Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 611 f.

Feuerwaffen. Die Aufrechterhaltung des Friedens, die Beherrschung der eingeborenen Bevölkerung und der Schutz der öffentlichen Sicherheit wird wesentlich erschwert, wenn die Bevölkerung mit dem Gebrauche von F. schon vertraut ist. Als die deutschen Schutzgebiete in Besitz genommen wurden, waren überall, mit Ausnahme von Teilen der westlichen Südsee die Eingeborenen an der Küste im Besitz von F. (s. Bewaffnung, Waffen der Schutz- und Polizeitruppen). Gewehre und Pulver bildeten einen wichtigen Teil der Einfuhr und fanden immer weiter im Innern bereitwillige Aufnahme, am meisten bei den kriegsgewohnten Bewohnern von Deutsch-Südwestafrika und bei den Arabern in Deutsch - Ostafrika, denen die Sklavenjagden (s. Sklavenhandel) und die immer weitergehende Verwüstung des Innern dadurch erleichtert wurde. So zeigte sich alsbald die Notwendigkeit, die Versorgung der Eingeborenen mit F. einzuschränken, wenn möglich zu beseitigen. Freilich stieß dies auf erhebliche Schwierigkeiten. Man stieß auf alte Handelsgewohnheiten, auf Gewohnheiten der Eingeborenen, die nur mit Aufgebot großer materieller Macht hätten plötzlich unterdrückt worden können. Die Notwendigkeit, sich gegen wilde Tiere verteidigen zu können, sprach auch in manchen Gegenden gegen die Entwaffnung. So begnügte man sich zunächst regelmäßig mit einer Beschränkung des Führens von F. Man ließ dem Handel Steinschloßgewehre und das gewöhnliche Schwarzpulver (Handelspulver) und suchte - in Deutsch - Südwestafrika leider zu spät das Eindringen der viel gefährlicheren Präzisionswaffen (gezogene Gewehre, Hinterlader) und der dazugehörigen Munition zu verhindern, den Handel und Besitz der erlaubten Waffen zu kontrollieren und zu vermindern, was auch gegenüber der weißen Bevölkerung nötig ist, um mißbräuchliche Versorgung der Eingeborenen zu verhindern. Die Maßregeln einzelner Kolonialregierungen aber wurden vereitelt durch den stets Regen Schmuggel mit F. und mit Munition. Demgegenüber bestimmte schon die Generalakte der Brüsseler Antisklavereikonferenz (s.d.) von 1890 für die von ihr betroffenen Gebiete (zwischen dem 20° n. Br. und dem 22° s. Br.), daß allgemein der Handel mit F. und Munition nur unter der Bedingung gestattet sein sollte, daß sie bei der Einfuhr in öffentlichen Lagerhäusern hinterlegt und nur mit Erlaubnis und an zuverlässige Personen hinausgegeben werden sollten. Zu Handelszwecken sollen nur nichtgezogene Feuersteingewehre und Handelspulver herausgegeben werden und nur für bestimmt benannte Bezirke. Die der Generalakte entsprechenden Bestimmungen sind von den beteiligten Mächten dann ins Leben gesetzt, wenn auch mit ungleichem Erfolg. Insbesondere haben gewisse portugiesische Gebiete immer als Sitze des Schleichhandels gegolten. Eine wichtige Erweiterung der Generalakte bildete dann das zwischen dem Deutschen Reiche, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Portugal und dem Unabhängigen Kongostaat geschlossene Abkommen vom 22. Juli 1908, wonach die Einfuhr von Schußwaffen, Munition und Pulver jeder Art, soweit sie für Eingeborene bestimmt sind, und der Verkauf an Eingeborene innerhalb einer gewissen Zone vom 15. Febr. 1909 ab auf 4 Jahre verboten wurde. Das Sperrgebiet umfaßt namentlich das ganze Schutzgebiet Kamerun, das anstoßende spanische Gebiet und im konventionellen Kongobecken einen großen Teil von Französisch- Äquatorialafrika und den Westen des Kongostaats. Das Abkommen wurde von seiten Frankreichs zum 15. Febr. 1913 gekündigt, gilt aber laut Bek. des Reichskanzlers vom 17. Dez. 1913 zwischen Deutschland und Spanien weiter. In Kamerun selbst, wo die durch die Brüsseler Generalakte vorgeschriebenen