Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 687

Geheimbünde. Gruppen von Männern oder Frauen, die sich als kleine Gesellschaften aus der Gesamtheit absondern und dieser gegenüber ihr Dasein und eigentliches Wesen geheim halten, können sich jederzeit und überall bilden. Bei den Naturvölkern stehen die G. am Ende einer Entwicklung der Altersklassen und Männerbünde (s.d.) oder bilden sich zwar ohne diesen Zusammenhang neu, aber doch in verwandten Formen, die durch besondere Voraussetzungen und Zeremonien der Aufnahme, eigene Verhaltungsmaßregeln für die Mitglieder, bestimmte Arten des äußeren Auftretens, vorgeschriebene Aufgaben gekennzeichnet sind. Die Zwecke der G. liegen zunächst auf religiösem Gebiet. Sie übernehmen den Ahnenkult (s.d.), den Kultus bestimmter animistischer Gottheiten oder unterziehen sich der Aufgabe, durch zauberische Handlungen den Erfolg der Jagd oder des Fischfanges zu sichern, den für die Ernte notwendigen Regen herbeizuführen u.a. Solche G. stehen in keiner Weise im Gegensatz zur Gesellschaft, sondern sind für sie notwendig, ja, unentbehrlich, da sie allein die Kenntnis aller Vorschriften besitzen und damit den Erfolg gewährleisten. Daß sie Masken (s.d.) tragen, erhöht nur ihr Ansehen. Andererseits sind sie doch nicht vor dem Verfall geschützt. Wo sie zum Ahnenkult Schädel benutzen, kann z.B. der G. zu einem Kopfjägerverbande werden. Zu den rechtlichen und polizeilichen Funktionen der G. leiten die G. über, denen die Durchführung der Gebräuche des Tabus (s.d.) obliegt. Jedoch bleibt auch bei den G. mit profanen Zwecken die Verbindung mit religiösen Vorstellungen und Kultsitten bestehen. Auf ihr beruht die Zuerkennung besonderer mystischer Kräfte, auf die sie nicht verzichten können, ohne ihre Wirksamkeit einzubüßen. Ein Vorzug der G. ist ihre straffe Organisation, die durch harte Strafen gegen die Mitglieder aufrecht erhalten wird; wer bei den Geheimtänzen strauchelt oder Fehler begeht, wird z.B. erschlagen (Westsudan). Vielgestaltig sind die Zwecke der profanen G. Sie dienen der Niederhaltung der Frauen und damit der Wahrung der Macht der Männer (Kakorrabund auf Buka) oder haben dadurch eine politische Bedeutung, daß sie zersplitterte Sippen und Familien zu Dorfgemeinden zusammenfassen (Asabund der Astrolabebai). Andere dienen der Rechtspflege, der Aufrechterhaltung der Ordnung, der Beilegung von Streitigkeiten (Purrahbund in Westafrika, Dukduk in Neupommern). Die Verhütung von Unordnung auf den Märkten, die Einschüchterung säumiger Schuldner unter den Händlern bezweckte der Egbo (in Kamerun Mungi) Westafrikas. Der Pangabund Kameruns dagegen war eine zügellose Räubergesellschaft. Profane G. können in staatlich unorganisierten Gebieten vortrefflich wirken und sind daher mehrfach von den Kolonialverwaltungen in Dienst genommen worden. Auch als Gegengewicht gegen anarchische Zustände bewähren sie sich, verlieren aber mit der Rückkehr geordneter Zustände, an Einfluß. Wo die Häuptlingsmacht hervortritt, bleibt dem G. meist nichts anders übrig, als in den Dienst des Häuptlings zu treten, wodurch er etwa zu einer Polizeitruppe wird. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, mag nun der G. dem Häuptling unterstehen oder sich selbst regieren, daß er zu egoistischen und terroristischen Zwecken Verwendung findet (s. Dukduk). Indessen hat kein G. längere Dauer, zumal kein Geheimnis unbegrenzt gewahrt werden kann, sondern erliegt gewöhnlich der allgemeinen Entwicklung, die freilich auch jederzeit zur Entstehung von neuen G. Anlaß geben kann.

Literatur: H. Schurtz, Altersklassen und Männerbünde. Berl. 1902.

Thilenius.