Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 607

Feste des Islam. Der orthodoxe Islam (s.d.) kennt zweierlei Arten religiöser F., die gesetzlich durch die Scheria (s.d.) als solche festgelegten F. und die populären Mohammed - F. -

1. Die gesetzlichen F. Das islamische Jahr kennt zwei Haupt - F., das große und das kleine F. (arab. Id, türk. Bairam). Das große F., auch das Opfer-F. (adha) genannt, findet am 10. Dhu 'l - Hidjdje (letzter Monat des isl. Mondjahres) statt. An diesem Tag wird im Tale Muna bei Mekka das feierliche Opfer der Hadjis, der Mekkapilger dargebracht, und deshalb schlachtet an diesem Tag jeder freie Muslim, sofern er es vermag, ein Stück Kleinvieh. Der Opfernde und seine Familie essen davon, aber auch die Armen erhalten ihr Anteil. Außerdem findet ein F.Gottesdienst auf einem freien Platz außerhalb der Stadt, auf dem sog. Musalla, statt, doch ist an Stelle des Musalla jetzt meist die Moschee getreten. Das kleine F., das übrigens in der ganzen Islamwelt viel intensiver gefeiert wird, fällt auf den 1. Schauwal, mit dem der beschwerliche Fastenmonat Ramadan überwunden ist. Es wird auch Id el - fitr, das F. des Fastenbrechens genannt. Man gibt ein Geschenk an die Armen und feiert einen F.gottesdienst auf dem Musalla resp. in der Moschee. Auf die Afrikaner hat dies F. mit dem vorangehenden qualvollen Fastenmonat einen solchen Eindruck gemacht, daß primitive F. des Jahresanfangs damit zusammengefallen sind, ja die Monatszählung damit ihren Anfang nimmt (suah. Mfunguo, der Fastenbrecher). Überall. werden beide F. mit Besuchen, Gratulationen, Muminationen und nächtlichen Volksbelustigungen gefeiert. Das dritte gesetzliche F. am 10. Muharram, das dem Judentum entlehnte Aschura - F., spielt im öffentlichen Leben keine Rolle; schon Mohammed hat dies von ihm eingeführte F. nach seinem Bruch mit den Juden sehr zurücktreten lassen. Dagegen ist es zum HauptF. der Schiiten (s.d.) geworden.

2. Die populären Mohammed - F. sind erst allmählich im Islam üblich geworden. Ihr Aufkommen war erst möglich, nachdem unter christlichem Einfluß aus dem Menschen Mohammed der größte Heilige und Wundertäter aller Zeiten geworden war. Die Geschichte dieser F. liegt noch im Dunkel, doch sind ihre Anfänge verknüpft mit dem schwärmerischen Mohammedkult der in der Seldjuken (Kreuzzugs)zeit aufkommenden religiösen Bruderschaften (s. Derwische). Diese F. sind offenbar christlicher Praxis nachgebildet. Das Haupt - F. ist das Maulid en - Nabbi, das Geburts - F. des Propheten. Es wird am 12. Rabi I, seinem konventionellen Geburtsund Todestag, gefeiert durch Verlesung eines Maulidtextes (suah. maulidi), d. h. einer poetischen Verherrlichung seiner Präexistenz, seiner Geburt und seines wundererfüllten Lebens. Am beliebtesten sind aus dieser sehr großen Literatur das Maulid des Barsandji und das sog. Maulid ja sharaf al- anam". Ein besonderer Gottesdienst findet nicht statt, doch wird ein Maulidtext wohl auch gelegentlich in der Moschee verlesen; das gehört jedoch nicht zum Kultus. Man feiert an manchen Orten eine ganze Woche. Die heiligsten Nächte sind die vor dem Montag dieser Woche und die, welche. dem 12. vorangeht. Das Maulidthema ist so beliebt, daß Maulidtexte auch bei anderen F.lichkeiten verlesen werden, ja man sagt z.B. im Suaheli direkt Kufanya maulidi, wenn man ein Fest veranstalten will. In manchen Ländern ist das Prophetenmaulid das größte F. des Jahres, namentlich was die Beteiligung des Volkes betrifft. Ein zweites, weniger begangenes Mohammed - F. ist das Miradj (suah. Miraji), das F. seiner Himmelfahrt. Es ist eine Erinnerung seiner Entrückung von Mekka nach Jerusalem und dann zu Gott, die kurz vor der Hedjra erfolgte. Die Lailat a1- Miradj, d.h. die Nacht der Himmelfahrt, ist die vor dem 27. Radjab. Auch hierfür gibt es poetische Texte, die meist Gespräche Mohammeds mit dem ihn begleitenden Engel Gabriel enthalten. Man erbaut sich daran, ohne einen besonderen kultlichen Akt vorzunehmen. Es gibt auch ein F. der Empfängnis Mohammeds, das aber nicht allgemeine Geltung erlangt hat. - Sämtliche genannten F. sind solche des Mondjahres und gemeinislamisch. Dazu kommen nun noch die häufig islamisierten vorislamischen F. des Sonnenjahres und die islamischen Heiligen - F. resp. Maulids, nach Mond- oder Sonnenjahr, die lokal völlig verschieden sind und meist viel Heidnisches erhalten haben.

Literatur Th. W. Juynboll, Handbuch de8 i81am. Gesetzes, Leyden u. Leipzig 1910, 126 ff.

C. H. Becker.