Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 692

Geld der Eingeborenen. Tauscht der Viehzüchter mit dem Bauern Häute gegen Korn, so mißt sich die eine Ware an der anderen. Sobald aber die Zahl der Waren steigt und die Wünsche der Käufer sich mehren, ergibt sich die Notwendigkeit eines Tauschmittels, das allgemein anerkannt und weiterhin zum Wertmesser wird. Solche entwickeln sich leicht aus Nahrungs- und Genußmitteln, deren jeder bedarf: Datteln, Maniokbrote, Kolanüsse, Tabaksblätter, Pfeffer, Zwiebeln, vor allem Salz; auch Erzeugnisse des Gewerbes werden aus gleichen Gründen als G. verwandt: Rindenzeug, Matten, Palmfaserstoffe, Baumwollstreifen, Kleider, ferner Lanzenspitzen, Wurfeisen, Hacken, Messerklingen, Eisen- oder Kupferbarren. Wo europäische Erzeugnisse regelmäßig erscheinen, sind Rum, Schießpulver, Messingdraht, Gewehrpatronen G. Der Kurs solchen Warengeldes wird durch Angebot und Nachfrage beeinflußt, und die Kaufkraft wächst mit der Entfernung von dem Orte der Gewinnung, an dem es meist nicht G. ist. Diesem Kleingeld stehen als Großgeld gegenüber: Sklaven, Elfenbein, Vieh, Gewehre. Tritt hier noch der Charakter des G. als Ware hervor, so beruht die Bedeutung und Anerkennung weiterhin völlig auf dem Übereinkommen. Messer, Lanzen, Hacken verlieren sehr rasch ihre für den ernsthaften Gebrauch bestimmte Gestalt und werden zum Zeichengeld. Hierher gehört auch G. aus Papier, Lack, Porzellan, Blei, ferner das in ungefügen durchlochten Platten bestehende Steingeld von Jap, endlich das Schmuckgeld: Muscheln, Muschelarmringe, Hundeoder Fledermauszähne, Eberhauer usw., neuerdings vor allem Glas- oder Porzellanperlen. Die Bedeutung des Zeichengeldes liegt darin, daß es ebenso wie das gewerbliche G. aufbewahrt und kapitalisiert werden kann; so sammelten die wohlhabenden Eingeborenen an der Blanchebucht in Neupommern große Mengen von Muschelgeld an und liehen es gegen Zinsen aus. Einer Entwertung dieser Formen des G. beugt entweder die beschränkte Ausgabe (Ostasien) oder wie beim Muschelgeld die Schwierigkeit der Erlangung vor. Den Kurs der von den Malediven und der ostafrikanischen Küste nach dem westlichen Sudan durch Araber, später durch Europäer gebrachten Kaurimuschel (s.d.) regelte einigermaßen die Einfuhr; das Diwarra (s.d.) Neulauenburgs oder das Tambu (s.d.) der Blanchebucht besteht, wie viele andere özeanische Formen des Muschelgeldes, aus kleinen geschliffenen und auf Fäden gereihten Scheibchen einer ganz bestimmten Muschel, die schwierig zu erlangen und deren Bearbeitung mühsam und zeitraubend ist; eine entwertende Überproduktion war dabei um so weniger zu befürchten, als zur Herstellung die Erlaubnis des Häuptlings nötig war. Schwankungen unterliegt indessen jedes G., und zwar nicht nur aus Gründen, die der Markt bestimmt. In Logone (Kamerun) z.B. stand das G. aus gekrümmten Eisenplatten unter Pari, ehe der Sultan seinen Tribut erhielt, stieg aber im Werte, wenn er Einkäufe zu machen hatte; die Händler spekulierten danach (s. a. Geld und Geldwirtschaft).

Literatur: H. Schurtz, Das afrikanische Gewerbe. Lpz. 1900.

Thilenius.