Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 613

Ficus, Pflanzengattung aus der Familie der Moraceen. Sie begreift die Feigenbäume in sich, Gewächse, welche dadurch gekennzeichnet sind, daß ihre winzigen, - meist eingeschlechtlichen Blüten in kugligen Rezeptakeln zur Entwicklung gelangen. Die Eß- oder Smyrnafeige stellt ein solches Rezeptakulum dar. Schneidet man sie der Länge nach auf, so findet man darin eine zentrale Höhlung, die mit harten Körnchen erfüllt ist. Jedes dieser ist im botanischen Sinne eine Frucht, denn es ist aus dem Fruchtknoten einer weiblichen, mitunter auch zwittrigen Blüte hervorgegangen. Die reife Feige, die der Laie für eine Frucht hält, ist daher in Wahrheit ein ganzer becheroder krugartig ausgebildeter Fruchtstand. Weitere Merkmale der F.arten sind Nebenblätter, die das dazugehörige Laubblatt in Form einer Tüte in sich schließen und die beim Abfallen eine kreisrunde Narbe am Zweige hinterlassen, ferner Milchsaftschläuche in der Rinde und den Blättern. Es gibt gegen 600 verschiedene Feigenbäume, die Mehrzahl davon in den Tropen der alten wie der neuen Welt. Unter Banyanfeigen, deren Hauptvertreter F. benghalensis ist, versteht an solche, die aus dem Stamme wie aus den dickeren Ästen abwärts, nach dem Boden zu wachsende Adventivwurzeln entwickeln. Würgerfeigen leben anfangs epiphytisch auf anderen Bäumen, auch auf Palmen, in deren Kronen Vögel oder Affen ihre den Darmkanal ungeschädigt passierenden Früchte verschleppt haben. Gleich nach der Keimung bilden sie Wurzeln, die am Stamm des Wirtsbaums abwärtslaufen, sich verflechten, immer mehr erstarken, ihn schließlich völlig umspinnen und zum Absterben bringen. - In Dörfern Afrikas und Asiens vertreten gewisse F.arten unsere Linden, indem ihre oft einen gewaltigen Umfang erreichenden Kronen die Rastplätze überschatten, die sich Einheimische wie Zureisende als Versammlungsstätten wählen. Nützlich für den Menschen sind die Feigenbäume weniger durch ihr Holz als durch ihre vielfältig eßbaren Rezeptakeln. Die dem Mittelmeergebiet angehörige Eß- oder Smyrnafeige (F. carica) und die von Ägypten bis zum Kaplande verbreitete Sykomore (F. sycomorus) werden besonders geschätzt. Kautschuk liefert der Milchsaft von F. elastica, F. Vogelii, F. rigo und mehreren anderen wie die letztere in Neuenea verbreiteten, aber noch wenig bekannten ten (s.Kautschuk). F benghalensis, F. religiosa und F. laccifera in Ostindien geben Schellack, ein Harz, das durch den Stich von Läusen zur Ausscheidung gebracht wird.

Literatur: J. Mildbraed et M. Burret in Englers Bot. Jahrb. Lpz. 1911.

Volkens.