Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 683 ff.

Gefecht. a) Gefecht der Schutz- und Polizeitruppen. 1. Einschlägige Vorschriften; 2. Sonderverhältnisse der Schutzgebiete; 3. Erkundungen; 4. Unterbindung der Waffen- und Munitionseinfuhr. 5. Gefahr übereilten Vorgehens; 6. Nachschub und Nachrichtenübermittelung; 7. Hilfsvölker. Beispiel. b) Gefecht der Eingeborenen.

a) G. der Schutz- und Polizeitruppen.

1. Die Grundlage für Kriegführung und G. in den Schutzgebieten geben die heimischen Dienstvorschriften. Die durch die Eigentümlichkeiten der gegnerischen Kampfesweise, des Klimas und Kriegsschauplatzes sowie der Transportverhältnisse bedingten Änderungen und Zusätze sind für die einzelnen Schutztruppen und die von den heimischen abweichenden Formationen (berittene Infanterie, berittene Abteilungen, Gebirgsartillerie usw.), in Sondervorschriften zusammengestellt.

2. Grundsatz für jede kriegerische Handlung ist auch in den Schutzgebieten: Auftreten in größtmöglicher Stärke zur Erzielung eines raschen und durchschlagenden Erfolges, als der menschlichsten, billigsten und für die Wohlfahrt der Kolonie zuträglichsten Lösung des Konflikts. Hierbei wird die Forderung, den Gegner bis zur Kampfunfähigkeit zu schwächen, häufig zurückgestellt werden können hinter die Aussicht, allein durch imponierende Übermacht seine Unterwerfung zu erreichen. Andererseits ist erfahrungsgemäß den Farbigen gegenüber, die jede Art von Großmut und Milde als Schwäche anzusehen pflegen, nur die ihnen empfindlich zum Bewußtsein gebrachte Überlegenheit geeignet, spätere und dann erheblich blutigere Auseinandersetzungen zu verhüten. In diesem, Widerstreit das Richtige zu finden, sowie den Zeitpunkt zu bestimmen, wo die erzielten Erfolge das Einlenken zu Verhandlungen gestatten, ist die nur durch langjährige Erfahrungen zu erlernende und auch dann oft auf Glück- und Gefühlssache beruhende Kunst.

3. Von einschneidender Bedeutung ist eine der Operationseröffnung voraufgehende Erkundung der Gesamtlage beim Feind, insbesondere bezüglich Stärke, Bewaffnung, der Hauptverkehrsplätze, Verpflegungsverhältnisse, ev. Stammes- und Thronstreitigkeiten u. dgl. m. Sie ist für die Wahl des richtigen Vormarschweges um so unerläßlicher, je weniger vom Feind bekannt ist. Bei den Buschstämmen hat häufig die unerwartete Beschlagnahme ihres in den Schlupfwinkeln des Busches für unerreichbar gewähnten Hab und Gutes den nachhaltigsten Eindruck und sofortige Unterwerfung erzielt. -

4. Geeignete Maßnahmen zur Unterbindung der Waffen- und Munitionseinfuhr müssen, wo nötig, der Operationseröffnung voraufgehen. -

5. Auftreten mit unzureichenden Mitteln und Überstürzen des Operationsbeginns sind besonders gefährlich, da selbst ein geringer Erfolg des Feindes seinen Kampfesmut ins Ungemessene zu steigern und schwankende Stämme mitzureißen pflegt. -

6. Die Sicherstellung des nötigen Nachschubs und der Nachrichtenübermittelung macht besonders umfassende Vorbereitungen, sowie meist eine empfindliche Schwächung der G.struppe nötig, im Etappendienst und in der Bewachung von Ortlichkeiten und Kunstbauten wird letztere nach Möglichkeit durch Polizeitruppe ersetzt. -

