Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 636

Fischzucht im weiteren Sinne ist die Tätigkeit des Menschen zur Förderung des Fischbestandes. Man faßt unter dem Begriff F. oder künstliche F. in der Regel zwei ganz verschiedene Betätigungsarten zusammen, und zwar die künstliche Verpflanzung und Aufzucht von Fischen und anderen Meerestieren und die Vermehrung des Fischbestandes durch künstliche Befruchtung. Erstere wird in der See- wie in der Binnenfischerei mit großem Erfolge angewendet. Edelfische und Hummern, Austern und Muscheln werden in Frankreich und Nordamerika an Stellen ausgelegt, an denen sich viel natürliche Nahrung befindet und gelangen dort zu schneller und günstiger Entwickelung. In Dänemark bringt man Schollen von Nordseegründen, auf denen zu viele Fische und zu wenig Nahrung vorhanden ist, in den Limfjord, wo sie bei reichlicher Nahrung schnell heranwachsen. In der Binnenfischerei verpflanzt man Aalbrut, die man in einem Fluß der Westküste Englands, dem Severn fangen läßt - im Atlantischen Ozean liegen die Laichplätze des europäischen Flußaals, dessen Brut daher an den atlantischen Küsten in ungeheuren Mengen vorkommt - in die Seen und Flüsse des deutschen Binnenlandes. Zander, Hechte, Plötzen und andere Süßwasserfische werden, nachdem sie durch natürliche Fortpflanzung entstanden sind, in der Form von Eiern, Brut oder einjährigen Fischen an solche Gewässer versandt, in denen diese Arten fehlen. - Die künstliche Befruchtung wird in der Seefischerei zwar angewandt - in. Norwegen, Schottland, Nordamerika -doch scheinen die Erfolge den aufgewandten Mitteln nicht zu entsprechen. Bei der ungeheuren Fruchtbarkeit der Meeresfische und mit Rücksicht auf den Umstand, daß die natürlichen V erhältnisse, insbesondere die Witterung, die Entwickelung der Urnahrung und damit die der einzelnen Jahrgänge der Seefische in erster Linie beeinflussen, erscheinen auf diesem Gebiet besondere Maßnahmen nicht erforderlich. Ganz anders liegt es in der Binnenfischerei mit der künstlichen Vermehrung der lachsartigen und karpfenartigen Fische (Salmonidae und Cyprinidae). Der Lachsfang in den deutschen Strömen beruht heute wohl fast ausschließlich auf der Wirkung der künstlichen Lachszucht. Die künstliche Forellenzucht aber ist die Grundlage der ganzen Forellenteichwirtschaft. Die künstliche Befruchtung der Salmoniden (Lachse, Forellen, Coregonen) erfolgt in der Weise, daß man erst das laichreife Weibchen die Eier, dann das Männchen die Milch durch leises Streichen über den Bauch in eine leere Schüssel entleeren läßt, die Geschlechtsprodukte dann ohne Zusetzung von Wasser - durch vorsichtiges Rühren miteinander vermischt und die - dadurch befruchteten Eier in einem von Wasser durchströmten Kasten ausbrüten läßt. Bei einer Wassertemperatur von 100 C schlüpfen die Fische nach 40 Tagen aus, bei wärmerer Temperatur geht es schneller, bei kühlerer langsamer. Die kleinen Fischchen, die sich anfangs aus einem Dottersack nähren, können nach einigen Tagen in die Bäche oder Teiche ausgesetzt werden. Wesentlich anders vollzieht sich die Zucht der Cypriniden, von der aber nur die der Karpfen und Schleien eine große wirtschaftliche Bedeutung hat. Hier überläßt man die Befruchtung der Natur, indem man nur Maßnahmen trifft, um die natürliche Fortpflanzung zu fördern. Dafür legt man besonders kleine, ganz flache sog. Laichteiche an, in denen sich das Wasser leicht erwärmt. In diese setzt man, wenn das Wasser mindestens 190 C hat, am Abend 1 Weibchen und 2 Männchen, die gewöhnlich in der ersten Nacht ablaichen. Das Weibchen streicht 100 - 200 000 Eier an den Gräsern des Teiches ab, wo sie ankleben und vom Männchen befruchtet werden. Nach einigen Tagen schlüpfen die Jungen aus, die nur einen kleinen Dottersack haben, der nach 5 Tagen aufgezehrt ist. Dann müssen die Fischchen in die Brutteiche überführt sein, in denen sie Naturnahrung vorfinden müssen (s. Teichwirtschaft). In den deutschen Kolonien wird sich die künstliche Zucht der Cypriniden wahrscheinlich gar nicht, die der Salmoniden nur an wenigen besonders geeigneten Stellen der Gebirge ausführen lassen. Dagegen wird man später, sobald durch eine wissenschaftliche Untersuchung der in Betracht kommenden Gewässer in bezug auf die einheimischen lebenden Fische und ihrer Nährtiere die Grundlagen für eine rationelle Fischereiwirtschaft geschaffen sein werden, durch Verpflanzung und Aufzucht der im Lande vorhandenen Fischarten sicherlich zu guten Ergebnissen einer derartigen F. kommen können.

Lübbert.