Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 690 ff.

Gelbfieber an der Westküste des tropischen Afrikas, in Mittelamerika, in Mexiko und im nördlichen Teil Südamerikas vorkommende, sich seuchenhaft ausbreitende, schwere Infektionskrankheit des Menschen, welche durch den Stich einer bestimmten Mückenart übertragen wird und sich klinisch durch hohes Fieber, Gelbsucht und Erbrechen schwarzer Massen auszeichnet. - Nach Europa ist die Krankheit öfters verschleppt worden und verursachte dort kleinere oder größere Epidemien, um bald wieder zu verschwinden, dagegen blieben Asien, Australien und die Ostküste des afrikanischen Kontinents bisher gänzlich verschont; an der Westküste Afrikas kommt sie hauptsächlich zwischen Senegal und Süd - Nigeria vor; in Kamerun wurde sie nie beobachtet, obwohl sie in Fernando Po erschien und südwärts bis Loanda gekommen ist; auf der südlichen Küste der Vereinigten Staaten, in Kuba und in Mittelbrasilien, den früheren größten Gelbfieberherden, ist sie durch zweckmäßige Bekämpfung ausgerottet worden. - Außer den dem deutschen Namen in den verschiedenen Sprachen entsprechenden Bezeichnungen [Febre amarella (port.), Yellow fever (engl.), fièvre jaune (franz.), geele Koorts (holl.), febbre gialla (ital.), fiebre amarilla (span.)] wird das G. in manchen Gegenden noch nach anderen auffallenden Erscheinungen wie vomito negro, borras, coup de barre genannt. Weniger oft begegnet man noch in der modernen Literatur anderen Bezeichnungen wie: febris flava, Typhus icteroides, typhus amaril, febris biliosa maligna, febris ardens biliosa. - Außerdem wird oft das G., wenn es in einer leichteren Form auftritt, verkannt und entweder als besondere Krankheit aufgefaßt oder mit anderen verwechselt; so dürfte mindestens ein großer Teil. der als fièvre inflammatoire, febre de calor und febris biliosa remittens bezeichneten Erkrankungen nichts weiter als G. sein. - Die Krankheit beginnt meistens plötzlich mit heftigen Kopfschmerzen, Hitzeempfindung und Unwohlsein. Die Temperatur steigt rasch bis 40 - 41°, das Gesicht, die Augen und die Brust sind deutlich gerötet, der Blick hat einen feuchten Glanz und einen schlaffen Ausdruck. Der Kranke kann schläfrig oder sehr unruhig sein, er klagt außer über Kopfschmerz in der Stirngegend über Rückenschmerzen, die in die Gliedmaßen ausstrahlen, fühlt sich matt, verlangt zu trinken und hat ein schmerzhaftes Empfinden gegen Druck in der Magengegend; es besteht manchmal Neigung zum Erbrechen, der Harn ist spärlich und von dunkler Farbe. Dieser Zustand dauert 2 - 3 Tage und stellt das sog. erste Stadium des G. dar; dann lassen alle diese Erscheinungen mehr oder weniger nach oder verschwinden, was oft eine Besserung vortäuscht. Die Symptome des zweiten Stadiums der Krankheit stellen sich nun mehr oder weniger rasch ein. Die Temperatur kann bis 38° oder selbst bis zur Norm sinken. Der Puls wird klein und dünn. An Stelle der verschwundenen Rötung des Gesichtes und der Augen tritt eine an der weißen Augenhaut beginnende gelbe Farbe auf, die sich mehr oder weniger stark über den ganzen Körper ausbreitet. Diese allgemeine Gelbfärbung kann aber erst spät oder selbst erst nach dem Tode deutlich werden. - Die erbrochenen Massen, die zunächst nur galliggelb gefärbt sind, enthalten dann schwärzliche Brocken und Fäden, und oft überwiegen diese von Magenblutungen herrührenden Bestandteile derart, daß das Ganze das Aussehen eines Kaffeeaufgusses bietet. Hierbei empfindet der Kranke, als ob sich ihm die Magengegend zusammenschnürte, was ihn manchmal außerordentlich quält. Der stets Eiweiß und Gallenfarbstoff enthaltende Harn wird immer spärlicher und kann schließlich vollkommen aufhören. Blutungen im Darm, aus der Nase, aus dem Zahnfleische, Alter und Uterus kommen häufig vor. Der Tod tritt gewöhnlich zwischen dem 6. und 10. Krankheitstage ein. Während beim Erwachsenen nervöse Erscheinungen wie Verworrenheit, Krämpfe und Delirien unregelmäßig vorkommen, oft sogar erst kurz vor dem Tode hervortreten, stellen sie beim Kinde die auffallendsten Symptome dar. Die übrigen Erscheinungen pflegen im Kindesalter sehr undeutlich zu sein, so daß die Diagnose oft schwer oder unmöglich ist. Ebenso schwer ist die Diagnose bei Erwachsenen, wenn der Anfall ein leichter ist, wobei nach dem ersten Stadium die Heilung eintritt. Dieses erste Stadium bietet nämlich große Ähnlichkeit mit dem Beginn mancher anderen Infektionskrankheit, während erst im zweiten Stadium die für G. charakteristischen Erscheinungen sich einstellen. - Die Unterscheidung des G. vom Schwarzwasserfieber (s.d.) beruht hauptsächlich auf dem Nachweis von Blutfarbstoff im Urin (bei G. niemals vorhanden). Um G. nach dem Tode festzustellen, empfiehlt es sich, eine kleine, höchstens 5 mm dicke Scheibe aus der Leber herauszuschneiden und sie, ohne auf sie irgendeinen Druck auszuüben, in eine Konservierungsflüssigkeit wie z.B. 6 % Sublimatoder 10 % Formollösung, zwecks fachmännischer histologischer Untersuchung aufzubewahren. - Die Sterblichkeit bei G. ist sehr verschieden, sie beträgt durchschnittlich 40 %, erreicht nicht selten 75 %, ist dagegen im Kindesalter sehr gering und scheint unter Umständen besonders bei Eingeborenen der G.orte äußerst niedrig zu sein. - Die Behandlung besteht ausschließlich in der Bekämpfung unangenehmer oder gefahrdrohender Erscheinungen; gegen die Krankheit selbst gibt es kein Mittel. Die Magenerscheinungen werden durch Verabreichung von abgekühlten alkalischen Tischwässern oder Sekt gemildert. Gegen die Herzschwäche und die Blutungen werden die üblichen Mittel angewandt. - Obwohl es feststeht, daß das G. ein Lebewesen als Erreger besitzt, konnte dieses bis jetzt noch nicht sichtbar gemacht werden. Der Umstand, daß das virulente Blut von G.kranken selbst nach Filtration durch bakteriendichte Filter die Fähigkeit behält, auf gesunde Menschen eingespritzt, die Krankheit zu erzeugen, spricht dafür, daß der G.erreger ein äußerst winziger Mikroorganismus ist, der vielleicht sogar jenseits des Vergrößerungsvermögens unserer stärksten Mikroskope steht. Er kreist nur während der drei ersten Krankheitstage im Blute und verschwindet dann. Nur während dieser Zeit kann also die übertragende Mücke durch Saugen den Krankheitskeim in sich aufnehmen. Eine so infizierte Mücke vermag erst 11 Tage später den Erreger auf den Menschen zu übertragen, von nun an behält sie aber diese Fähigkeit während ihres ganzen Lebens (mehrere Monate) bei. - Zahlreiche Experimente haben erwiesen, daß keine andere Ansteckungsart außer der Übertragung durch Mücken vorkommt. - Für die Übertragung kommt nach bisheriger Erfahrung nur die in der Welt sehr verbreitete und durch weißgeringelte Füße und eine Lyrazeichnung am Thorax ausgezeichnete, kleine, schwarzgraubraune Mücke - Stegomia Calopus - in Betracht. Die Übertragung erfolgt erfahrungsgemäß last ausschließlich nach Sonnenuntergang. - Aus dem Gesagten ergeben sich die Richtlinien jeder G.bekämpfung, die in drei Gruppen von Maßnahmen zusammengefaßt werden können. -

