Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 608

Fetisch, künstlich verfertigter lebloser Gegenstand, dem eigene magische Kräfte zugeschrieben werden. Das Wort und der Begriff sind mißverständlich und werden besser vermieden. F. wird auf "facticius" = "künstlich" zurückgeführt, geht aber geschichtlich auf portugiesisch feitico = "Zauberei" zurück, da die Portugiesen die ihnen in Westafrika zuerst entgegentretenden Religionsformen der Eingeborenen als Zauberei be.trachteten. Erst eine spätere Zeit wandte den Begriff auf andere Völker an, und der Eingeborene hat erst vom Europäer gelernt, heterogene Dinge von übernatürlicher Bedeutung mit dem ihm ursprünglich fremden Worte F. zu bezeichnen. Mahnt schon die frühe europäische Herkunft des Wortes zur Vorsicht, da hier europäische Begriffe ohne weiteres auf afrikanische Dinge angewandt wurden, so lehrt die seither erlangte Kenntnis primitiver Religionen, daß unter F. ganz verschiedene Dinge verstanden werden. Auszuscheiden sind zunächst alle Erzeugnisse, die der Europäer aus Unkenntnis als F. bezeichnet, die aber für den Eingeborenen keine übernatürliche Bedeutung haben. Ferner scheiden alle die J." aus, die häufig in menschlicher oder tierischer Form oder mit entsprechenden Zusätzen hergestellt werden und Sitze eines persönlichen Geistes sind; sie gehören als Idole in das Gebiet des Animismus und des Manismus (s. Religionen der Eingeborenen). Übrig bleiben die Zaubermittel der Natürvölker. Sie dienen den Menschen zum Zaubern oder können auf eine Anrufung hin selbständig ihre Zauberkraft ausstrahlen. Im letzteren Falle sind sie Subjekte des Zaubers und werden als F. bezeichnet. Aus dem europäischen Kulturkreis gehört zum Teil das Amulett (s.d.) und der Talisman hierher. Ersteres ist ein passives Schutzmittel gegen alle oder bestimmte Gefahren, das offen getragen wird, letzteres ein aktives Zaubermittel mit allgemeinen (Stein der Weisen) oder begrenzten Kräften, das man unauffällig. trägt, oder dessen Kraft nur dem Wissenden erkennbar ist" da der Träger wünschen wird, nicht erkannt zu werden.

Literatur: F. Schultze, Der Fetischismus. Lpz. 1871 (enthält die ältere Auffassung des F.). - W. Wundt, Elemente der Völkerpsychologie. Lpz. 1912.

Thilenius.