Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 643 f.

Flora. Die floristische Erforschung eines Landes sieht ihr Ziel in der Feststellung aller Pflanzen, die in ihm vorkommen. Sie erstrebt möglichste Vollständigkeit und setzt darum eine umfassende Sammeltätigkeit zu allen Jahreszeiten voraus. Ihr liegt ganz in erster Linie daran, die Frage zu beantworten: Welche Pflanzenarten setzen die Vegetation eines Landes zusammen. Jede "Flora", die im Druck erscheint, ist eine nach dem Begriff der systematischen Verwandtschaft geordnete Aufzählung von Pflanzennamen. Die Erforschung der Vegetation (s.d.) eines Landes stellt sich höhere Aufgaben. Sie fragt nicht nur: Was kommt vor? Sondern auch: Wie kommt es vor? Sie geht über die rein geographische Feststellung von Fundorten hinaus, indem sie die Pflanzen nach Formationen gruppiert, d.h. nach Genossenschaften, die sich unter der Einwirkung gleicher Bodenverhältnisse, gleicher klimatischer oder sonstiger äußerer Faktoren immer zusammen vorfinden. Sie berücksichtigt auch die Physiognomik der Gewächse, trennt das Häufige von dem Seltenen, zählt nicht bloß auf, sondern versucht zu schildern. Die F. eines Landes kann nach Herbarien, nach Sammlungen getrockneter Pflanzen entworfen werden, seine Vegetation vermag nur der dem Verständnis näher zu bringen, der das Land selbst bereist hat. Die F. der deutschen Schutzgebiete ist uns nur im allgemeinen bekannt, wenn auch einige Teilgebiete in ihnen (die Karolineninsel Jap, die Maxshallinseln, Kiautschou, das mittlere Küstengebiet Ostafrikas, der Kamerunberg und die Umgebung Bipindis in Südkamerun, vereinzelte Gebiete in Südwestafrika) schon ziemlich eingehend erforscht sind. Der Reichtum der F. eines Landes wird nach der Zahl der in ihm spontan auftretenden Arten ermessen. Er ist nicht allein abhängig von günstigen klimatischen Faktoren, sondern mehr noch von der Verschiedenheit der Bodenverhältnisse, die innerhalb der Grenzen des Landes herrschen, und von der Einwanderungsmöglichkeit, die dieses Land den Pflanzen seiner Nachbarländer bietet. Ist es als kleinere Insel durch breite Meeresflächen oder als Teil eines Festlandes durch hohe, bis in die Schneeregion reichende Gebirge ringsum und von jeher abgeschlossen gewesen, wird es immer eine ärmlichere F. aufweisen, als wenn es stets frei und offen dalag und den aus allen Himmelsrichtungen kommenden Zuzüglern möglichst wechselvolle Existenzbedingungen bot. Gerade das geologische Alter spielt darum eine wichtige Rolle. Von den deutschen Kolonien dürfte Kamerun die reichste F. haben, gewiß an 10 000 Arten, während die sich nur aus Koralle aufbauenden Karolinen es auf kaum mehr als ein- bis zweihundert bringen. Eine verhältnismäßig große Zahl von Arten birgt ferner Deutsch- Südwest- und Ostafrika. Togo, das keine höheren Gebirge besitzt, hat auf gleichem Raum viel weniger. Kiautschou ist sehr arm daran, weil dort last du gesamte Gelände unter Kultur steht. Neuguinea ist noch zu wenig erforscht, um genaueres sagen zu können, doch weist das, was bekannt ist, auf einen Reichtum hin, der dem Kameruns gleichkommt, ihn vielleicht noch übertrifft.

Literatur: Alles, was bis auf die neueste Zeit über die F. unserer afrikanischen Kolonien veröffentlicht wurde, ist aufgeführt u. zusammengefaßt in dem Werk: A. Engler, Die Pflanzenwelt Afrikas, Lpz. 1912, von dem bisher 2 Bände erschienen sind. - Alles auf Neuguinea Bezügliche findet man in dem Werk: K. Schumann u. Lauterbach, Die Flora der deutschen Schutzgebiete in der Südsee. Berl. 1902. Vgl. ferner für die Karolinen: O. Volkens, Die Vegetation der Karolinen in Englers Bot. Jahrb., Lpz. 1901; für die Marshallinseln: G. Volkens, Die Flora der Marshallinseln in Notizblatt d. Kgl. Bot. Gartens u. Mus. Nr. 32, Berl. 1903; für Samoa: F. Reinecke in Engler8 Jahrb., Lpz. 1897/98, u. F. Vaupel in Englers Bot. Jahrb., Lpz. 1910; für Kiautschou: E. Gilg u. Th. Loe8ener, Beiträge zu einer Flora von Kiautschou u. einiger angrenzender Gebiete in Englers Bot. Jahrb., Lpz. 1904.

Volkens.