Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 688 ff.

Geisteskrankheiten. 1. Hauptarten. 2. Behandlung von G. 3. G. in den Tropen.

1. Hauptarten. Unter G. versteht man eine Störung der geistigen Tätigkeit, die sich äußert in einer Veränderung der Funktionen des Denkens, Fühlens und Wollens in ihrer Gesamtheit oder in einer Störung nur der einen oder anderen dieser drei Funktionen geistiger Tätigkeit. Die G. kann bestimmte anatomisch nachweisbare Veränderungen im Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) zur Ursache haben, es gibt jedoch auch eine Reihe von G., bei denen bisher bestimmte anatomische Veränderungen nicht nachgewiesen werden konnten. Störungen des Gemütslebens äußern sich vorwiegend in Depressionszuständen (Melancholie) oder krankhaftem Gehobensein der Stimmung mit Beschleunigung des Ablaufs der Vorstellungen (Manie). Eine große Bedeutung haben unter den geistigen Störungen die Wahnvorstellungen, die häufig durch Halluzinationen (Sinnestäuschungen) entstehen. Die Wahnideen haben teils den Charakter von Größenideen (Größenwahn, die Kranken bilden sich ein, von hoher Geburt, der Kaiser, der liebe Gott u.a. zu sein) oder von Verfolgungs- bzw. Schuldideen (Verfolgungswahn). Von G. mit anatomisch nachweisbaren Veränderungen ist die wichtigste die Paralyse (Gehirnerweichung), die in zweifellosem Zusammenhang mit früher überstandener Syphilis (s.d.) steht. Die ersten Anzeichen, deren Erkennung auch für den Laien besonders wichtig ist, sind Verminderung des sittlichen Empfindens und Abnahme der Urteilskraft. - Sehr wichtig ist auch die Kenntnis des Zusammenhanges von Alkoholismus und Geistesstörung, der u. a. in dem so häufigen Delirium tremens seinen Ausdruck findet.

2. Behandlung v. G. Eine besondere Behandlung von G. ist in vielen Fällen nicht erforderlich. Wo es sich um Aufregungs-, Tobsuchts- oder um Zustände von Gemeingefährlichkeit handelt, ist die Unterbringung in einem Krankenhaus oder einem sonst als Krankenaufenthalt geeigneten Raume in Betracht zu ziehen. Wo Krankenhausbehandlung nicht möglich ist, muß auf alle Fälle eine Wache bei dem Kranken eingerichtet werden, die sich Tag und Nacht ablösen muß; unruhige Kranke sollen durch ruhiges Verhalten und Eingehen auf ihre Ideen beruhigt werden. Brüskes Verweisen ihres Benehmens bzw. ihrer Ansichten oder Anwendung von Zwang ist schädlich. Der Geisteskranke ist stets als Kranker anzusehen, der für seine Handlungen nicht verantwortlich ist. Tobende Kranke müssen durch große Aufmerksamkeit der Wache davor bewahrt werden, daß sie sich selbst oder andere verletzen. Erhöhung der Seitenwände des Bettes durch eingelegte gepolsterte Bretter oder Gitter und ähnliches kommt dabei in Betracht. Nur im äußersten Notfalle ist eine schonende Fesselung in Anwendung zu bringen, niemals aber Schlagen oder auch nur Androhen von Strafe. Die Beseitigung von allen Gegenständen, mit denen Schaden angerichtet werden kann, aus der Nähe der unruhig Kranken ist erstes Erfordernis. Die Verabreichung . von Beruhigungsmitteln, Brom, Chloral, Codein, besonders aber von Morphium, ist in solchen Zuständen von großem Nutzen. Stets ist auch daran zu denken, daß Geisteskranken, die dazu neigen (Melancholikern), die Möglichkeit, Selbstmord zu begehen, genommen wird (Beseitigung von Waffen, Gift, Arzneien, Verriegelung von Tür und Fenster u.a.).

3. G. in den Tropen. Die Europäer sind in den Tropen der Erkrankung an Geistesstörungen anscheinend in noch höherem Maße ausgesetzt als in der gemäßigten Zone. Im Zusammenhang mit Malaria (s.d.) kommt es bisweilen zu Geistesstörungen vom Charakter der halluzinatorischen Verwirrtheit, welche im allgemeinen den Fieberanfall nicht überdauern, bisweilen jedoch in eine Form chronischer Geistesstörung übergehen. Alkoholismus und Syphilis spielen zweifellos bei der Entstehung von Geistesstörungen bei Europäern in den Tropen eine große Rolle, vielleicht in noch höherem Maße als in der gemäßigten Zone. Ferner ist als ein ätiologischer Faktor der geistigen Erkrankung von Europäern in den Tropen auch der Umstand anzusehen, daß die völlige Neuheit und' Fremdartigkeit der Umgebung und der Anforderungen, welche sie stellt, auf manchen Neuling in den Tropen einen Eindruck machen, dem ein schwaches Nervensystem nicht gewachsen ist. Psychosen unmittelbar nach dem Eintreffen in den Tropen finden auf diese Weise ihre Erklärung. Ein in der Erörterung der Tagespresse vielfach gebrauchter Begriff, der in das Gebiet der G. der Europäer in den Tropen gehört, der Tropenkoller, kann nicht als Bezeichnung einer wirklichen G. angesehen werden. Der Tropenkoller, der als Ursache unüberlegter, häufig gewalttätiger Handlungen angesprochen wird, ist nichts weiter als ein auf dem Boden von Neurasthenie zustande kommender vorübergehender Erregungszustand. Die die Ursache bildende Neurasthenie (s. Nervenkrankheiten) ist wiederum die Folge einer Reihe von hygienisch schädigenden Momenten, die in den Tropen wirksam sind, wie Malariaerkrankung, Alkoholschädigung, Chininwirkung, von Haus aus vorhandene und durch den Tropenaufenthalt gesteigerte, exzentrische Veranlagung u. a. Ein praktisch sehr wichtiger Punkt ist der Mangel von Irrenanstalten für Europäer in den Tropen, der sich häufig aufs schwerste fühlbar macht. Im allgemeinen ist bei vorkommender geistiger Erkrankung in den Tropen stets auf möglichst schnelle Heimsendung zu dringen. Daß G. wenn auch nicht so häufig als bei Europäern auch bei Farbigen vorkommen, ist sicher. Im ganzen ist über diese Seite der Pathologie der Eingeborenen noch wenig beobachtet und mit geteilt worden. Irrenanstalten für Farbige in den Tropen gibt es bisher nur in sehr spärlicher Zahl. Bekannt ist das von der Mission unterhaltene Heim für geisteskranke Farbige in Lutindi in Deutsch -Ostafrika (s. Evangelischer Afrikaverein).

Werner.