Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 601 f.

Farbstoffe. Die natürlichen Farbstoffe stammen aus allen drei Naturreichen. Sie werden nach ihrer Verwendung in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen dienen nur zum oberflächlichen Färben und werden mit einem Bindemittel auf die zu färbenden Gegenstände aufgetragen. Man nennt sie Körper- oder Anstrichfarben. Siestammenzumgrößten Teil aus dem Mineralreich und werden deshalb zum Teil auch Erdfarben genannt. Mineralien von verschiedener Farbe werden gemahlen und geschlemmt, geeigneten Bindemitteln zugesetzt und so zum Anstrich verwendet, so z.B. Schwerspat, Zink- und Bleiweiß für weiße Farben, eisenhaltige Erden und Tone zum Gelb-, Braun- und Rotfärben, Mennige und Zinnober ebenfalls zum Rotfärben, Ultramarin für blaue und Schweinfurter Grün für grüne Farben. Die Verwendung dieser Farben ist bei fast allen Völkern unserer Kolonien verbreitet, tritt aber mehr und mehr durch das Vordringen der künstlichen Farbstoffe zurück. Die Erzeugnisse der chemischen Industrie verdrängen allmählich auch in den entlegensten Eingeborenenhütten die überlieferten, seit Jahrhunderten gebrauchten, natürlichen Farbstoffe. - Ähnlich liegen die Verhältnisse für die zweite Gruppe von Farben, die in erster Linie zum Färben von Spinnstoffen, Geweben und Papier gebraucht werden. Sie dringen in die zu färbenden Objekte ein und werden als Zeugstoffe und meist kurz als F. bezeichnet. Sie stammen zum größten Teil aus dem Pflanzenreich, ein kleinerer Teil wird dem Tierreich entnommen. Auch die Pflanzenfarbstoffe haben einen schweren Stand gegenüber den künstlichen Erzeugnissen. Allgemein bekannt ist ja der rapide Rückgang der Indigokultur seit der Erfindung des künstlichen Indigos. Trotzdem werden sie sich doch wohl für manche, meist wertvollere Färbungen und beim Färben von Eßwaren eine gewisse Bedeutung erhalten. Zum Verständnis der Pflanzenfarbstoffe sei erwähnt, daß die größere Zahl derselben nicht direkt in den betreffenden Pflanzenteilen enthalten ist, sondern erst durch einen Aufbereitungsprozeß aus den vorhandenen Komponenten entsteht. Bei manchen Farbpflanzen tritt die Entwicklung der Farbe schon während des Lebensprozesses ein, so z.B. bei den Farbhölzern, muß aber ebenfalls nachträglich durch die Aufbereitung weiterentwickelt werden. Als Beispiel möge der Indigo (s.d.) dienen. Die Pflanzen zeigen allerdings einen schwachen Stich ins Bläuliche, enthalten aber zunächst einen farblosen Stoff, das Indikan, welches bei der Gewinnung durch einen Gärungsprozeß in einen weißen Farbstoff, Indigweiß, und einen Zucker gespalten wird. Das Indigweiß oxydiert an der Luft zu Indigoblau. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei der Lackmusflechte, die natürlich ein weißgraues Aussehen besitzt und in nichts den Träger eines blauen Farbstoffs verrät. In Gruben gepackt und mit ammoniakalischem Wasser (Gaswasser, Harn usw.) übergossen, entsteht eine rote bis violette Farbe, die durch Zusatz von Kreide oder Pottasche in Blau übergeht. - Die wichtigsten, für überseeische Gebiete in Betracht kommenden Pflanzenfarbstoffe sind nach den Farben eingeteilt, etwa folgende:

1. Schwarze bis braune Farben. In Ostindien und auf den Sundainseln wird aus dem Holze der Acacia Catechu der wässerige, eingedickte und getrocknete Auszug als Catechu, Cutch oder Braune Terra japonica in mehr oder weniger regelmäßigen, in Blätter eingewickelten Formen in den Handel gebracht. In ähnlicher Weise liefern in Hinterindien die Blätter des kletternden Strauches Nauclea Gambir die gelbe Terra japonica, gelbes Catechu oder den Gambir. Er kommt ebenfalls in Blöcken, außerdem aber auch in kleinen Würfeln in den Handel. Beide, Catechu und Gambir, dienen zum Gerben und Färben. Sie liefern eine schöne braune Farbe meist für Baumwolle und Catechu auch eine schwarze Farbe für Seide. - Unter Kino versteht man den eingedickten Saft aus der Rinde oder dem Holze verschiedener Bäume. Er ist ebenfalls stark gerbstoffhaltig und kann zum Gerben und Färben verwendet werden. Die meisten Kinos enthalten nebenher noch einen roten Farbstoff, d er die Farbwirkung nicht unwesentlich beeinflußt. Kinoliefernde Pflanzen gibt es fast in allen tropischen Gebieten. An der Malabarküste liefert Pterocarpus marsupium einen Teil der Handelsware, in Bengalen und auf Amboina Butea frondosa, in Afrika Pterocarpus erinaceus, in Westindien Coccoloba uvifera und in Australien verschiedene Eukalyptusarten. -