7. Hilfsvölker (s.d.). Im Aufklärungs- und Absperrungsdienst, beim Geländeabsuchen und zur Bewachung von Gefangenen pflegen- Hilfsvölker den numerisch meist schwachen Truppenabteilungen wertvolle, oft unentbehrliche Dienste zu leisten. Als G.struppe werden sie in der Regel nicht verwandt. Die Umstände und Absichten entscheiden, ob derartige Hilfsvölker unter ihren eigenen Führern ganz selbständig, oder unter bestellten Führern, oder unter Aufsicht oder Mitwirkung einer Abteilung der Truppe verwandt und besonders bewaffnet werden. Stets wird der Führer die angesehensten der beteiligten Stämme in seiner Nähe halten. Unnötiger, Verwüstung, unerlaubtem Beutemachen und Grausamkeiten wird mit aller Strenge entgegengetreten, andererseits, aber dem Empfinden dieser Naturvölker beim Zumessen der Belohnung Rechnung getragen. Als Beispiel für die Mannigfaltigkeit der G.sform oft innerhalb desselben Schutzgebietes werden die Hauptgegensätze der Kampfesverhältnisse in Kamerun hier kurz erläutert.: Der Kampf mit den Eingeborenen des dortigen Küstenbusches spielt sich in den einfachsten Formen eines kurzen Feuergelechts aus der Marschkolonne heraus ab, ohne nennenswerte Entwicklung, auf kürzeste Entfernungen, mit rasch folgendem Sturmanlauf. - Der Busch gestattet keine Entfaltung nach der Breite; die ungenügende Feuervorbereitung aber findet ihren Ausgleich in dem überstürzten und meist wirkungsschwachen Massenfeuer dieser Gegner einer- und andererseits in der besseren Bewaffnung unserer Truppe, ihrer G.sdisziplin, der moralischen Wirkung des geschlossenen Ansturms und in dem überlegenen Willen zum Sieg. Grundsätzlich wird angegriffen und der Angriff, wo immer möglich, durch kühne Entsendungen gegen die feindlichen Flanken - auch um Gefangene zu machen unterstützt; das taktische Verständnis des Gegners reicht nicht bis zur Ausnutzung der ihm aus solcher Teilung der Kräfte erwachsenden Vorteile; vielmehr steht derselbe dem gleichzeitigen Angriff aus verschiedenen Richtungen meist ratlos gegenüber. Der Zusammenprall auf nächste Entfernungen macht für die Marschanordnung ein Vorschieben der Hauptg.skräfte nach vorn notwendig (starke Spitze aus den zuverlässigsten Schützen); Marsch und G.sabstände müssen verkürzt werden; Reserven gibt es fast nicht; der wertvolle Troß marschiert meist dicht auf und ist mit den zur Selbstverteidigung jeweils notwendigen Mannschaften und Gewehren ausgestattet. Der einmal geworfene Buschgegner sucht sein Heil im Dickicht des Urwaldes; von jetzt ab. verlegt er sich, den offenen Kampf vermeidend, auf Überfall, Auflauern und Abschießen der Patrouillen. Für die Truppe beginnt hiermit der anstrengendere und aufreibendere Teil ihrer Tätigkeit. Beim Marsch erfolgt, der Ungangbarkeit des Busches entsprechend, die Abweisung eines feindlichen Anfalles in der schwerfälligen, eingliedrigen Marschform, die jederzeit auf einen solchen vorbereitet sein muß. Aufklärung und Nachrichteneinziehung hat meist nur für die Wahl des Marschzieles und zur Vermeidung feindlicher Hinterhalte, weniger für die unmittelbare Sicherung der Marschkolonne selbst Wert. Die Wegnahme des meist versteckten Hab und Gutes hat, wo sie gelingt, last immer sofortige Unterwerfung zur Folge, da sich der Gegner im Vertrauen auf seinen Hauptrückhalt, die Schlupfwinkel des Busches, betrogen sieht. Ganz anders in den Sultanaten des Nordens. Die dortigen Herrscher verfügen über stehende, einexerzierte, mit Reiterei, teilweise mit modernen Hinterladern ausgestattete Truppen. Entsprechend sind die dortigen Kompagnien mit einem modernen Mehrlader ausgerüstet und teilweise beritten gemacht (s. Berittene Abteilungen). Der bewegliche Besitz ist in den großen, meist befestigten Hauptstädten vereinigt; dort oder auf dem Wege dorthin fällt die Entscheidung. Das offenere Gelände gestattet die Verwendung von Massen; seine Bewachsung und Kenntnis erleichtert dem beweglichen Feind - Überraschungen gegen Flanke und Rücken. Hier also ist Zusammenhalten der Truppe geboten. Eine Hauptsorge bildet der Troß; sein Schutz ist häufig für die Gesamtmarschanordnurig entscheidend (z.B. Marsch in Karreeform mit dem Troß in der Mitte). Immer befindet sich der Feind uns gegenüber in vielfacher Übermacht, die durch Mehrlader und Maschinengewehre nur dann ausgeglichen werden kann, wenn genügendes Schußfeld vorhanden ist. Eine sorgfältige und unausgesetzte Aufklärung über den feindlichen Anmarsch muß daher dem Führer die Freiheit in der Wahl des G.sfeldes ermöglichen und die Truppe vor dem gefährlichen Nahkampf bewahren. Meist wird der Kampf, der feindlichen Übermacht entsprechend, zunächst defensiv geführt. Schnelle und gewandte Entwicklung nach verschiedenen Richtungen und unbedingter Zusammenhalt der ganzen Gefechtsstellung trotz dünner Besetzung, geschickteste Ausnutzung aller Deckungsmittel seitens des einzelnen Schützen und eiserne Gefechtsdisziplin, verständnisvolles Haushalten und Einsetzen der Munition an allen Stellen. sind erforderlich, um den Massenansturm durch ausreichendes Feuer zum Stehen zu bringen und außerdem die Ausscheidung einer nicht zu schwachen Reserve zu ermöglichen. Scheinmanöver und Kampfesgeschrei müssen kaltes Blut bei der Truppe finden; auch in die G.sstellung eingedrungene feindliche Abteilungen dürfen keinerlei Schwanken auslösen; ihre Zurückweisung ist Sache der Reserve. Ist aber der Hauptangriff des Feindes erkannt, so ist rücksichtsloser Einsatz aller Vernichtungsmittel geboten; jede Schonung dieser fanatisierten Horden bedeutet Selbstvernichtung. Hat sich der Angriff an dem Feuer der Truppe verblutet und wendet sich der Feind zur Flucht, so wird verfolgt, solange der Atem hält, in erster Linie durch die berittene Abteilung, um die feindlichen Führer aufzuheben und Gefangene zu machen. Der Führer der eigenen Truppe sammelt sich für alle Fälle eine neue Reserve. Mit der verlorenen Schlacht gibt im islamitischen Norden der Feind in der Regel auch seine Sache verloren und bietet die Hand zum Frieden. - Zwischen diesen Grenzen liegt in Kamerun (und ähnlich auch in den übrigen Schutzgebieten) die reiche Zahl taktischer, Abstufungen, die sich für die jeweiligen Bezirksbesatzungen aus der Sonderfechtart der zugehörigen Eingeborenenstämme ergeben.

