Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 680

Gastfreundschaft bei Eingeborenen. Unter primitiven Verhältnissen gilt der Fremde im wesentlichen als Feind. Er ist mit der Familie oder Sippe der Niederlassung nicht durch Verwandtschaft verknüpft, man kennt weder seine Absichten noch seine physischen und magischen Kräfte. Er wird daher zunächst vertrieben oder erschlagen. Sobald man sich aber Nutzen von ihm verspricht, kann er unter gewissen Voraussetzungen in die Gemeinschaft aufgenommen werden, wenn auch nicht als gleichberechtigtes Mitglied. Er erhält persönlich Sicherheit durch den Häuptling oder Priester, wenn er deren Häuser oder Kultstätten aufsucht (s. Asylrecht); durch - die verschiedenartigsten Zauberhandlungen wie Ausspeien, gemeinsame Mahlzeit u.a. wird er unschädlich gemacht. Der Fremde bleibt unbehelligt, solange er für sich selber sorgen kann und sich den bestehenden Sitten fügt. Da der Regel nach Handelszwecke den Fremden herführen und die einmal angeknüpften Verbindungen fortgesetzt werden sollen, heiratet der Händler häufig eine Ortsangehörige (die ihn aber auf seinen Reisen nicht begleitet), um dauernde und feste Beziehungen zu erwerben, die ihm jederzeit bei seiner Rückkehr eine gute Aufnahme sichern. Er genießt dann nicht mehr die G. des Oberhauptes, sondern die der Familie seiner Ehefrau. Da überall Handel und Verkehr herrscht, haben die Bräuche feste Formen angenommen, die als Gastrecht bezeichnet werden. Es umfaßt die Bräuche der Eingesessenen bei der Aufnahme Fremder und die Einschränkungen, denen er sich zu unterwerfen hat.

Thilenius.