Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 670 f.

Funkentelegraphie. Die F. hat neuerdings, dank der großen Fortschritte von Wissenschaft und Technik, auch in den Schutzgebieten Eingang gefunden. Sie begegnet hier größeren Schwierigkeiten als in gemäßigten Klimaten. Die atmosphärischen Störungen der Empfangsstationen durch Gewitterbildungen und -entladungen sind in den Tropen erheblich stärker, und die außerordentliche Helligkeit der Tropensonne schwächt am Tage und besonders in der Mittagszeit die abgegebenen Signale außerordentlich und beschränkt dadurch das Telegraphieren auf weite Entfernungen. Bei Nacht sind die Signale meist sehr stark, wenn auch beim Aufgehen des Mondes und mit seiner zunehmenden Helligkeit eine Schwächung eintritt. Erst die Einführung des Systems der tönenden Löschfunken nach dem 1907 von Prof. M. Wien in Danzig angegebenen Prinzip an Stelle der früher verwendeten langsamen Funken hat es ermöglicht, größere Entfernungen (5500 - 6000 km) zu überbrücken und die starken Störungen der Empfänger durch elektrische Gewitterentladungen weniger fühlbar zu machen, so daß der Betrieb nicht mehr in dem Maße wie früher auf kürzere Entfernungen und auf wenige störungsfreie Tagesoder Nachtstunden beschränkt ist. - Außer einer älteren, von der Marineverwaltung bedienten F.station in Tsingtau ist Ende 1909 je eine Station auf der Insel Angaur (Palaugruppe), sowie auf Jap (s.d.; Westkarolinen), dem Zentralpunkte des Kabelnetzes der Deutsch-Niederländischen Telegraphengesellschaft (s.d.), eingerichtet worden. Die beiden Stationen waren zwar im Besitz der deutschen Südsee-Phosphatgesellschaft, dienten aber gleichzeitig dem öffentlichen Verkehr. Die F. - Station auf Jap ist zur Groß - Funkenstation ausgebaut und als solche am 1. Dez. 1913 eröffnet worden. Sie wird seitdem von der Deutschen Südsee -Gesellschaft für Drahtlose Telegraphie betrieben und der Mittelpunkt eines die deutschen Schutzgebiete in der Südsee verbindenden F. - Netzes werden. Als weitere Station dieses Netzes ist gleichfalls am 1. Dez. 1913 Nauru (Marshallinseln) in Betrieb genommen worden. Zwei weitere Südsee-Großstationen und zwar bei Apia (Samoa) und Rabaul (Deutsch-Neuguinea) sind noch im Bau, werden aber im Jahre 1914 noch eröffnet werden; sie werden, wie auch Nauru und Jap, von der Deutschen Südsee - Gesellschaft für drahtlose Telegraphie betrieben. Von der Reichspost- und Telegraphenverwaltung sind eingerichtet und werden betrieben die Stationen Muansa und Bukoba in Deutsch-Ostafrika am Victoriasee (20. März 1911) sowie die im Febr., März und Juni 1912 in Betrieb genommenen Küstenstationen in Swakopmund (Deutsch-Südwestafrika), Duala (Kamerun) und Lüderitzbucht (Deutsch- Südwestafrika), die zunächst nur dem Verkehr mit Schiffen dienen sollen. Im März 1913 ist auch in Daressalam (Deutsch- Ostafrika) eine Küsten -Funkentelegraphenstation eröffnet worden. Die Eröffnung einer solchen in Lome (Togo) steht kurz bevor. Im weiteren sind zurzeit funkentelegraphische Versuche zwischen Deutschland (Nauen) und Togo (Kamina) im Gange, welche die Herstellung unmittelbarer drahtloser Verbindung der afrikanischen Kolonien mit dem Mutterlande (Nauen) zum Ziele haben. Geplant ist beim Gelingen die Herstellung von Großstationen in den Schutzgebieten Togo, Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika, so daß auch diese Kolonien unter sich funkentelegrephisch werden verkehren können. Nach ihrer Eröffnung soll auch Kaiser- Wilhelmsland durch Errichtung einer Küsten - Funkentelegraphenstation (voraussichtlich in Friedrich-Wilhelmshafen) angeschlossen werden. Der Betrieb bei den Funken - Großstationen in diesen Kolonien wird ebenfalls nicht in den Händen der Reichspost- und Telegraphenverwaltung, sondern wie der Betrieb der Großstationen der Südsee in den Händen von Gesellschaften liegen, die vom Reich beaufsichtigt werden und eine Reichsunterstützung beziehen.

Literatur: Verhandlungen der Kolonialtechnischen Kommission des Kolonialwirtschaftlichen Komitees vom 13. Nov.1911, 89 ff, KolBl. Nr. 23 vom 1. Dez. 1911, 897 ff, 8owie Nr. 9 vom 1. Mai 1912, 410/411. -Bericht über die Ergebnisse der Reichspost und Telegraphenverwaltung 1906/10, 70 ff.

Puche.