truppen in den Kolonien eine noch größere Bedeutung und Wichtigkeit, als in einem einheimischen Kriege, weil in der Kolonie die Truppe zum großen Teil auf den Nachschub aus der Heimat angewiesen ist und sich beim Versagen der Zufuhr nicht wie in der Heimat mehr oder minder gut behelfen kann, sondern in ihrer Tätigkeit lahmgelegt, oft geradezu in ihrem Bestand bedroht ist. Die Aufgabe der Etappe ist in einem Kolonialkriege schwieriger und vielseitiger als in der Heimat, weil der Seetransport, das Landungswesen und die Transportschwierigkeiten in einem durch Eisenbahnen und Straßen wenig erschlossenen Lande mit seinen dem Europäer in Klima und Lebensbedingungen ungewohnten Verhältnissen gewaltige und ungewöhnliche Anforderungen an die Etappe stellen; die weite Entfernung des Kriegsschauplatzes von der Heimat erfordert eine weit vorausschauende Fürsorge der Etappe und zielbewußte Vorbereitungen für einen längeren Zeitraum, denn alle Bestellungen und Ersatzanforderungen würden nie rechtzeitig wirksam werden, wenn sie erst auf Grund des bereits eingetretenen Bedarfs erfolgen würden. -Man hat Kolonialkriege mit Recht Etappenkriege genannt. In dem Eingeborenenaufstand in Deutsch - Südwestafrika 1904/07 (s. Hereroaufstand) war die Etappe mit ihren Truppen und Behörden dreimal so stark an Personal als die am Feinde befindliche Truppe. - In einem Kolonialkriege muß, wenn es die Kriegslage irgendwie zuläßt, zunächst der ordnungsmäßige Ausbau der Etappe erfolgen, möge er auch noch so viel Zeit erfordern, bevor mit den Operationen begonnen wird, weil sonst auf einen nachhaltigen und entscheidenden Erfolg nicht zu rechnen ist. - Die Organisation des E. in der Kolonie lehnt sich im allgemeinen an diejenige des heimischen Heeres an. Die Etappe ist dem mit der Leitung der kriegerischen Unternehmung betrauten Truppenkommandeur unterstellt; dieser trifft über die Abgrenzung des Etappengebiets und die Festlegung der Etappenlinien die näheren Anordnungen. - An der Spitze des E. steht der Etappenkommandeur, dem ein Stab unter Leitung eines Generalstabsoffiziers zugewiesen ist. Zur Etappe gehören im allgemeinen folgende Formationen: 1. Etappenintendantur mit Magazinund Baupersonal, 2. Etappenjustizbeamte, 3. Kommandeur des Etappentrains, 4. Etappentrainkompagnien, 5. Etappenbäckereikolonne, 6. Etappenpferdedepot, 7. Etappenartillerie-, Pionier- und Traindepot (mit Werkstatt), 8. Etappenbekleidungsdepot (mit Werkstatt), 9. Kriegslazarettdirektor, 10. Kriegslazarettabteilung, 11. Etappensanitätsdepot mit Trainkolonne, 12. Hafenkommandantur mit Scheinwerferabteilung, letztere für die Erleuchtung des Hafens bei nächtlichen Entladungen, 13. Etappenkommandanturen. Ferner werden nach Bedarf Eisenbahntruppen (s.d.), technische und Verkehrstruppen, sowie die zur Sicherung des Etappengebiets erforderlichen Etappentruppen zugeteilt. Wenn Truppenteile auf räumlich weit voneinander getrennten Schauplätzen operieren, so kann unter Umständen für jeden dieser Schauplätze eine besondere Etappenlinie bestimmt und je einem besonderen Etappenkommando unterstellt werden.

Nachtigall.