Maßregeln durch V. vom 16. März 1893 eingeführt waren, war schon am 14. April 1905 die Einfuhr von Vorderladern und Handelspulver verboten. Die durch die neue Vereinbarung nötigen Maßregeln sind durch V. vom 30. Dez. 1908 getroffen, Verkauf und Überlassung von F., Munition und Pulver an Eingeborene verboten (mit Ausnahme der Fälle, in denen Ausübung der Jagd durch eingeborene Jäger gestattet ist), die Führung von Präzisionswaffen war schon bisher von obrigkeitlicher Erlaubnis abhängig gemacht. - In Togo war der Verkauf von Hinterladern und zugehöriger Munition schon seit 14. Sept. 1890 verboten, die Bestimmungen der Brüsseler Generalakte am 16. Sept. 1892 in Kraft gesetzt. Für gewisse nördliche Gebietsteile ist die Waffeneinfuhr verboten (1906). - In Deutsch-Ostafrika wurde, nach früheren einschränkenden Anordnungen, 1891 für das Küstengebiet, 9. Juli 1892 allgemein, die Einfuhr von F., Munition und Pulver dem Gouvernement vorbehalten. Die noch im Besitze von Eingeborenen befindlichen F. sollten gestempelt und eingetragen, der Besitz von gezogenen usw. Gewehren von Erlaubnis abhängig gemacht werden. Nach der V. vom 9. März 1906 ist das Feilhalten von Hinterlader- usw. Gewehren verboten, sowie deren Besitz durch Eingeborene. Für die Führung von F. bedarf es eines Erlaubnisscheins, dessen Lösung mit jährlicher Zahlung einer Steuer von 2 Rupien für ein Gewehr, 1 Rupie für eine Pistole verbunden ist, während für die den Eingeborenen gestatteten Waffen die Steuer 1 Rupie beträgt (RE. vom 8. April 1908). Diese Sätze sind durch V. vom 4. Febr. 1913 unter Wegfall der jährlichen Zahlung auf 10 R. für Hinterlader oder Schaftpistolen, auf 5 R. für andere Feuerwaffen erhöht. Der Handel mit glatten Gewehren und mit Handelspulver ist nach wie vor Regierungsmonopol. Die Abgabe wird möglichst eingeschränkt. - In Deutsch-Südwestafrika hat der Waffenbesitz der Eingeborenen in den Kämpfen mit den Eingeborenen und schließlich in dem großen Aufstande (s. Hereroaufstand) die schmerzlichsten Folgen gehabt. Präzisionswaffen waren hier schon vor der deutschen Schutzherrschaft allgemein verbreitet, der Handel damit unbeschränkt bis 1890, von da bis 1897 der Genehmigung unterworfen, die seit dem Witboikrieg (1893, s. Witboi) immer straffer gehandhabt wurde. Durch V. vom 29. März 1897 wurde der Verkauf von F. und Munition Regierungsmonopol, durch Stempelung der vorhandenen Gewehre der Waffenbesitz unter Kontrolle gebracht, der Schmuggel möglichst bekämpft, Gewehre und Munition an Eingeborene nur gegen Erlaubnisschein und zum doppelten Preise abgegeben. Nach der Niederwerfung des Aufstandes wurden die im Aufstande gewesenen Eingeborenen allgemein entwaffnet, das Führen von F. durch sie untersagt (eingeschärft 3. Juli 1907). Durch V. vom 27. Dez. 1909 ist der Verkauf von Waffen und Munition an Farbige allgemein eingestellt, vereinzelte Ausnahmen von Genehmigung des Gouvernements abhängig gemacht. - Im Schutzgebiete Deutsch-Neuguinea, in dessen einzelnen Teilender Verkehr mit F. durch eine Reihe von seit 1886 ergangenen Verordnungen teils beschränkt, teils verboten war, ist durch V. vom 1. Okt. 1909 einheitlich Eingeborenen der Besitz von Schußwaffen und Schießbedarf untersagt und die Verabfolgung an sie verboten. Für die ausnahmsweise erteilte Erlaubnis - (namentlich für "Schießjungen") ist eine jährliche Gebühr zu zahlen. - In Kiautschou ist für den Kleinverkauf von F. ein Berechtigungsschein erforderlich. S a. Bewaffnung und Waffen der Schutz- und Polizeitruppen.

Literatur: Th. Leutwein, Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika, 249 ff., 3. Aufl., 1908. -Graf von Götzen, Deutsch- Ostafrika im Aufstand 190516, 243 ff., 1909.

Rathgen.