Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 663

Freiheitsstrafen. An gerichtlichen F. unterscheidet das RStGB. (§§ 14 ff.) Zuchthausstrafe, Gefängnisstrafe, Festungshaft und Haft. Zuchthausstrafe und Festungshaft sind entweder lebenslänglich oder zeitig; in letzterem Falle ist der Höchstbetrag für beide fünfzehn Jahre, der Mindestbetrag der Zuchthausstrafe ein Jahr, der Festungshaft ein Tag. Der Höchstbetrag der Gefängnisstrafe ist fünf - als Gesamtstrafe beim Vorliegen von Realkonkurrenz zehn - Jahre, der Haft sechs Wochen - wenn mehrfach verwirkt drei Monate - , ihr Mindestbetrag ein Tag. - Die Dauer der Zuchthausstrafe darf nur nach vollen Monaten, die Dauer einer anderen Strafe nur nach vollen Tagen bemessen werden. Achtmonatige Zuchthausstrafe ist einer einjährigen Gefängnisstrafe, achtmonatige Gefängnisstrafe einer einjährigen Festungshaft gleichzuachten. Bei Umwandlung einer erkannten Geldstrafe sind eine (bei Übertretungen) bzw. drei (bei Vergehen) bis fünfzehn Mark einer eintägigen F. gleichzuachten. Der Mindestbetrag der an Stelle einer Geldstrafe tretenden F. ist ein Tag, ihr Höchstbetrag bei Haft 6 Wochen, bei Gefängnis ein Jahr. Unter F. im Sinne des MilStGB. ist nach § 16 dies. Ges. nur Gefängnis, Festungshaft und Arrest zu verstehen. Hat eine Militärperson Zuchthaus verwirkt, so geht die Vollstreckung der Strafe auf die bürgerlichen Behörden über. Die F. ist, wenn ihre Dauer mehr als sechs Wochen beträgt, Gefängnis oder Festungshaft, bei kürzerer Dauer Arrest. Alle diese Bestimmungen gelten auch in den Schutzgebieten (§ 3 SchGG. u. Ksl. V. v. 26. Juli 1896, RGBl. S. 669), soweit die weiße Bevölkerung in Betracht kommt. Bezüglich der Eingeborenen (§ 4 SchGG.) kommen in Frage: für die afrikanischen Schutzgebiete als gerichtliche F. Gefängnis mit Zwangsarbeit und Kettenhaft (s. Kettenstrafe), als "Disziplinarstrafe" wegen Verletzung des Dienst- und Arbeitsverhältnisses Kettenhaft bis zu vierzehn Tagen (§§ 2, 17 d. V. des RK. v. 22. April 1896, KolBl. S. 241; Vf. d. Landeshauptmanns v. DSWA. v. 8. Nov. 1896, KolGG. II, 294; vgl. auch die AusfVf. d. Gouv. v. D. -O. v. 1. Juni 1896, Landesgesetzgeb. 11, 177; die Dienstvorschrift des Gouv. v. Kamerun v. 22. Mai 1902, KolGG. VI, 467; die Dienstanweisg. d. Gouv. v. Togo v. 10. Jan. 1906, KolGG. X, 9 u. d. V. d. Gouv. v. D. - O. v. 7. Dez. 1909, KolBl. 1910 S. 118; für Deutsch - Neuguinea als gerichtliche F. Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit von drei Tagen bis zu fünf Jahren, als Disziplinarstrafe Einsperrung mit und ohne Abschließung in abgesonderten Räumen auf die Dauer bis zu drei Tagen (StrafV. der Neuguinea - Kompagnie v. 21. Okt. 1888, KolGG. 1, 555) mit Änderungen des Gouv. v. 7. April 1899 (KolGG. IV, 56) und des RK. v. 28. Okt. 1908 (KoIGG. XII, 468) und V. d. Gouv. v. 20. Juni 1900 (KolGG. VI, 248) u. v. 22. Jan. 1907 (KolGG. XI, 61). Für Kiautschou sieht die V. d. Gouv. betr. die Rechtsverhältnisse der Chinesen v. 15. April 1899 (KolGG. IV, 191) zeitige F. bis zu fünfzehn Jahren und lebenslängliche F. vor. Die F. kann mit Zwangsarbeit verbunden werden. Widerspenstige Personen dürfen bei der Arbeit gefesselt werden. Als Disziplinarstrafe kann F. bis zu einundzwanzig Tagen verhängt werden (V. d. Gouv. v. 1. Juli 1898, KolGG. V, 192). - Als Ordnungsstrafen gegen Reichs- und Kolonialbeamte sind F. im allgemeinen unzulässig. Eine Ausnahme besteht nur für Militärbeamte (§ 123 ReichsBG., § 1 KolBG.). Nach § 8 d. Ksl. V. v. 4. Okt. 1907 (RGBl. S. 786) sind ferner gegen die Angehörigen der Unterklassen der Landespolizei in Deutsch-Südwestafrika Arreststrafen auf die Dauer von höchstens acht Tagen zulässig. S.a. Zuchthausstrafe, Gefängniswesen, Kettenstrafe.

Gerstmeyer.