b) G. der Eingeborenen. Die Kriegführung der Eingeborenen unserer Schutzgebiete bewegt sich, ihrem Kulturstand und Waffengerät entsprechend, zwischen den ursprünglichsten Formen regellosen Draufgehens und Dreinhauens mit Knütteln bis zur planmäßigen Fechtweise geschulter Truppen nach modernen Grundsätzen, dem stundenlangen Auflauern und hinterhältigen Abschuß der Patrouillen bis zur vorbildlichen Einkreisung des Gegners in wasserloser Wüste. Im allgemeinen stehen Waffen und Fechtweise in Wechselbeziehung zu der Kultur der Eingeborenen und ihrer Berührung mit der Außenwelt. Je weltentlegener ein Stamm, je dichter der Busch, um so niedriger der Gesichtskreis der Bewohner, um so tierähnlicher ihr Verhalten, auch in der Fechtweise. Ihre Hauptstärke liegt im Auflauern und im katzenähnlichen Ansprung; schlangenartiges Verschwinden in unzugänglichen Verstecken überhebt sie befestigter Anlagen. Wie man die eigene Stammesgrenze nur im Drang nach Raub und Beute überschreitet, gilt jeder Eindringling als Feind, dessen Besitz und Leben der Fnistung des eigenen Daseins nutzbar gemacht werden. Bei unerwartetem Angriff verschwindet Hab und Gut mit den Weibern in den vorher ausgesuchten Verstecken; der Mann aber beobachtet ungesehen und aus nicht erreichbarer Entfernung den verhaßten Feind, nie zu treffen, wo man ihn sucht, und stets zur Stelle, wo man ihn nicht erwartet. Jedweder geht seine eigenen Wege. Nur Hunger und Habgier führen hin und wieder zu gemeinsamem. Handeln unter Führung eines Starken und Sprechers; danach kümmert man sich nicht weiter um ihn, es sei denn , daß die Verteilung der Beute innerhalb des eigenen Stammes noch ein blutiges Nachspiel findet. - Diese ursprünglichsten Verhältnisse ändern sich in dem Maße, als mit der zunehmenden Berührung benachbarter Stämme auch der Besitz der Eingeborenen und ihre Sorge um ihn, die Reibungsflächen zwischen den einzelnen Stämmen und ihre Begehrlichkeiten wachsen. Die gemeinsame Bedrohung führt zu engerem Zusammenschluß und zu Maßnahmen geeigneter Abwehr; der an Körper und Geist Stärkere gewinnt ein dauerndes Übergewicht über die andern; durch Verbesserung der Bewaffnung im Wege des Tauschhandels und durch Befestigung bestimmter Örtlichkeiten beginnt man sich den nötigen Rückhalt zu schaffen; Hindernisse aller Art vervollständigen die Abwehr, wo täglicher Ausbruch der Feindseligkeiten zu erwarten steht (s. Befestigungen der Eingeborenen). Ausschließlicher widmet sich der wehrfähige Teil den gemeinsamen Stammesangelegenheiten, die Arbeit und Besorgung des Hauses dem Weibe und Unfreien überlassend. Je stärker der Feind, je lockender die Aussicht, um so enger und umfangreicher der Zusammenschluß zu größeren Gruppen; je offener der Zutritt, je weniger natürlicher Schutz, um so fester und zusammenhängender die örtliche Schutzwehr. Die unentbehrliche Führung dort, die Fürsorge für die Bewachung hier, führen instinktiv zu immer unbedingterer Unterwerfung unter den stillschweigend anerkannten oder erwählten Führer; aus dessen Gehilfen und Handlangern bildet sich allmählich eine Art Leibwache heraus. Waffenschmiede und Handel liefern das nötige Rüstzeug. So ist der Weg gewiesen zu den großzügigeren Wehrverhältnissen und bis zur stehenden Truppe, wie wir sie beispielsweise in den Residenturbezirken Kameruns antreffen. S.a. Bewaffnung.

