Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 639

Flechten wurden früher für eine eigne Abteilung des Gewächsreiches gehalten, jetzt weiß man, daß es Pilze (Askomyzeten und Basidiomyzeten) sind, welche mit Algen (Schizophyzeen und Chlorophyzeen) derart in Symbiose leben, daß sie auf den Algen entweder nur parasitisch vegetieren oder aber mit denselben eine Vereinigung, ein Konsortium, bilden, das besondere, bei den Pilzen nicht vorkommende Wachstumserscheinungen zeigt. Die Fruchtkörper der F. sind solche des Pilzkomponenten, meist sog. Apothezien, die in Schläuchen (Asci) Sporen entwickeln. Als Standorte wählen sie je nach der Art den Erdboden, die Rinde von Bäumen oder nacktes Gestein und entziehen der jeweiligen Unterlage das Wasser mit den darin gelösten Nährsalzen durch feine Fäden (Rhizinen), die zugleich als Haftorgane dienen. Die F. sind ausgezeichnet dadurch, daß sie besonders auffällig da auftreten, wo aus klimatischen Gründen keine andere Vegetation mehr möglich ist, also in der arktischen und antarktischen Zone und auf den Spitzen der höchsten Gebirge. Ihre Resistenz ist darin begründet, völlig austrocknen zu können, ohne dadurch an Lebenskraft einzubüßen. - In Reiseschilderungen häufig erwähnt werden die Bartflechten (Usnea), die in Form langer, bleicher Strähnen namentlich von den Bäumen tropischer Gebirgswälder herabhängen, ferner das Renntiermoos (Cladonia rangiferina), das auf den Tundren Asiens den Renntieren als Hauptnahrung dient. Farbstoffe gibt die Orseille (Rocella tinctoria) und die Lackmusflechte (Rocella fusciformis). Die felsenbewohnenden F., die gewöhnlich als Farbige Krusten das Gestein überziehen, sind dadurch wichtig, daß sie infolge von Säureausscheidung die Verwitterung einleiten und so zur Herstellung einer Ackerkrume beitragen.

Volkens.