I. Verhindern, daß Mücken sich an kranken Menschen infizieren. Kranke werden unter Moskitoschutz, bis zum 4. Krankheitstage eingesperrt; aus G.Hafen kommende Schiffe gehen in einer mindestens 300 m betragenden Entfernung vom Lande zu Anker; gesunde aus G.orten kommende Menschen werden bis zum 6. Tage (Inkubationszeit) nach dem Verlassen jenes Ortes ärztlich beobachtet; allgemeine Mückenbekämpfung usw. -

II. Vernichten der bereits infizierten Mücken. Ausräucherung mit Schwefel oder Insektenpulver (Pyrethrum) von Häusern, Hütten, Baracken, sowie von Schiffen nach dem Anlauf infizierter Häfen. -

III. Verhindern, daß gesunde Personen durch infizierte Mücken gestochen werden. Schlafen nur unter gut schließendem, engmaschigem Moskitonetz; nach Sonnenuntergang wird jeder Aufenthalt in nicht geschützten Räumen vermieden; Schiffe beim Anlaufen von G.häfen ankern in mindestens 300 m Entfernung, die Insassen dürfen nach Sonnenuntergang nicht ans Land gehen. - Je nach dem Fall kommt in der Praxis bald diese bald jene Maßregel hauptsächlich in Anwendung, so werden z.B. beim Durchreisen einer G.gegend nur einige der unter III besprochenen Maßnahmen herangezogen, während für den Schutz eines gelbfieberfreien Ortes nur die mit I und für die Ausrottung der Krankheit aus den Gegenden, wo sie endemisch ist, alle gleichzeitig angewendet werden müssen.

H. da Rocha-Lima.