Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 681 f.

Geburten bei den Eingeborenen. Der Eintritt der Schwangerschaft ist meist der Anlaß zu einem kleinen Fest (Samoa), an dem unter Umständen jedoch nur Frauen teilnehmen (Süd-Bougainville); vielfach werden von allen Angehörigen der Siedelung kleine Geschenke überbracht. Vor allem aber gilt es, Zauberei abzuwehren. Die von dem Ehemann zusammengerufenen Häuptlinge spucken etwas verdünnten Honig über die Ehefrau aus und verrichten ein Gebet für ihr Wohlergehen (Massai), die Ehefrauen opfern und behängen sich wie so viele andere mit Zaubermitteln. In Mikronesien ist die Schwangere von jeder schweren Arbeit befreit und wird von dem Ehemann gepflegt. Mystischen Vorstellungen entspringen Speiseverbote, die für die Schwangere vielfach bestehen, auch ,Gebote wie das der Wakissi, daß sie ab und zu Erde essen soll. Andere Vorschriften beziehen sich auf ihr Verhalten; so darf sie nicht über einen Zug wandernder Ameisen schreiten (Wandorobbo) usw. - Die Geburt findet im Hause oder in besonderen Gebärhütten statt, die abseits. von der Siedelung errichtet werden. Gelegentlich gebiert die Frau allein im Freien, doch stehen ihr meist andere Frauen hilfreich zur Seite, die sich freilich auf Kneten des Leibes, das Abnabeln und die Pflege des Neugeborenen beschränken; doch werden bei manchen Völkern auch diese Dienste gewerbsmäßig, betrieben, so daß man von Hebammen sprechen kann (Massai, Suaheli, Karoliner u.a.). Der Verlauf der G. ist der Regel, nach ein leichter, doch haben sich verschiedene Körperhaltungen der Gebärenden eingebürgert, auch innerliche Medikamente werden angewandt neben mechanischen Hilfeleistungen. Auf organischen Mängeln beruhenden schweren Entbindungen steht man jedoch meist ratlos gegenüber, so wenn etwa das Becken eines allzu jugendlichen Weibes zu eng ist. Doch kennt man bei den Warangi (s.d.) in Ostafrika und bei den Hottentotten die Zerstückelung des Kindes - als äußerstes Mittel. Die mitunter rohen Manipulationen bei der Entbindung gelten nicht nur der Mutter, sondern auch dem Kinde, und auf ungeschicktem Abnabeln (Abschneiden, Durchbeißen, Zerreißen) beruht die Häufigkeit von Nabelbrüchen. - Das Wochenbett ist der Dauer nach sehr verschieden, doch wird selten.eine so eingehende Vorschrift bestehen wie bei den Massai, die die Dauer nach dem Geschlecht des Kindes u.a. bestimmen. Zauberische Handlungen und die Anwendung von Zaubermitteln, die schon der Geburt vorangehen, fehlen auch dem Wochenbette nicht, ebensowenig besondere Vorschriften für die Ernährung der Wöchnerin. Meist beendet eine Feier das Wochenbett, bei der überdies besondere Zeremonien üblich sein können; bei den Herero wird hierbei das Kind den Ahnen vorgestellt. Wesentlich ist beim Wochenbett der Naturvölker nicht die völlige Ruhe der Wöchnerin, die vielfach schon am Tage nach der Entbindung ihre Arbeit wieder aufnimmt, sondern die Vorstellung von ihrer Unreinheit, durch die sie mehr oder weniger von dem Verkehr abgeschlossen wird und die erst durch ein Bad oder besondere Handlungen von ihr genommen wird. Vielleicht beruht auf dieser Vorstellung die Sitte, die Geburt außerhalb der Wohnung abzuwarten. Schwangerschaft und Geburt sind nicht allein physiologische Vorgänge im Körper der Frau. Die Männer werden feiger, die Waffen kraftlos, die Tarostecklinge verlieren die Keimfähigkeit, wenn eine Frau gebiert (Sulka, Neupommern), sofern nicht ein Gegenzauber angewandt wird. Vor allem steht der Ehemann in magischen Beziehungen zu dem Geburtsvorgange. Für dessen glücklichen Verlauf ist sein Wohlverhalten nötig: er darf keinen Krüppel wegen seines Gebrechens verspotten, sonst wird das Kind ein Krüppel (Massai), er darf keine Schildkröte essen, sonst wird das Kind ohne Finger geboren (Jap) usw. Während des Wochenbettes hat der Ehemann sich von seiner Frau fernzuhalten, oft bis zur Beendigung des Säugens; bei einer Reihe von Völkern, zumal in Amerika, führen seine magischen Beziehungen zum Kinde dazu, daß er selbst das Männerkindbett (s.d.) hält.

Literatur: Ploß - Bartels, Das Weib in Natur- und Völkerkunde. Lpz. 1908.

Thilenius.