2. Blaue Farben. Unter den Stammpflanzen der blauen Farbstoffe hat bis zum Emporkommen der künstlichen Konkurrenten der Indigo (s. d.) an erster Stelle gestanden. Dazu kam das Blauholz, über das Näheres unter dem Stichwort Farbhölzer zu finden ist. Weiter sei hier die Lackmusflechte oder Orseille genannt, die an den Felsenküsten des Mittelmeergebiets sowie auf den Kanaren und Azoren wild gesammelt wird. Über die Gewinnung des Farbstoffes ist das Nötige oben gesagt worden. -

3. Unter den roten Farbstoffen ist hier neben den bei den Farbhölzern besprochenen Rothölzern die Krappwurzel oder Färberröte zu erwähnen. Sie spielte vor der Entdeckung der künstlichen Farbstoffe eine ebenso bedeutende Rolle wie der Indigo. Betrug doch die Gesamtproduktion in der Mitte des vorigen Jahrhunderts 700 000 dz. Die Färberröte ist in Südeuropa und in Asien heimisch und wurde u. a. in Holland, im Elsaß, in Südfrankreich und in der Türkei (Levante) in großem Maßstabe angebaut. Der Farbstoff hieß Alizarin und hat dem künstlichen Produkt den Namen gegeben. Auch hier entwickelt sich der Farbstoff stärker durch mehrjähriges Aufbewahren in gegen Licht und Luft geschützten, feuchten Kellern. Andere Arten der Krappflanze (Rubia tinctoria) finden sich in Indien und in Ostafrika und werden dort in ähnlicher Weise verwendet. In unserer Kolonie dient die gekaute Wurzel zum Rotfärben des Leders. -

4. Gelbe Farben gibt außer den oben unter Farbhölzern besprochenen Gelbhölzern und der unter Annato erwähnten Orleanssaat die Kurkuma oder Gelbwurz, eine in Indien, China und Java kultvierte, mit dem Ingwer verwandte Staude. Der Farbstoff ist in dem teils kugeligen, teils walzenförmigen Wurzelstock enthalten. Die Kurkuma liefert eine gelbbraune Farbe, die in beschränktem Maße zum Färben von Genußmitteln und Medikamenten verwendet wird. In der Chemie dient der Farbstoff als Reagens auf Alkalien. Außerdem ist die Gelbwurz ein bekanntes Gewürz (s.d.) und wird deshalb auch Gelber Ingwer genannt. - Einen mannigfaltig verwerteten Farbstoff liefert noch der Stocklack. Über diesen interessanten Rohstoff wird das Nähere unter den Harzen zu besprechen sein. Durch Ausziehen mit heißem Wasser wird dieser rote Farbstoff aus dem Stocklack gewonnen und als Lacklack oder Lack - dye aus Ostindien in dunkelroten Platten in den Handel gebracht. Unter den tierischen Farbstoffen ist allein die Cochenille erwähnenswert. Es sind die getrockneten Weibchen der Nopal- oder Scharlachschildlaus, Coccus Cacti, die in Mexiko heimisch, heute auch in anderen Gebieten Mittelamerikas, in Südamerika, auf Teneriffa und Java auf verschiedenen Kakteen gezogen wird. Die gezogene Ware ist wertvoller als die wild gesammelte. Der rote Farbstoff der Läuse, Karminrot genannt, diente früher in umfangreichem Maße in der Wollfärberei. Seine Verwendung tritt aber immer mehr hinter den künstlichen Farbstoffen zurück. Außerdem wird er zur Herstellung von Schminke und zum Färben von Tinkturen und Zuckerwaren benutzt. Über die von den Eingeborenen gebrauchten F. s. Kunst der Eingeborenen.

Voigt.