Literatur: I. Für das Gefecht in Ostafrika. - Anleitung zum Felddienst in Deutsch - Ostafrika (Entwurf), Daressalam 1911. - Exerziervorschrift für die Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch - Ostafrika (Entwurf), Daressalam 1910. - Militärisches Orientierungsheft für Deutsch - Ostafrika, Daressalam 1911. - Graf v. Götzen, Deutsch - Ostafrika im Aufstand 1905106, Berl. 1909. - Nigmann, Felddienstübungen für Farbige Truppen, Berl. 1910 u. a. m. (Anl. 12 zu Nigmann, Geschichte der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch- Ostafrika, 1911). - II. Für das Gefecht in Kamerun. - Über die Kriegführung in Afrika. Vierteljahrshefte für Truppenführung und Heereskunde. Heft 3/1909. - Winke für Expeditionen im Afrikanischen Busch von Oberst A. F. Montanaro. Aus dem Englischen übersetzt von Glauning. Berl. 1905. - Entwurf einer Exerzier- und einer Felddienstvorschrift der Kaiserlichen Schutztruppe für Kamerun (Manuskript; Druck bislang nicht abgeschlossen).- III. Für das Gefecht in Südwestafrika. - Leutwein, Die Kämpfe der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch -Südwestafrika in den Jahren 1894-96, sowie die sich hieraus für ums ergebenden Lehren, Berl. 1898. -Leutwein, Elf Jahre Gouverneur in Deutsch -Südwestafrika, Berl. 1906. - v. Francois, Hottentotten-Aufstand. Die Vorgänge im Nama-Lande von Januar 1904 bis zum Januar 1905 und die Aussichten der Niederwerfung des Aufstandes, Berl. 1905. - v. Deimling. Südwestafrika; Land und Leute; unsere Kämpfe; Wert der Kolonie, Berl. 1906. - Die Kämpfe der Deutschen Truppen in Südwestafrika. Auf Grund amtlichen Materials bearbeitet von der kriegsgeschichtlichen Abteilung I des Großen Generalstabes. Berl., E. S. Mittler & Sohn 1906, 1907 u. 1909. Bd. 1: Der Feldzug gegen die Hereros(1906), Bd. 2: Der Hottentottenkrieg (1907), Ergänzungsheft: Morengas Ende und der Zug Erckerts gegen Simon Kopper in die Kalahari(1909). - Maercker, Unsere Kriegführung in Deutsch - Südwestafrika (Vortrag), Berl., Paetel 1908. - Das Marine- Expeditionskorps in Südwestafrika während des Herero-Aufstandes. Auf Grund amtlichen Materials bearbeitet im Admiralstab der Marine. Berl. 1905 (11. Beiheft der Marine - Rundschau 1905). - Schwabe, Dienst und Kriegführung in den Kolonien und auf überseeischen Expeditionen, Berl. 1903. - Schwabe, Mit Schwert und Pflug in Deutsch -Südwestafrika; 4 Kriegs- und Wanderjahre, Berl., II. A. 1904. Schwabe, Der Krieg in Deutsch - Südwestafrika 1904 - 1906, Berl. 1907 u. a. m. - IV. F ü r das Gefecht in Togo. - Klose, Heinrich, Togo unter deutscher Flagge. - V. Für das Gefecht, in Deutsch-Neuguinea. - Der Aufstand in Ponape und seine Niederwerfung durch S. M. Schiffe "Emden", "Nürnberg", "Cormoran", "Planet". Nach amtlichen Berichten zusammengestellt von Kapitänlt. Gartzke (Marine - Rundschau 1911, H. 6). -Parkinson, R., Dreißig Jahre in der Südsee, Stuttgart 1907. - VI. Für das Gefecht in Samoa. - Krämmer, Augustin, Hawai, Ostmikronesien und Samoa, Stuttgart 1906.

Zimmermann.