Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 699

Gemischte Ehen sind Ehen, bei denen das Glaubensbekenntnis der Ehegatten verschieden ist. Das katholische Kirchenrecht betrachtet Ehen zwischen Getauften und Ungetauften als unzulässig und nichtig. Auch das evangelische Kirchenrecht hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß derartige Ehen unstatthaft seien und lehnt deshalb eine Beteiligung der Kirche dabei ab. Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses bildet nach der Anschauung der katholischen Kirche ebenfalls ein Ehehindernis, von der aber Dispens erteilt werden kann (durch den Papst oder, wie in Deutschland, kraft Delegation durch die Bischöfe). Der Dispens pflegt von gewissen. Bedingungen abhängig gemacht zu werden, insbesondere dem Versprechen, daß die Kinder im katholischen Glauben erzogen werden. Auch wird regelmäßig nur die sog. passive Assistenz des Pfarrers bei der Ehe gestattet, d.h. die Entgegennahme des Ehekonsenses ohne Aufgebot und Erteilung des Segens, in gewissen evangelischen Ländern freilich auch aktive Assistenz. Die evangelische Kirche mißbilligt zwar Ehen zwischen Protestanten und Katholiken, sieht aber in Verschiedenheit der Konfession kein Ehehindernis. Nur versagt sie zum Teil in Fällen, wo die katholische Erziehung der Kinder versprochen wird, die Trauung oder knüpft an dieses Versprochen den Verlust des passiven Wahlrechts für kirchliche Körperschaften. Staatlicherseits wird, seitdem durch die neue Gesetzgebung die obligatorische Zivilehe eingeführt ist, die Religionsverschiedenheit als Ehehindernis nicht mehr anerkannt. Auf diesem Standpunkt steht auch das nach § 7 SchGG. für die Schutzgebiete maßgebende Ges. über die Beurkundung des Personenstandes im Auslande vom 4. Mai 1870 (BGBl. S. 599). Die Eigenschaft einer Ehe als gemischte interessiert indes für die staatliche Gesetzgebung noch insoweit, als die Frage entsteht, in welcher Religion die Kinder zu erziehen sind. Diese Frage ist reichsgesetzlich nicht geregelt (Art. 134 EG. zum BGB.). Es kommen daher gemäß § 3 SchGG., § 19 KonsGG. die einschlägigen preußischen, im bisherigen Geltungsbereiche des preußischen Allgemeinen Landrechts in Kraft stehenden allgemeinen Gesetze zur Anwendung. Nach §§ 77 f II 2 ALR. (Art. 89, 1 c AG. zum BGB.) in Verbindung mit der Deklaration vom 21. Nov. 1803 folgen Kinder aus G. E. bis zum vollendeten 14. Lebensjahre ohne Unterschied des Geschlechts der Religion des Vaters, die auch nach seinem Tode maßgebend ist. Eine Änderung in der letzten Krankheit bleibt indes unberücksichtigt. Eine Ausnahme von der Regel findet nur insofern statt, als in dem Falle, daß der Vater ein Kind das ganze letzte Jahr vor seinem Tode in dem Glaubensbekenntnis der Mutter hat unterrichten lassen, dieser Unterricht fortzusetzen ist. Verträge der Ehegatten, welche die religiöse Erziehung der Kinder abweichend von den gesetzlichen Vorschriften regeln, sind nicht rechtsverbindlich. Jedoch hat, solange die Eltern leben und über den ihren Kindern zu erteilenden Religionsunterricht einig sind, kein Dritter ein Recht, ihnen darin zu widersprechen. Nach dem 14. Lebensjahre können die Kinder selbst ihre Religion wählen. Über Ehen zwischen Weißen und Farbigen s. Mischehen.

Literatur: Die Lehrbücher des Kirchenrechts (z.B. Friedberg, Lehrbuch des katholischen und evangelischen Kirchenrechts, Lpz. 1909 S. 456 f., 287 f.). - Ferner in Betreff der religiösen Kindererziehung: Dernburg, Bürgerliches Recht Bd. 4. Halle a. 8. (4. Aufl. 1908) § 75. - Friedrich in Fleischmanns Wörterbuch des Staats- und Verwaltungsrechts, Bd. 3, 1918 S. 308 f. (unter Mit. Berücksichtigung der Kolonien).

Gerstmeyer.