Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 698

Gelenkrheumatismus. Der G. ist eine Infektionskrankheit, welche durch einen Entzündungszustand der Gelenke charakterisiert ist. Die Krankheit beginnt unter Temperatursteigerung mit Schmerzhaftigkeit, Rötung und Schwellung eines oder mehrerer Gelenke. Die Schmerzhaftigkeit des befallenen Gelenkes äußert sich sowohl bei Druck auf die Gelenkgegend wie bei Bewegungsversuchen. Häufig erkranken nach dem erstbefallenen - Gelenk noch weitere, so daß in manchen Fällen nacheinander sämtliche größeren Gelenke des Körpers befallen werden. In anderen Fällen - das ist für den an eine Tripperinfektion (s. Geschlechtskrankheiten) sich anschließenden sog. Tripperrheumatismus charakteristisch - bleibt es bei der Erkrankung eines einzelnen Gelenkes. Allmählich - gewöhnlich im Verlauf einer bis mehrerer Wochen - gehen die Gelenkstörungen unter gleichzeitigem Temperaturabfall zurück, und sehr häufig ist damit die Wiederherstellung erreicht. In anderen Fällen jedoch nimmt der G. einen mehr chronischen Verlauf, die Gelenkstörungen bleiben in mäßiger Stärke bestehen mit oder ohne begleitende Temperatursteigerung, und es können viele Monate vergehen, ehe Heilung eintritt, wenn diese überhaupt erreicht wird; in manchen glücklicherweise nicht häufigen - Fällen nämlich bleiben dauernde Gelenkstörungen zurück, die jeder Behandlungsart Trotz bieten. Sehr wichtig ist die so häufige Beteiligung des Herzens an der Erkrankung (Entzündung der Herzinnenhaut, Endocarditis, die nicht selten zu bleibenden Herzklappenfehlern führt). Bemerkenswert ist auch, daß die Fingangsplorte der G.infektion sehr häufig die Mandeln sind, wie dies aus den im Anschluß an eine Mandelentzündung auftretenden G. auf das deutlichste hervorgeht. Die Behandlung des G. besteht in Ruhigstellung der befallenen Gelenke und in der Darreichung von Salizylpräparaten. Die Ruhigstellung erreicht man durch passende Lagerung (ev. Schienung) der befallenen Gelenke (Unterstützen der Glieder mit Kissen, Sandsäcken u.ä.) und gleichzeitiges Einpacken in Watte; auch die Applikation von Jod oder von Ichthyolsalbe ist angezeigt. Salizyl wird in Form von Natrium salicylicum in Dosen von mindestens 2 g täglich (auch Aspirin ist wirksam) gegeben. Sind die akut entzündlichen Erscheinungen zurückgegangen, so ist durch rechtzeitige Einführung von Massage und Bewegungsübungen der Versteifung der Gelenke vorzubeugen; dies gilt insonderheit für den Tripperrheumatismus, bei dem die Gefahr der Versteifung besonders groß, ist. Auch Schwitzpackungen erweisen sich häufig als nützlich. Der G. tritt wie überall in der Welt so auch in tropischen Gegenden auf, doch scheint er im ganzen in den Tropen etwas seltener zu sein als in der gemäßigten Zone. Bei Europäern der Tropenzone tritt er, wie Armeestatistiken beweisen, verhältnismäßig häufiger auf als bei Eingeborenen. Von den deutschen Afrikakolonien ist zu sagen, daß G. in Westafrika häufiger zu sein scheint als in Ostafrika.

Werner.