Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 614 ff.

Filarien, fadenförmige, dünne Würmer, die besonders in den Tropen im Körper von Menschen und Tieren leben; ihre Größe schwankt von Finger- bis Meterlänge, ihre Dicke von der eines Pferdehaars bis zu der einer Darmsaite. Eine Gruppe dieser Parasiten hat die Eigentümlichkeit, daß ihre mikroskopisch kleine Brut, "die Blutmikrofilarien" (s. Farbige Tafel "Erreger der Tropenkrankheiten II" Abb. 7 - 8), in der Blutbahn ihres Wirtes kreist. Zu dieser Gruppe gehören, soweit der Mensch in Betracht kommt, die F. banorofti, F. loa, F. perstans und F. demarquayi; da die Blutmikrofilarien bei F. bancrofti gewöhnlich vorzugsweise oder sogar ausschließlich des Nachts im Blute erscheinen, die von F. loa aber im Gegensatz dazu am Tage, spricht man auch von einer Mikrofilaria nocturna und diurna, während, wie schon der Name andeutet, die von Mikrofilarien F. perstans - und ebenso auch von F. demarquayi - keinen von den Tageszeiten abhängigen "Turnus" innehalten. Über die Verbreitung dieser Parasiten in den deutschen Kolonien ist folgendes zu bemerken: F. bancrofti, die durch den Zusammenhang mit Elefantiasis praktisch wichtigste, kommt in fast allen tropischen und subtropischen Tiefländern vor und ist auch in unseren tropischen afrikanischen Kolonien, ebenso auf manchen der deutschen Südseeinseln heimisch; in Samoa ist der Parasit ganz besonders stark verbreitet, doch hält die Mikrofüarie dort keinen "Turnus" inne. F. loa, eine auf Westafrika beschränkte Art, ist im südlichen Kamerun überaus häufig, fehlt dagegen in Togo. - F. perstans ist in Kamerun, Togo und dem ostafrikanischen Seengebiet stellenweise sehr stark verbreitet; abgesehen von Afrika kommt der Wurm noch in Britisch - Guyana vor, während F. demarquayi bisher überhaupt nur dort und im benachbarten Westindien nachgewiesen ist. Alle Arten der Blutmikro - F. werden wahrscheinlich durch die Vermittlung blutsaugender Insekten verbreitet; sie werden mit dem Blute aufgesogen, entwickeln sich in den Insekten weiter, um dann durch den Stich der letzteren wieder auf einen anderen Menschen übertragen zu werden. Für die F. bancrofti sind dies, wie zweifellos erwiesen ist, eine Reihe von Mückenarten; die Tafel 54 zeigt, in welcher Weise die Übertragung stattfindet. Für F. perstans und F. demarquayi sind sehr wahrscheinlich ebenfalls Mücken die Überträger, während für F. loa in jüngster Zeit die Weiterentwicklung in bestimmten "Mangrove Fliegen" (Chrysopsarten) nachgewiesen ist. Die im Blute oft zu Millionen zirkulierenden mikroskopisch kleinen Mikro-F. werden im Agemeinen als harmlos betrachtet; die erwachsenen Würmer können jedoch zu Eiteransammlungen (tiefliegenden Muskelabszessen usw.) Veranlassung g eben und machen sich speziell bei F. loa (s. Tafel 54) dadurch unangenehm bemerkbar, daß - sie unter der Haut herumwandern, wobei sie oft unter der Augenbindehaut erscheinen; auch die sog. Calabarschwellungen (Tropenschwellungen, Kamerunschwellungen), die in plötzlich auftretenden und juckenden, aber nach einigen Tagen wieder spurlos verschwindenden Hautschwellungen bestehen, werden mit den Loa - Würmern in Beziehung gebracht. Die wandernden "Augenwürmer" und die Tropenschwellungen sind bei Europäern, die in Kamerun leben oder von dort zurückgekehrt sind, recht häufig, das Leiden ist aber im allgemeinen harmlos. Ernstere Störungen (auch von den oben erwähnten Abszessen, die bei allen bisher erwähnten F. arten vorkommen können, abgesehen) verursacht dagegen die F. bancrofti, weil der erwachsene Wurm im Gegensatz zu den anderen F.arten nicht in dem Bindegewebe des Körpers, sondern in dessen Lymphbahnen lebt und diese verstopfen kann; freilich bleibt auch die überwiegende Mehrzahl der F. bancrofti - Träger zeitlebens ganz ohne oder doch, ohne wesentliche Krankheitserscheinungen. Es kann jedoch nach Verstopfung der Lymphbahnen durch die Würmer zu Lymphdrüsenschwellungen, Entzündung der Lymphgefäße, Platzen von Lymphgefäßen in die Blase (Haematochylurie, d.h. die Entleerung eines milchigen oder blutig - milchig getrübten Urins) und anderen Krankheitssymptomen kommen; von diesen seien plötzlich eintretende und meist bald wieder verschwindende (zuweilen aber auch ohne operativen Eingriff tödlich verlaufende) schmerzhafte Hodenanschwellungen, .die an eine Tripperinfektion der Hoden denken lassen, wegen ihrer verhältnismäßigen Häufigkeit besonders erwähnt. Von manchen Autoren wird auch von einem "Filarienfieber", das übrigens nicht auf die Bancrofti - Art beschränkt sein soll, berichtet, doch sind die Ansichten darüber noch nicht völlig geklärt. Mit der F. bancrofti (nicht mit den anderen F. arten) steht ferner die Elefantiasis (s. Tafel 54) in engem Zusammenhang, d.h. eigenartige Hautverdickungen, besonders am Hodensack und an den Beinen (aber auch an den Armen, der weiblichen Brust und anderen Körperstellen), welche solche Dimensionen annehmen können, daß sie die Patienten auf das schwerste belästigen, ja praktisch bewegungsunfähig machen können. Der Bancrofti - Wurm, ist an der Elefantiasis nämlich dadurch beteiligt, daß er durch Verschluß der Lymphbahnen deren Infektion mit bestimmten Bakterienarten begünstigt, welche durch häufige, der "Gesichtsrose" ähnliche fieberhafte Entzündungen des Unterhautgewebes schließlich zu dessen Verdickung führen. - Eingeborene erkranken in unseren deutschen tropischen Kolonien recht häufig an Elefantiasis und anderen Bancrofti - Schädigungen, jedoch werden Europäer eigentlich nur in dem besonders stark mit F. bancrofti verseuchten Samoa davon befallen. - Die Behandlung der Elefantiasis ist hauptsächlich eine operative, doch sind in neuerer, Zeit auch medikamentöse Behandlungsmethoden (Fibrolysin Einspritzungen in das erkrankte Gewebe, Verabreichung von Eisenpräparaten und Phenokoll innerlich) vorgeschlagen, über deren Wert zurzeit noch kein definitives Urteil abgegeben werden kann. -Sonst können wir bei den besprochenen F.krankheiten nur die jeweiligen Beschwerden der Patienten durch entsprechende Behandlung mildern; unter der Augenbindehaut erscheinende Loawürmer werden vom Arzte operativ entfernt. - Um sich persönlich gegen F.infektion zu schützen, ist das Moskitonetz das wirksamste Mittel; gegen die LoaInfektion, die durch die am Tage stechenden "Mangrove - Fliegen" erfolgt, wird es allerdings nichts helfen können. Durch Mückenvernichtung, die sich jedoch nicht nur auf Anopheles (s. Anophelesmoskiten), sondern auch auf die anderen Arten erstrecken muß, wird F. bancrofti in größerem Maßstabe bekämpft; Europäer, die abseits der Eingeborenenhütten wohnen, sind bedeutend weniger gefährdet als solche, die zwischen ihnen leben. Außer den oben genannten F.arten gibt es noch andere, bei denen die junge Brut bisher noch nicht mit völliger Sicherheit im Blute gefunden ist und solche, bei denen die Nachkommenschaft nachweislich nie in das Blut des Menschen gelangt, sondern nach außen entleert wird. d. Letzteres ist bei dem Guineawurm (s.d.) der Fall, über den unter dem betreffenden Stichwort nachzulesen ist, ersteres trifft für den als F. (resp. Onchocerca) volvulus genannten Parasiten zu. F. volvulus ist bisher nur aus Westafrika bekannt, dafür aber in manchen Gegenden von Kamerun bei Eingeborenen recht häufig, und auch in Togo kommt sie vor. Der Wurm erzeugt derbe, unempfindliche, etwa haselbis walnußgroße oder auch größere Knoten. Diese bestehen dann aber aus mehreren Einzelknoten unter der Haut; mit Vorliebe sitzen sie über den seitlichen Abschnitten der Rippen, aber auch an anderen Plätzen, wo die Knochen nahe unter der Haut gelegen sind. Es gibt aber in vielen Tropengegenden und auch in Westafrika, Ostafrika und in der Südsee ganz ähnlich aussehende und bei Eingeborenen oft vorkommende Hautknoten, die mit diesen Wurmknoten nichts zu tun haben (Tumor juxtaarticularis). Schneidet man die Wurmknoten an, so findet man darin mehrere Exemplare der bis gegen 40 cm langen, zusammengeknäuelten Tiere. Eine Vereiterung dieser Knoten wurde bis vor kurzem für eine seltene Ausnahme gehalten, kommt aber anscheinend doch ziemlich häufig vor.

Literatur: In den Lehrbüchern der Tropenmedizin.

Fülleborn.